ESC 2011 – Eine zweite Bilanz – Teil 1: And the winners were…


Wie schnell das geht: Gerade haben wir uns noch Gedanken darüber gemacht, was an jenem Abend in Düsseldorf alles so passiert ist und schon ein knappes halbes Jahr später ist der erste Grand Prix auf deutschem Boden in fast drei Dekaden im öffentlichen Bewusstsein so gut wie verschwunden. Aber es ist ja auch allerhand passiert seitdem: 2,5 royale Hochzeiten, schlechte Zeiten für die Fußballfrauen und gute für die Fußballmänner, neue Alben von den Red Hot Chilli Peppers und Doris Day und ein Sommer, mit dem man nicht so recht zufrieden ist.

Grund genug, ein weiteres Mal einen Blick auf das Düsseldorfer Mega-Event zu werfen und die Frage zu stellen: was bleibt eigentlich vom ESC 2011?

The winner…

Ja, die Azeris. Es lag ja in den letzten Jahren schon ein wenig in der Luft. Nach dem 8., dem 3. und dem 5. Platz also der Sieg. Eine der besten ESC-Newcomer-Bilanzen des letzten Jahrzehnts wurde im Mai mit einem Platz 1 gekrönt. Ell/Nikki, viele Schweden, europaweite Zeitungsannoncen in türkischen Tageszeitungen am 14.5. und vielleicht auch einige Freunde des Landes im Besitz eines Mobiltelefons haben es möglich gemacht: Sieg eingefahren – Mission erfüllt.

Ein bisschen hat man den Eindruck, dass es mit diesem Sieg nun auch getan ist. Ell/Nikki, das für den ESC-Auftrag zusammengestöpselte Duo, bemühte sich ein paar Wochen lang redlich, musikalisch auf sich aufmerksam zu machen. Sie schafften es bei uns immerhin in den ZDF-Fernsehgarten und im Laufe des Sommers noch in  die ein oder andere MDR-Sendung, in den ersten Tagen nach dem ESC gelangen ihnen auch ein paar ordentliche Notierungen in den Bestsellerlisten der gängigen Downloadportale. Die daraus resultierenden Chartnotierungen in diversen europäischen Ländern waren jedoch recht kurzfristig und verhielten sich folgendermaßen:

Niederlande: 59
Irland: 41
Belgien (Flandern): 43, 37
Großbritannien: 61
Schweiz 11(!), 52
Östereich: 22, 49, 53, 61, 70
Deutschland: 32, 43, 47, 47, 66, 97

Running scared“ war zwei Monate nach dem Grand Prix charttechnisch durch und Ell/Nikki beim europäischen Publikum so gut wie vergessen. Anfang Juli erhielt das Duo zwar noch einen „Friedens- und Freundschaftspreis“ in der Türkei, diese Meldung wurde aber zumindest von der dpa ignoriert. Aber demnächst dürfen sie ja nochmal für ihr Land nach London, Unabhängigkeit feiern. Und vielleicht sind sie ja in ihrem Heimatland immer noch auf Platz 1 der Hitparaden.

Das alles hat ein bisschen was von einem Deja Vu. Vor 28 Jahren, beim Grand Prix in München, gewann ebenfalls ein Beitrag, der es nach mehreren kommerziell sehr erfolgreichen Siegertiteln, nur sehr bedingt zu Hit-Ehren schaffte und im allgemeinen ESC-Bewusstsein heute keine Rolle mehr spielt. „Si la vie est cadeau“, für Luxemburg von Corinne Hermes präsentiert, taucht -zumindest bei uns in keiner Rückblick-Sendung und wird auf „Best-of-ESC“-Samplern nur seltenst berücksichtigt.

In Frankreich durfte die Sängerin im Mai diesen Jahres aber noch mal ran: gemeinsam mit der erfolgreichen Chansonette Julie Zenatti präsentierte sie ihr damaliges Siegerlied in der Show „En route pour l’Eurovison“:

Und es ist leider auch davon auszugehen, dass sich auch für  Ell/Nikki der Rest ihrer musikalischen Aktivitäten vorwiegend in vorderasiatischen Gefilden abspielen wird. Gewiss, die paneuropäische Karriere nach dem Gewinn des Wettbewerbs ist nur sehr wenigen vergönnt gewesen, auch Alexander Rybak und Lena werden das wohl nicht mehr hinkriegen. Aber die beiden sitzen möglicherweise in 15 oder mehr Jahren leicht ergraut auf Oliver Geißens Chartsofa – vermutlich auch keine Option für die Azeris.

Bleibt uns, ihnen alles Gute zu wünschen und uns für ihren perfekten Zahnpasta-Auftritt in Düsseldorf zu danken. Wir sehen uns nochmal kurz in Baku!

Kleiner Nachtrag: Zu einer Coverversion hat es „Running Scared“ aber doch geschafft, die kommt allerdings aus Südafrika und dort wird ja bekanntlich alles gecovert, was beim ESC auf die Bühne gelassen wird. Daniel Fourie & Monique singen in afrikannser Sprache „My Hart Het Klaar Besluit“.