Erkenntnisse und Hoffnungen: Zwischenfazit zu Unser Lied für Lissabon

Die sechs Kandidaten für den deutschen Vorentscheid, der am 22. Februar in Berlin entschieden wird, stehen fest. Ein wesentliches Element dafür fehlt natürlich noch: der jeweilige Song. Dennoch ist der Zeitpunkt passend für ein Zwischenfazit des diesjährigen Auswahlverfahrens.

Seit über zehn Jahren zeichnet der NDR-Mann Thomas Schreiber verantwortlich für das deutsche ESC-Engagement. Eins kann man ihm dabei ganz sicher nicht unterstellen: dass er nicht groß denken würde. Immer wieder wurden neue Ansätze probiert, neue Kooperationen eingegangen und bisweilen auch immer mehr Aufwand betrieben. Die Mühe hat sich mal mehr, mal weniger in den Ergebnissen gespiegelt.

In diesem Jahr gibt es zwei wesentliche Neuerungen: noch nie wurde so systematisch und empirisch der deutsche Kandidat gesucht. Und noch nie wurde das ganze Verfahren so transparent durchgeführt. Das sind zwei Seiten einer Medaille: Der NDR will über das empirische Vorgehen eine gute Platzierung in Lissabon erreichen. Da das nicht notwendigerweise mit einem musikalischen Hit im Heimatland einhergehen muss oder kann, werden die Fans umfangreich integriert – nicht zuletzt mit dem Ziel, sie als (positiv eingestellte) Micro-Influencer im Land wirken zu lassen.

Der zweite Teil ist – nimmt man die Kommentare hier auf dem Prinz ESC-Blog als Indikator – bereits vorläufig erreicht. Beim Oberziel, der guten Platzierung in Lissabon, sind wir aktuell ein paar Schritte weiter, aber noch längst nicht auf der Zielgeraden. Was können wir jetzt schon festhalten?

Wir Fans können uns gratulieren

Bei aller Transparenz des NDR wurde die 4.000 potenzielle Kandidaten umfassende Longlist nicht komplett veröffentlicht und zur Diskussion gestellt. Ungeachtet dessen haben wir hier auf dem Blog den ein oder anderen Namen schon frühzeitig platziert. Mit Ryk (Foto unten) hatten wir sogar einen Hype, der vielleicht auch ein Grund ist, warum er nun unter den letzten sechs dabei ist.

Aber auch sobald Kandidaten bekannt wurden, wurden sie von den Blog-Lesern intuitiv richtig fokussiert und intensiv diskutiert. Das gilt sicher nicht für jeden und vermutlich am wenigsten für den Autor dieser Zeilen, aber insgesamt hat sich die Weisheit der Vielen mal wieder bestätigt. Ganz unerwartet kommt das wiederum nicht, denn schließlich rekrutiert sich ein relevanter Anteil des Eurovisions-Panels, das an der Auswahl der Finalisten wesentlich beteiligt war, aus Blog-Lesern und sonstigen ESC-Enthusiasten.

Damit haben wir in diesem Jahr in Bezug auf die Kandidatenauswahl eigentlich…

Eine interne Auswahl durch ESC-Experten/Enthusiasten

Klar, das Eurovision-Panel kam erst zum Einsatz, nachdem eine andere vom NDR koordinierte Expertenjury aus den 4.000 Bewerbern 211 gemacht hatte. Aber spätestens ab dann lag das Schicksal der Kandidaten in erster Linie in unserer Hand. Ob sich das Urteil des Eurovision-Panels wesentlich von dem des internationalen Jury-Panels unterschied, werden wir den NDR noch fragen. Aber die ESC-Enthusiasten machen in der zweiten Runde 100% und in der dritten Runde zumindest die Hälfte des Votings aus.

Voraussichtlich haben diese ESC-Fans auch mindestens ein Viertel, vielleicht gar ein Drittel der Stimmen beim nationalen Vorentscheid. Das ist nach den Erfahrungen, die der NDR z. B. 2013 mit der Jury gesammelt hat, keine Selbstverständlichkeit. Es ist aber wichtig, um die Expertise dieser Fans bis zum Schluss des Auswahlverfahrens wirken zu lassen.

Erstaunlich ist allerdings, das trotz des starken Einbezugs der ESC-Enthusiasten das Startfeld für Berlin sehr ähnlich dem früherer Vorentscheide ist. Aufrechtgehn.de fasst es so zusammen: „Betrachtet man das nun annoncierte Line-up, so drängt sich unweigerlich die Frage auf, für was der NDR das ganze Brimborium veranstaltete: aktuelle und gewesene The-Voice-Finalist/innen sowie hoffnungsfrohe Nachwuchskräfte bekamen die Hamburger in der Vergangenheit auch ohne aufwändiges Auswahlverfahren zusammen.“ Dazu fallen mir ganz viele Gründe ein. Um nur ein Totschlagargument zu bringen: um es einmal ausprobiert zu haben und zu wissen, ob es etwas taugt.

Wiewohl ist es auffällig, dass kein totaler Newcomer entdeckt worden ist wie damals Lena. Alle sechs Kandidaten verfügen bereits über Bühnenerfahrung. Und das muss nichts Schlechtes sein. Das heißt aber auch…

Die Suche nach Lena 2 ist (vorerst) eingestellt und The Voice ist endgültig geadelt

Lange und vor allem im letzten Jahr hatte man den Eindruck, dass der NDR unbedingt den Lena-Erfolg duplizieren wollte – mit bekanntem Ausgang. Das Ende der Lena-2-Suche ist eine gute Nachricht für alle Beteiligten: für Lena (Foto unten) selbst, für den NDR und für die Fans. Schließlich verändert sich der ESC von Jahr zu Jahr und die Siegerformel eines Jahres ist mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht die für die nächsten Jahre.

Lena Meyer-Landrut
Copyright: ProSieben / W. Weber

Klar ist aber auch: The Voice of Germany hat sich endgültig als Generator für ernstzunehmende Gesangstalente etabliert. Während Idol, das hierzulande DSDS heißt, andernorts immer noch Stars und Sternchen hervorbringt, hat RTL es geschafft, DSDS ins totale populär-kulturelle Abseits zu manövrieren. Das ist doppelt bedauerlich, denn im Grunde ist Idol viel besser geeignet, einen ganzheitlichen Act (für den ESC) zu finden als nur eine Stimme. Denn während bei DSDS auch kantige Typen mit einer ausreichend guten Stimme eine Chance haben, haben sie es bei The Voice schwerer oder sind von vornherein raus.

Insofern haben auch die jetzt gekürten The Voice-Kandidaten für den Vorentscheid außergewöhnliche Stimmen. Kantige Rampensäue im durchaus positiven Sinne sind sie aber eher nicht (ganz im Gegensatz zu VoXXclub). Da lasse ich mich aber gern eines Besseren belehren. Schließlich ist bei ihnen, wie bei den anderen Kandidaten…

Ein Erfolg ist noch (lange) nicht in trockenen Tüchern

Ja, es ist eine Binsenweisheit: Es kommt auf den Song an. Und da stehen wir erst am Anfang. Klar, bei Ryk und VoXXclub kann man Vermutungen anstellen, mit welchem Lied sie in Berlin antreten werden. Das geplante Songwriter-Camp wird sicher noch einiges bewegen und vielleicht gänzlich Neues schaffen.

Hier wird sich auch zeigen, ob der deutsche oder der Schweizer Vorentscheid-Ansatz erfolgversprechender sind. Denn während wir in Deutschland erst die Künstler ausgewählt haben, haben sich die Schweizer zunächst um die Songs gekümmert. Das passende Gegenstück wird erst im jeweils zweiten Schritt gesucht. Im nationalen Vorentscheid stehen hier wie da dann sechs Beiträge zu Wahl.

In beiden Ländern wird es aber wichtig bleiben, den Einfluss der Popularitätsunterschiede der Künstler bestmöglich auszugleichen. Auch hier auf dem Blog wurde bereits intensiv diskutiert, ob VoXXclub mit 219.000 Facebook-Likes, Ivy Quainoo (Foto oben) mit 44.000 oder Natia Todua mit nur 12.000 Likes, dafür aber dem frischen The-Voice-Rückenwind, am ehesten ihre Fans für sich aktivieren können. Vor diesem Hintergrund ist die internationale Jury als Ausgleich besonders wichtig, auch wenn…

Das Verfahren ist (logischerweise) noch nicht ausgereift

Ein so umfangreiches Auswahlverfahren, wie das in diesem Jahr in Deutschland praktizierte, hat so viele Stellschrauben, die auf ganz unterschiedliche Weise ihren Einfluss ausüben können. Das zeigt sich zum Beispiel am doppelten Einsatz der internationalen Jury: Diese war im letzten Schritt der Künstlerauswahl, also der Reduktion von 17 auf 6 Kandidaten, bereits beteiligt. Am 22. Februar wird die Jury erneut zum Einsatz kommen. Dann müssen sie ein zweites Mal über die Künstler abstimmen, dann allerdings über die fertigen Beiträge aus Künstler, Song und Performance. Das – das internationale Televoting repräsentierende – Eurovision-Panel darf und muss sogar dreimal ran.

In der Marktforschung würde man eigentlich vermeiden, dass dieselben Probanden erst einen Teil eines Produktes bewerten und dann einige Zeit später das gesamte Produkt, da es hier zu Verzerrungen bei der Bewertung kommen kann. Das ist womöglich Korinthenkackerei, bei einem so wissenschaftlich aufgesetzten Konzept jedoch ein Punkt, der bei einer Wiederholung des Verfahrens wenn möglich vermieden werden sollte.

Auch sonst – davon ist auszugehen – wird man während des Umsetzungsprozesses zu der ein oder anderen Erkenntnis gelangt sein, wie manche Dinge optimiert werden können. Diese werden für eine Wiederholung im nächsten Jahr ganz sicher dokumentiert. Nun gilt es aber, den eingeschlagenen Weg einmal zu Ende zu gehen. Frühestens am 14. Mai wird dann eine Bewertung der gesamten Methode stattfinden können.