Ein Schweigen, das die Menschen erhörten. Erinnerungen zum Tode von Maria Guinot

„Wenn ein Künstler stirbt, dann beweint ihn das Volk“ sang Maria Guinot (Foto Acácio Franco) im Gedenken an José Afonso. Nun trauert Portugal um die Sängerin, die sich mit ihrem Eurovisionssong „Silêncio e tanta gente“ schon zu Lebzeiten ein Denkmal setzte.

Es gibt Lieder, die erst nach ihrer Teilnahme beim Eurovision Song Contest ihre wahre Dynamik entfalten und zu Klassikern werden. In manchen Jahren findet sich vielleicht ein Lied, das es in der Popularität mit dem Siegertitel aufnehmen kann. 1984 gab es gleich drei Songs, die sich in das Gedächtnis der Fans eingemeißelt haben. Neben den Liedern aus Italien „I treni di Tozeur“ von Alice & Franco Battiato und den Niederlanden „Ik hou van jou“ von Maribelle erreichte auch der portugiesische Beitrag „Silêncio e tanta gente“ von Maria Guinot Kultstatus. Bei der Wahl des besten portugiesischen Beitrags aller Zeiten schaffte es dieses Lied auf Platz 3.
Maria Guinot Portugal 1984 4Foto: Arquivo Global Imagens

Geboren am 20. Juni 1945 als Maria Adelaide Fernandes Guinot Moreno in Lissabon erlernte Maria schon als Vierjährige das Klavier spielen.

In den sechziger Jahren begann dann ihre künstlerische Karriere. 1965 trat sie dem Chor der Fundação Calouste Gulbenkian bei. Drei Jahre später nahm sie an einem Radioprogramm teil, wodurch sie am Ende ihre erste Single produzieren konnte. Eine zweite Single „Criança loura“ schloss sich an.

Danach zog sich Maria Guinot erst einmal wieder zurück aus dem Showgeschäft.

Die Eurovision holte die Sängerin zurück auf den Schirm. Am 7. März 1981 startete Maria Guinot als vierte beim Festival RTP da Canção im Teatro Maria Matos in Lissabon unter der Moderation von Eládio Clímaco und Rita Ribeiro. Ihr selbstgeschriebenes Lied „Um adeus, um recomeço“ erhielt zum Schluss von den regionalen Juries 133 Punkte und wurde damit Dritter.


Maria Guinot – Um adeus, um recomeço

Im gleichen Jahr trat Maria Guinot beim Festival da Canção da Rádio Comercial gleich mit drei Titeln an. Den Song „Falar só por falar“ nahm sie auch auf Single auf. Die beiden weiteren Lieder waren „Vai longe o tempo“ e „Um viver diferente“.

1984 kehrte Maria zurück zum Festival RTP da Canção. Fialho Gouveia und Manuela Moura Guedes luden 16 Beiträge am 7. März ins Auditório Europa in Lissabon ein. Als sechstes ging Maria Guinot mit ihrem selbstgeschriebenen Lied „Silêncio e tanta gente“ auf das Podium. Da die Musiker des Orchesters streikten, wurde die Musik der Beiträge vorher aufgenommen. Einzig Maria Guinot begleitete sich live auf dem Piano.


Maria Guinot – Silêncio e tanta gente

Eine 18-köpfige Jury entschied nun, welche sechs Titel ins Superfinale gelangten. Zu der Jury gehörten unter anderem Tonicha (Eurovision 1971), Herman José (der Hercule Poirot des Eurovision Song Contest 2018 in Lissabon) und der Moderator Carlos Cruz, der 2003 wegen Kindermisshandlung verhaftet wurde und ins Gefängnis kam.

Nachdem die sechs Künstler ihre Lieder nochmals vorgetragen hatten, vergab die Jury wiederum Punkte, dieses Mal von 1 bis 10. Am Ende standen 150 Punkte für Maria Guinot auf der Tafel und sie durfte nach Luxemburg reisen.
Maria Guinot Portugal 1984 2
In der luxemburgischen Hauptstadt durfte Portugal als letztes von 19 Ländern an den Start gehen. Schon damals zog der Song durch seine eigenständige Art die Aufmerksamkeit auf sich und wurde hoch gehandelt. Am Ende gab es jedoch nur 38 Punkte auf Platz 11. Sechs Länder (Luxemburg, Spanien, Niederlande, Jugoslawien, Deutschland und die Schweiz) sahen „Silêncio e tanta gente“ in ihren Top Ten. Deutschland und die Schweiz platzierten den Song auf Platz 3. Die Portugiesen waren trotzdem zufrieden, denn sie hatten unter anderem Deutschland hinter sich gelassen.


Maria Guinot – Silêncio e tanta gente

Mit ihrer Hommage an José Afonso, der mit „Grândola, Vila Morena“ das Startsignal zur Nelkenrevolution 1974 sang, wollte Maria Guinot abermals am Festival RTP da Canção teilnehmen. Aber ihr Song „Saudação a José Afonso“ wurde von der Jury abgelehnt, selbst unter geändertem Liedtitel „A Título Póstumo„. Maria Guinot zeigte sich enttäuscht, denn ihrer Meinung nach sollte der Zuschauer und keine Jury entscheiden, ob ein solches Lied Portugal repräsentieren dürfte. Sie war sehr stolz auf diesen Song mit der Orchestrierung von José Mário Branco.


Maria Guinot – Saudação a José Afonso

1987 unternahm von Maria Guinot einen letzten Versuch beim Festival RTP da Canção. Dieses Mal jedoch stand die Künstlerin nur als Komponistin im Teilnehmerfeld. Den Text zu ihrem Lied „Imaginem só“ schrieb Nuno Gomes dos Santos, der auch die Texte zu den Beiträgen von Pedro Miguéis in den Jahren von 1994 bis 1996 verfasste.

Nur sechs Titel gingen am 7. März unter der Moderation von Ana Zanatti im Sala de Congresso do Hotel Casino Parque in Funchal auf Madeira an den Start. Eigentlich sollten es 12 Lieder werden, aber die Jury fand die Qualität des Angebots zu schwach. Ana Alves sang als Letztes den Song von Maria Guinot und wurde mit 106 Punkten Dritte.


Ana Alves – Imaginem só

Im gleichen Jahr brachte Maria Guinot ihr erstes Album „Esta palavra mulher“ auf dem Markt. Dem sollten noch zwei weitere folgen: 1991 „Maria Guinot“ und 2004 „Tudo passa“.


Maria Guinot – Atlantida

Neben ihrer musikalischen Karriere verfasste sie zwei Bücher. „Histórias do Fado“ schrieb sie zusammen mit Ruben de Carvalho und José Manuel Osório und wurde 1999 veröffentlicht.


Maria Guinot – Dança das meninas do meu bairro

Ihr zweites Werk „Memórias de um Espermatozóide Irrequieto“ erschien 2004 zusammen mit dem Longplayer „Tudo passa“. Anschließend zog sich Maria Guinot aus der Öffentlichkeit zurück.


Maria Guinot – A bela adormecida

Infolge von drei Schlaganfällen 2010 musste Maria Guinot ihr geliebtes Klavierspielen aufgeben.

Noch einmal kehrte sie zum Festival RTP da Canção zurück. 2014 saß sie im Publikum der Jubiläumsausgabe und durfte sich die Interpretation ihres Song Contest Liedes durch Lúcia Moniz mit anhören, welches zu Ehren aller verstorbenen Künstler des Festival RTP da Canção genutzt wurde.


Lúcia Moniz – Silêncio e tanta gente

Am 3. November verstarb Maria Guinot in Folge einer Infektion der Atemwege. Nach Helena Ramos, Moderatorin des Festival RTP da Canção 2006, muss Portugal nun innerhalb einer Woche von einem weiteren beliebten Star Abschied nehmen.


Maria Guinot – As mães da praça de Maio

Obgleich Maria Guinot nie die große Karriere gelang, schaffte sie es doch sich mit ihrem Eurovisionsbeitrag in die Herzen der Menschen zu singen. In allen Gazetten und Sendern wurde sofort von ihrem Tod berichtet. Sie genoss hohes Ansehen in Portugal.

Maria Guinot Portugal 1984 1

In den Herzen der Fans wird sie ihren Platz behalten. Ihr „Silêncio e tanta gente“, der schon jetzt ein Klassiker ist, wird die Stimme von Maria Guinot bewahren und unsterblich machen.


Maria Guinot – Silêncio e tanta gente