Drei Gründe, warum Michael das Zeug zum Sieg(er) hat

Nun ist es in wenigen Stunden also soweit: 26 Finalisten kämpfen im Grand Final des Eurovision Song Contest 2018 um den Sieg in Lissabon. Zu den potenziellen Favoriten um die seit Längerem gehypte Netta gesellte sich in den letzten Tagen auch der deutsche Vertreter Michael Schulte. Was spricht dafür, dass er das beste Ergebnis seit Lena 2010 einfahren könnte?

Erstens: Die Startnummer

Michael Schulte startet nicht zu früh im Wettbewerb. Da wäre womöglich das Risiko groß gewesen, bis zum Ende wieder in Vergessenheit zu geraten angesichts der mit vielen Props aufgeladenen Shows der über 20 Acts. Dieses Risiko liegt nun eher bei den früh startenden Balladen aus Spanien und Litauen. Mit Startnummer 11 hat Michael mit die beste in der ersten Hälfte erhalten, zumal umringt von Songs, denen ich heute Abend nun nicht allzu viel zutraue (Serbien, Albanien). Hier kann „You Let Me Walk Alone“ zwischen dem leicht theatralischen Balkan-Gejammer und der Pseudorocknummer durch Schlichtheit und Ruhe glänzen.

2018 Deutschland Michael Schulte Auslosung

Zweitens: Die Authentizität

Jeder Teilnehmer hat beim ESC nur 3 Minuten, um sich zu präsentieren. Die einen wählen die bewusst „gekünstelte“ Show (etwa Finnland, die Ukraine und Israel) oder setzen im weitesten Sinne auf Varieté (Moldawien, Zypern), die anderen vertrauen eben auf Nüchternheit und darauf, dass der Künstler, die Künstlerin authentisch rüberkommt. Letzteres könnte erfolgversprechender sein. Echtheit ist in den letzten Jahren ein wichtiges Pfund geworden, mit dem sich gut wuchern lässt. Jamala gewann mit einem Lied über die Vertreibung ihrer krimtatarischen Großmutter unter Stalin; Salvador Sobral siegte mit einer anrührenden Liebesballade, die irgendwie echt wirkte, zumal geschrieben von seiner Schwester.

Doch auch jenseits des ESC ist Authentizität (bisweilen auch inszenierte Authentizität) ein wichtiges Kriterium. Im deutschsprachigen Raum gilt das sicher für Acts wie Max Giesinger oder Bilderbuch, international muss man da in den letzten Jahren an Lorde denken, aber auch an Ed Sheeran, mit dem Michael Schulter gern verglichen wird. Michael strahlt diese Authentizität auf der Bühne in der Altice Arena aus. Als Zuschauer nimmt man ihm ab, wovon er da singt. Und das hat auch mit Grund drei zu tun.

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Drittens: Die Botschaft

Zum einen singt Michael ein selbstgeschriebenes Lied, und man darf hoffen, dass die Kommentatoren heute Abend auch dessen Hintergrund erklären: es ist das Lied eines 28-Jährigen an seinen toten Vater. Michael war ein Teenager, als vor 13 Jahren sein Vater verstarb. Nicht ganz jung, um sich nicht an ihn zu erinnern, aber doch so weit weg.

„Ich bin ein Träumer – und man hat mir gesagt, dass du auch einer warst… ich hab das von dir“, damit kann sich der Zuhörer identifizieren. Vor allem, wenn man selbst einen geliebten Menschen verloren hat. Die Orte, an denen plötzlich alte Erinnerungen an den Verlorenen wieder wach werden. Die unerfüllte Hoffnung, den Lebensweg gemeinsam mit dieser Person gehen zu können („Ich dachte, du würdest mich führen, wenn das Leben mich auf falsche Bahnen lenkt – in diesen Augenblicken vermisse ich dich am meisten“).

Michael erzählt eine ganz persönliche Geschichte; im Refrain breitet er sie vor uns allen aus: drei Kinder, eine liebende Mutter, ein Vater, der irgendwann nicht mehr da war. „Ich bin so weit gekommen, aber du wirst es nie erfahren, weil du mich diesen Weg allein gehen ließt.“ Das ist anrührend, bewegend. Und es ist eine Geschichte, die jeden trifft: Der Tod eines geliebten Menschen ist Teil des Lebens; dies akzeptieren zu lernen und zu ertragen, ist es, was uns stark macht.

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Der Backdrop unterstützt diese Geschichte, er wäre aber vermutlich nicht zwingend nötig gewesen – wobei allerdings die Vater-Sohn-Fotos in Vergilbt-Optik erst recht ein Anker sind, sich mit Lied und Künstler zu identifizieren. Die Melodie ist schlicht, bleibt aber im Gedächtnis.

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Nun lässt sich Ähnliches auch über andere Lieder des Abends sagen. Vor allem am ehesten von zwei Beiträgen, die in ähnlichem Gewässer unterwegs sind: „When We’re Old“ aus Litauen (auch dies Teil des Lebens: mit dem geliebten Menschen das Leben verbringen „bis dass der Tod uns scheidet“) und „Together“ aus Irland. Kein Wunder, dass auch diese beiden Acts zuletzt bei den Buchmachern Aufwind erfahren haben.

Damit habe ich also nicht gesagt, dass Michael Schulte heute Abend klarer Favorit wäre. Den scheint es in diesem Jahr ohnehin nicht zu geben. In den letzten Stunden vor Beginn der Final-Liveshow gehen die Tipps weiterhin durcheinander (Israel, Zypern, Frankreich, mancher sieht womöglich jetzt gar Moldawien oder doch noch Tschechien auf dem Siegertreppchen). Es bleibt also spannend… und das ist auch gut so! Viel Spaß heute Abend – may the best song win!