ESC 2011 – Eine zweite Bilanz – Teil 4: Klar, Lena…

Und so findet unsere kleine Halbjahresrückschau des ESC 2011 ihren Abschluss mit dem,  was in unseren Breitengeraden am meisten hängen geblieben ist vom ESC 2011. Was das ist? Klar, Lena. Ein kleiner Blick auf das, was passiert ist und das, was kommen könnte. (Foto: Sandra Ludewig)

Eigentlich braucht sie gar nicht viel tun. Haare färben, Poker spielen, Abstimmungen gewinnen – nach wie vor ist sie in aller, na, sagen wir, in vieler Munde. Egal ob in Hochglanzmagazinen, in Tages- oder Wochenzeitungen, an Stammtischen in Hamburger Frühstückscafés, in Pro7-Sendungen oder in der wunderbar ironischen Prinz-Blog-Rubrik „Euro-Trash“. Es wird über Lena geredet oder geschrieben und danach wird gehöhnt, geätzt, verurteilt und verteidigt. Das ist doch schon mal ein gehöriges Stück Nachhaltigkeit, das Lena in vielen Köpfen und auch in einigen Herzen auslöst. (Foto: Screenshot Pro7)

Lena war für die Öffentlichkeit in den anderthalb Jahren ihrer Prominenz nicht allein musikalisch, sondern auch als Gossip Girl interessant. „Youtube“ quillt über vor Interviewschnipseln, in denen sie Dummheiten sagt, falsch spricht oder anderweitig irgendwelchen Vorstellungen nicht gerecht wird. Im direkten Gespräch wirkt sie nicht immer sicher und souverän, manchmal auch ein bisschen überfordert und chaotisch. Das ist nicht neu, aber immer noch wieder ein Thema. Nach dem letztjährigen scheinbaren Faux-Pas bei der ersten deutschen Pressekonferenz in Oslo war der Höhepunkt der Medienkontoverse in diesem Jahr ihr Auftritt mit Frank Elstner in einer eigentlich uninteressanten ESC-Vorschau-Show im Mai. Verstäntliche Reaktionen auf einen schlecht vorbereiteten Showmaster oder pure Frechheit? Persönlichkeit oder Peinlichkeit?

Aber auch Nicole, ihres Zeichens erste deutsche ESC-Siegerin im Jahre 1982 hatte Anfang des Jahres etwas durchzustehen – eine Familienzuführung in der MDR-Show „Krone der Volksmusik“. Auch sie lieferte nicht ganz den überschäumenden TV-verträglichen Freudenausbruch, den man wohl von ihr erwartet hatte. Reingerissen von Show-Dino Gunther Emmerlich und ihrer eigenen Tochter rang sie um Fassung – und war mit ihrer Reaktion in diesem Moment gar nicht so weit von Lena entfernt:

Also noch einmal: Lena macht nicht immer das, was die Leute von ihr erwarten,  macht sich dadurch aber auch immer wieder sehr interessant. Unkonventionelles Gebrabbel gespickt mit einer deutlich akzentuierten eigenen Meinung – dafür könnte auch in den nächsten Jahren in der deutschen Medienlandschaft immer mal wieder ein Plätzchen zu finden sein.

Schauen wir aber nun einmal auf das eigentliche: die Musik – denn irgendwie ist Lena ja auch ein Sängerin, oder – wie schon häufiger erwähnt – ein Mädel, das singt. Nach ihrem Sieg im letzten Jahr war ihre Karriereschleife für 2011 sehr schnell festgelegt und ein Anschlusserfolg durch die erneute ESC-Teilnahme quasi vorprogrammiert: ihr zweiter ESC-Beitrag „Taken by a stranger“ wurde ein sehr ordentlicher Hit (in Deutschland der größte des diesjährigen Festivals), die Vorentscheidungsshow zog auch das zweite Album an die Chartspitze. PR-mäßig nicht dumm gedacht konnte sie so den Makel des One-Hit-Wonders schon einmal hinter sich lassen.

Für die  Zeit nach dem Düsseldorfer Auftritt hatte Lena schon im Vorhinein eine Pause angekündigt- die Plattenfirma schien das nervös zu machen: die ursprünglich für Juli angekündigte Single„Who’d wanna find love“ erschien nicht (leider) –  möglicherweise schien man Lena ganz ohne Promotion keinen Hit zuzutrauen. Und so wirkte ihre Rückkehr im September fast wie ein kleines Comeback. Die zentrale PR-Idee war die Matthias-Schweighöfer-Filmkomödie „What a man“. Der Titelsong gleichen Namens, eine alte Nummer von Lynda Lyndell aus dem Jahre 1968, war Lenas neue Single. Softer Laid-Back-Soul, sehr chartuntypisch, bei USFD wäre der Song wahrscheinlich in der ersten Runde rausgeflogen. Der Schreiber dieser Zeilen mag ihn aber trotzdem (und muss sich dafür sicherlich auch wieder einiges anhören…). Lena gab im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Songs sehr viele und zum Teil sehr interessante Zeitungsinterviews (das TV-Interview vermied sie allerdings weitgehend…), der Song wurde im Frühstücksfernsehen und in einer Raab-Show vorgestellt und Lena zeigte sich live als sehr potente Interpretin für diese Art Musik.

„What a man“ wurde ein kleiner Hit (Höchstposition Platz 21), den Superhit des Films landete aber Marlon Roudette. Alles nicht schlimm, Lena studiert und ist bei Pro 7 gut im Einsatz, wie es mit ihr musikalisch weitergeht, wird sich zeigen.

Schauen wir noch einmal zurück auf das, was Lena-Vorgängerin Nicole mit ihrem musikalischen Output nach dem 82er Sieg so erlebte.

Ähnlich wie Lena gelang es Nicole nicht, nach ihrem Grand-Prix-Siegertitel einen weiteren Supervolltreffer zu landen. Nicoles „Touch a new day“ hieß „Papillon“ und landete in Deutschland jenseits der Top 20. Nicole und Ralph Siegel nutzten ähnlich wie Lena und Stephan Raab mit USFD eine Fernsehshow als Hithilfe. Die Neue Deutsche Welle war Anfang 1983 gerade dabei, dem guten alten deutschen Schlager den Rang abzulaufen. Auch Nicoles aufstrebende Karriere schien gefährdet. So wurde bei „Wetten Dass“  (Moderator Frank Elstner!) durch eine verlorene Wette eine Zwangsverheiratung mit der NDW-Truppe Trio vorgenommen. Die Truppe hatte 1982 mit „Da Da Da“ ebenfalls einen Europaseller gelandet. Die Drei erklärten sich bereit, bei „Ich hab‘ dich doch lieb“ den Chor zu übernehmen und schwuppdiwupp war Nicole wieder in den Top-10.

Und man glaubt es kaum, auch Nicole kehrte ein Jahr nach ihrem Sieg wieder zum Festival zurück- allerdings im etwas bescheideneren Maße (auch kleidungstechnisch). In der niederländischen Vorentscheidung des ESC 1983 sang sie als Pausenact die niederländische Version „Ik hou toch van jou“ – leider ohne Trio!

„Ich hab dich doch lieb“ ist der bis heute letzte Hit, den Nicole in den Top 20 der deutschen Verkaufscharts unterbringen konnte. Danach folgten noch ein paar mittlere Erfolge, viel Fernsehpräsenz und im Jahre 1984 eine schwangerschaftsbedingte Pause. Ab Mitte der 80er landete sie immer wieder kleinere Erfolge und etablierte sich als „Name“. Eine Karriere mit grönemeyerschen Langszeithöchstverkaufszahlen war nicht drin, wird auch wohl für Lena nicht drin sein. einen „Namen“ hat sie schon, vielleicht kann sie ihn ja auch halten. Und vielleicht wird sie ja nächste Woche „Weltstar“, dann werden die Karten sicher noch mal neu gemischt.

Neben der breiten Öffentlichkeit und den Menschen, die Musik hören und vielleicht auch kaufen, sei abschließend noch ein Blick auf eine dritte Personengruppe gerichtet, die sich mit der Hannoverannerin beschäftigen: die ESC-Fans.

Nun ist es ja so, dass geschätzte 70% der Teilnehmer an diesem Wettbewerb musikalische Eintagsfliegen sind und nach Ende der Sendung bereits in weiten Teilen Europas keine Beachtung mehr finden. Aber wie es in Gallien damals das kleine unbesetzte Dorf gab, gibt es in Europa viele kleine Enklaven, in denen man tatsächlich Menschen wie Nicki French oder Fredi & Friends, Gary Lux oder Sebnem Paker nicht nur kennt, sondern sogar verehrt und ihnen über Jahre die Treue hält – und besonders den Kontakt auf „Du und Du“ schätzt.

Grundsätzlich findet der ESC-Fan es ja toll, wenn die am Grand Prix teilnehmenden Künstler über das Festival hinaus erfolgreich sind, noch wichtiger ist aber die „Nähe zum Fan“. Genau hier hatte sich Lena zumindest im letzten Jahr in Fanaugen nicht immer korrekt verhalten. Der Sieg brachte Probleme. Eigentlich war sie, ähnlich wie die schwedische Kollegin Carola, arrogant und unnahbar, aber andererseits hatte sie nach Jahrzehnten für Deutschland gewonnen – da galt es, Gänseblümchen zu zupfen.

07 Deutschland Lena ProbeDie erneute Teilnahme in Düsseldorf stieß bei sehr vielen zunächst auf Ablehung, da sie das Arrogant-Schema zu bedienen schien. Aber: spätestens während der Proben in Düsseldorf wendete sich da Blatt. Lena gewann auch in Fankreisen immer mehr Freunde und erntete viel Respekt für ihre sehr professionelle und durchdachte  „Taken-by-a-stranger“-Performance. Ausschlaggebend dafür war sicher, dass die Präsentation sehr anspruchsvoll-unkonventionell erfolgte. Neben dem sehr eingängigen und flotten Mitklatschschlager und der ganz großen Bühnenballade sind es vor allem die leicht angeschrägten Nummern, die sich im Herzen der Grand-Prix-Fans festsetzen – was nicht so gern gesehen wird, ist schlecht gemachtes Mittelmaß – und das war Lena in diesem Jahr definitiv nicht. Außerdem verhielt sie sich tendenziell gelöster und fannaher. Ihre deutlich souveräneren Pressekonferenzen bestritt sie raabfrei und quasi allein, die Party allerdings auch – zumindest ohne Fans.

Die allgemeine Fanmeinung zu Lena ist nach wie vor gespalten, aber seit Düsseldorf gehört ihr ein gehöriges Stück mehr Respekt und es besteht Hoffnung, dass sie in die ewigen Legendenjagdgründe des ESC-Fan-Universums eingehen kann! Auch wenn die breite Öffentlichkeit im Laufe der Zeit mehr und mehr zur lenareduzierten Tagesordnung übergehen wird- ihr Ticket für eine jahrzehntelange Huldigung bei zahlreichen europaweiten kleineren und größeren Fanereignissen und -treffen scheint sie mit ihrem Auftritt in Düsseldorf gelöst zu haben.