Update mit ESC-Song: Engelbert in Not – Nur Probleme mit dem ESC!!!

Es sollte der größte Eurovisionscoup der Briten seit der Verpflichtung von Andrew Lloyd Webber im Jahr 2009 werden – Engelbert „The Hump“ Humperdinck, Schnulzenlegende und Königscrooner, singt als ältester Teilnehmer ever beim Grand Prix. Aber noch ehe sein Song unters Volk gemischt wurde, ist er den Altersrekord schon wieder los – und zwar gleich mehrfach! Mindestens drei der sechs Omis, die für Russland an den Start gehen, sind älter als er. Was nun, Engelbert? (Foto: www.zimbo.com)
Video des britischen Beitrags am Ende des Artikels.


Es hat schon etwas Tragisches. Da entschließt sich der Hitsänger der 60er über 40 Jahre nach eben diesen Hits, die britische Flagge zu fliegen und da kommen die Provinzomis und rauben ihm seine (USP) Unique Selling Proposition. Die Omis sind alt und dazu noch lustig. The Hump ist – zumindest im Moment noch – nur alt. Ob sein Lied lustig wird, bleibt abzuwarten. Ein Blick auf das Kompositions- und Produktionspersonal, lässt aber den Schluss zu, dass der Gute auf zeitgenössische, moderne, vermutlich balladeske Mucke setzt. Ob er sich damit einen Gefallen tut, erfahren wir spätestens im Mai. Gewiss, auch Johnny Cash, Neil Diamond und aus Engelberts Fach vor allem Tom Jones haben sich im Spätherbst ihrer Karriere an hippe Produzenten herangemacht und mit ihren Werken ein ordentliches Maß an Credibility erreicht – zumeist allerdings mit zurückgenommener, erdiger Musik, also genau mit dem, was man beim ESC nicht braucht.

„Ach Engelbert, warum hast du dir gerade dieses Jahr für deine ESC-Teilnahme ausgesucht?“ mag man da fragen. „Es hat doch schon so viele Gelegenheiten gegeben.“ Ja, tatsächlich, die gab es. Werfen wir einen Blick zurück…

Die Karriere des Arnold George Dorsey begann in den frühen 60ern, seinen Monsterdurchbruch hatte er im Jahre 1967 mit einer Coverversion eines damals schon 20 Jahre alten Countrysongs. Engelbert prügelte jegliches Cowboygedudel aus „Please, Release Me“ heraus und machte das Lied zu einer Jahrhundertschnulze – und zu einem Nr.1-Hit in seinem Heimatland.

Nach diesem Erfolg wäre es für die Briten nicht abwegig gewesen, The Hump 1968 zum ESC im eigenen Lande zu schicken. Festivalerfahrungen hatte er bereits 1966 beim Songwettbewerb im belgischen Knokke gesammelt. Aber es gab ein Problem:

1966 hatten die Briten eine gediegene Schnulze zum ESC geschickt: „A man without love“, gesungen vom Schotten Kenneth McKellar im Rock, belegte in Luxemburg aber nur einen vergleichsweise schwachen 9.Platz. In den Jahren darauf setzten die Briten daher auf deutlich poppigere Beitrage. Engelbert hatte als Schnulzensänger reüssiert und das war einfach in dieser Zeit nicht dran beim Grand Prix für die Briten.

Dabei wäre es doch toll gewesen, wenn  Mr. Dorsey in der Royal Albert Hall seinen Monsterburner „The Last Waltz“ gesungen hätte, oder? Vielleicht tänzerisch untermalt vom Ehepaar Trautz!


Nachdem für Engelbert keine Chance auf einen ESC-Auftritt in der zweiten Hälfte der 60er gab, schaute er sich anderswo um. Das San-Remo-Festival lieferte damals ja auch immer wieder hübsche Schnulzen. Dort wurde er fündig: „Quando M’innamoro“ hieß der Titel, der ihn anlächelte, vorgetragen einerseits von der Italienerin Anna Identici, andererseit von der US-Vocal-Group The Sandpipers. Der Song belegte Platz 6 in San Remo und war weit davon entfernt, beim ESC aufgeführt zu werden. Stattdessen fuhr Sieger Sergio Endrigo nach London und sang dort „Marianne“, schaffte es aber nicht in die Top 10. Cliff Richard sang den italienischen ESC-Beitrag in englischer Sprache, hatte aber mit dieser Folgesingle zu „Congratulations“ keinen sonderlichen Erfolg.

Anders Engelbert. Er griff sich „Quando M’Innamoro“ und hatte seinen nächsten Riesenhit (in Deutschland übrigens seinen größten). Vielleicht wären die Stiefelbewohner besser beraten gewesen, wenn sie unseren Schnulzenstar für sich in London hätten singen lassen, die paar Brocken Italienisch hätte er sicher gelernt.


Die 60er Jahre waren verstrichen, die 70er angebrochen und Engelbert hatte seine Hitserie in den britischen Top 10 bereits hinter sich. Was tun? Er begann wieder zu wildern und nahm einen Song aus der britischen Vorentscheidung des Jahres 1971 auf: „Another Time, Another Place“. Damals hatte die nordirische Sängerin  Clodagh Rodgers alle Lieder der VE selbst gesungen, die Briten wählten „Jack in the box“, der später von oder für Engelbert ausgewählte Song landete unter ferner liefen. Und dennoch: in der Version von „The Hump“ hätte das einen veritablen ESC-Beitrag abgegeben. Zusätzlich gab es einen Imagewechsel. Die doch etwas steifen Anzüge wurden gegen Lederkombis und hübsche Glanzhemden aus Kunstfaser getauscht, Schals oder kultige Ketten wurden angelegt. Hip as can be. „Another Time…“ wurde für Engelbert zu einem  Top-20-Hit im UK.


In den fortschreitenden 70er Jahren  sah Engelbert sich gern auch mal außerhalb Großbritanniens um – vorzugsweise in Las Vegas. So bekam er vermutlich nicht mit, dass 1976 einer seiner Kollegen den Schritt auf die VE-Bühne wagte. Tony Christie hat, über die Jahre gesehen, eine ähnliche Karriere hingelegt wie The Hump: ein paar Hits, die zu Evergreens wurden („Sha la la la la la la la, bum bum…“), Las Vegas, Comebackversuche und Produktionen im europäischen Ausland. 1976 war er mit seinen Top-10-Hits in England auch erstmal durch und ging zur ESC-Vorentscheidung. Sein Beitrag, „Queen of the Mardi Grass“, kam schmissig daher und brachte ihm einen dritten Rang. So hätte auch ein ESC-Auftritt Engelberts aussehen können, aber er war ja nicht da.


In England wurde es ruhiger und ruhiger um Angel-Birdy. Mitte der 80er war er jedoch plötzlich wieder da – aber nicht in seinem Heimatland, sondern bei uns. Das Album „Träumen mit Engelbert“ produziert von Tony Marshalls Ziehvater Jack White wurde in Deutschland zur Nummer 1. Jetzt begann die wahre Schnulzenzeit. Hatten seine Hits der 60er alle noch ein gewisses Maß an Lounge- oder Cocktail-Stil, lieferte er jetzt den Soundtrack für das sonntägliche Kaffeetrinken auf dem Sofa in deutschen Mietwohnungen. Wäre es in dieser Zeit denkbar gewesen, dass er sich an einer deutschen Vorentscheidung beteiligt? Leider nein, denn 1. war er selbst für die schrägen 80er-Jahre-VEs zu schnulzig und 2. beim falschen Produzenten unter Vertrag . Ralph Siegel hieß der Mann der Stunde, der Mitte der 80er Jahre literweise Songs über der Sendung „Ein Lied für X“ ausschüttete. Jack White hatte in den 70er Jahren einige VE- und ESC-Erfahrugen mit Jürgen Marcus gesammelt, in den 80ern schien ihn die Chose jedoch nicht mehr zu interessieren.


Die deutsche Superstar-Karriere währte nicht ewig und etwa 10 Jahre später tauchte er in den Niederlanden auf. Dort machte er sich unter anderem über einen Song aus der Königsklasse der ESC-Balladen her. „Ik hou van jou“, 1984 beim ESC in Luxemburg halbwegs gescheitert, intonierte er als Opening-Song auf seinem in den Niederlanden produzierten Album „A little love“:


Tja, das war tatsächlich die erste Interpretation eines richtigen ESC-Songs durch „The Hump“. Aber auf die Grand-Prix-Bühne ließ man ihn deswegen noch lange nicht. Dabei setzten die Briten gerade im Erscheinungsjahr dieses Albums auf „Has Beens“ und gewannen den Song Contest in Dublin. Ein One-Hit-Wonder aus den 80er Jahren,  Katrina & The Waves, siegten mit dem sehr hymnischen „Love shine a light“. Ein Song, den man sich auch sehr gut von Engelbert vorstellen kann. Aber ganz sicher wurde er nicht gefragt.

Stattdessen sang er im britischen Fernsehen mit seiner Tochter. Der Song „Healing“ hätte aber mit etwas mehr Melodie und Struktur Mitter der 90er Jahre auch gut auf eine Grand-Prix-Bühne gepasst. Damals mochte man es sehr gerne mal ein bisschen langsamer.


15 Jahre sind vergangen – 15 Jahre, die er sich mit dem Erstellen von Coveralben und Liveauftritten von Liverpool bis Los Angeles vertrieb. Aber plötzlich ist er tatsächlich da: The Hump singt beim ESC. Alles wirkte zunächst generalstabsmäßig geplant: der Fall des eisernen Vorhangs hatte Engelbert zusätzlich zu seinem Publikum in Las Vegas oder Reno  auch eines in Moskau und Kiew verschafft. Beste Voraussetzungen für eine ESC-Teilnahme und ein lustiges Punktesammeln. Und das Vereinigte Königreich schien stolz darauf zu sein, den ältesten Teilnehmer in der ESC-Geschichte am Start zu haben. Obwohl er auf den Promofotos mit Flaggenbackground nicht wie 75 aussieht, sondern bestenfalls wie 72.

Aber dann kamen die Omas, die Engelbert im Laufe von Stunden aus den Nachrichtensendungen, Videotexten und Zeitungen vertrieben. Es ist ein bisschen wie beim ESC 1969, zwei alte Acts sind genauso wenig wert wie vier Sieger und über den vermeintlich skurrileren wird einfach mehr gesprochen.

Noch ist aber nicht alles verloren. Engelbert bleibt ja alt und singen kann er deutlich besser als die Babuschkas. Außerdem kann er uns mit seinem Song und dem ein oder anderen Gimmick (vielleicht ein Kleidertrick?) noch so gnadenlos überzeugen, dass die russichen Omis dagegen ganz besonders alt ausssehen. Warten wir es ab!

Am Montag werden die Karten neu gemischt! Der Song dann hier auf dem Blog!

Update – Und hier ist der britische Beitrag für den ESC 2012 in Baku:

Großbritannien 2012: Engelbert Humperdinck – Love will set you free