ESC 2017: Das Wichtigste zum Juryfinale – wer ist top, wer ist flop?

Freitag, 22 Uhr ukrainischer Zeit – das Juryfinale steht an. Diese zweite Durchlaufprobe für das morgige Finale ist mitentscheidend für den Ausgang des ESC 2017. Heute sehen die Jurys aller teilnehmenden Länder zu und geben ihre Wertungen ab, die dann morgen abend während der Live-Show verkündet werden. Wir schauen heute auch zu und fassen zusammen, ob und welche Neuigkeiten es gibt. 

Heute wollen wir nicht komplett in allen Details livebloggen, sondern Euch lediglich die wichtigsten Eindrücke vom Juryfinale zusammenstellen. Wer schaut gut aus, wer singt alle an die Wand, und wer hat vielleicht doch Probleme, die gestellten Erwartungen voll zu erfüllen?

Natürlich geht es mit einem Filmchen voller touristischer Ansichten der Ukraine los, bevor der Einmarsch der Kandidaten in Startreihenfolge beginnt. Die Moderatoren sind garderobentechnisch heute ganz schön auf dem Glitzertrip. Es funkelt und funkelt und funkelt…. schlimm! Ich hoffe mal, sie ziehen sich nochmal um (obwohl das Grün vorgestern auch nicht so toll war).

Israel darf starten, Imri packt es stimmlich überraschend gut, klingt lediglich in den langen Höhen etwas flach. Das Pressezentrum ist – in Teilen, vor allem, dort wo Israelis sitzen – aus dem Häuschen. Kasia sieht etwas übernächtigt aus, wenn Ihr mich fragt. Oder hat man sie einfach nicht ganz fertig frisiert? Schade, dass sie auch jetzt wieder zum Rekordversuch ansetzt bei der Länge des letzten Tons, und dann wackelt. Paar Sekunden weniger, und es würde sitzen…. Die Belarussen animieren hier zum Mitsingen, das macht vielen hier im Pressezentrum an den Riesenleinwänden ganz offensichtlich riesig Spaß.

Nathan Trent macht es heute wieder fabelhaft – wenn das mal morgen nicht alle platzierungsmäßig überraschen wird. Gerade die Startplatzierung nach den flotten Weißrussen gibt dem Ganzen noch einen Push. Super! Die Armenier liefern einen selbstsicheren Auftritt ab, Artsvik wirkt eigentlich schon fast zu routiniert. Ich vermisse die notwendige Spannung, dieses siegerhafte Blitzen in den Augen, es ist einfach nur glatt. Siegerposen haben auch OG3NE nicht drauf, aber dafür wirkt es herzlich, warm und perfekt aufeinander abgestimmt. Die Kollegen hier sind begeistert.

Moldawien knallt natürlich optisch wie akustisch rein. Die Choreo sitzt felsenfest, und selbst die Luftsprünge des Epic Sax Guy wackeln nicht. Die Halle muss erbebt haben, durch die Boxen dringt der größte Applaus bisher rüber zu uns. Auch das profitiert massiv vom Startplatz meine ich, nach den ganzen Damen davor. Und dann Ungarn: Soviel Bestimmtheit, soviel Motivation, soviel „Jetzt gilt es!“ in Jocis Augen habe ich diese Woche noch nicht wahrgenommen. Der scheint mir auch an seiner Aufgabe gewachsen zu sein. Und soviel Verlangen in den Augen der kleinen Tänzerin. Sicher was, das an den Top 10 kratzen wird.

Die (Vorab-)Begeisterung bei Italien kann ich heute allerdings nicht so ganz teilen. Es klingt abgenutzt, etwas runtergeleiert, ganz so als könne Francesco den Song selber nicht mehr hören… Und stimmlich auffällig wacklig an wenigen Stellen. Auch sehe ich nicht diese unbedingte Siegerhaltung. Schwach heute. Ungarn, die Niederlande und Österreich sind mehr auf den Punkt heute, wollen es mehr.

Und jetzt Salvador. Die Halle ist mucksmäuschenstill. Dafür nötigt eine Kollegin aus (glaube ich) Italien Jimmie Wilson zu einem Interview direkt neben meinem Tisch, was hier im Umkreis einiger Meter total stört.

Dennoch: Salvador macht es gewohnt einfühlsam, wirkt zerbrechlich, duckt sich auch mal aus der Kamera (süß!) und deutet ein Cellospiel an. Heute mittag in der Probe war es noch ein Blasinstrument, wie OLiver berichtete. Das fließt also alles einfach so aus ihm raus und ist mit das Authentischste in dieser Show. Wirklich ein fabelhafter Auftritt. Ich bin platt. Francesco sollte sich definitiv nicht mehr sicher fühlen. Das ist jetzt ein Two-Horse-Race!

Aserbaidschan ist durch seine Durchchoreographierung das genaue Gegenteil – sitzt aber auch sehr gut, und fällt auf wegen der Theaterdarbietung. Kroatien macht seinem Wettquotenaufstieg alle Ehren. Stimmlich top top top. Ansonsten ja eher over the top, aber wenn man das Fremdschämige ausblendet, ein guter Auftritt. Schade, dass er am Ende improvisiert und die letzte Zeile langzieht und moduliert, so dass die Kamera verwirrt ist, ihn verliert und dann auf dem Geiger landet. Unsauber und irritierend. Wäre morgen kein guter Abschluss des Songs. Isaiah dagegen ist punktgenau in Stimme und im Kamerafolgen. Tolles Schlussbild, tolles Lächeln.

Hier ist eine Pause mit Green-Room-Eindrücken. Komisch, wie sie immer an den Ländermuscheln vorbeischlendern, Statistiken aufsagen, die Leute aber nicht direkt ansprechen. Wie in den Semis halt.

Demy ist dran. Wird sie wieder über dem Chor leicht ausgesteuert, damit es nicht ganz so schief klingt? Es klingt minimal besser als im Semi (also ziemlich schief, nicht vollkommen), das wird morgen eine harte Landung um Platz 20. Spanien ist alberner, krampfiger Kitsch, Manel hat zudem offenbar zuviel gefeiert, versemmelt die hohe Stelle, und liegt danach vollkommen neben der Tonspur. Ich habe jetzt doch wieder Platz-26-Vibes, obwohl der Sommer-Sound doch bei vielen Nicht-ESC-Aficionados angeblich so gut ankommt.

Viel besser klingt und schaut Norwegen aus, das Kamera-Bild wird zwischendurch bei den künstlichen Stimmen verfremdet und von eingeblendeten Gesichtsprofilen links und rechts überlagert. Wir sind hier nicht nur an der Grenze des akustisch Zulässigen, sondern auch optisch.

Einspieler mit Mans, der den drei Moderatoren Tips aufdrängt – also das Love-love-peace-peace-Handbuch nicht für die Komponisten, sondern die Präsentatoren. Lustiger als die doofen Zwischenmoderationen. Viel gelernt haben sie bei ihm offensichtlich nicht. Die schlimmen Glitzersakkos sind auch immer noch da.

Riesenapplaus im PZ bei Lucie, offenbar große Erleichterung, dass sie toll singt, und es klasse aussieht. Hovig auch sehr sauber und auf den Punkt, eindeutig gehört auch er zu den Aufsteigern der Probenwoche. Eindeutig auch profitiert er vom Start nach dem UK. Die Rumänen klingen und wirken eher messy und zappelig, sehe nicht, dass die oben mitspielen werden.

Wie bettet sich Levina in all dieses bunte Treiben? Startplatz nach dem bunten Gezappel ist super, hier kommt Klarheit und Ruhe rein. Irgendwie sehr deutsch, man bekommt das Gefühl, die bringt wieder Ordnung  rein. Die Kameraeinstellung von oben ist wunderbar, das Backing-Track hat richtig Wumms und sie singt weitgehend fehlerfrei. Schön sind auch einige Bühnentotalen.

Kurzer Einspieler zum Eurovision Choir of the Year Wettbewerb in Riga. Durchschnaufen, Revue passieren lassen. Ich denke nicht, dass Levina hier die Riesenchancen hat, trotz des schönen Stagings. Der Song nimmt die Leute einfach nicht richtig mit, entsprechend verhalten sind im PZ die Reaktionen. Der Song wirkt aber in der Abfolge jetzt hier gut platziert, und ein Sandwich zwischen Rumänien und der Ukraine hilft Levina eher. ich lege mich fest: Platz 21 wird es, hätte aber eher Rang 15 verdient.

Bei O. Torvald brennt natürlich die Hütte, das war gekonnt. Blanche hingegen hat heute wieder einen besonders weinerlichen Tag. Klingt am Bildschirm fade und uninspiriert. Wieso eigentlich – sie hatte sich doch etwas gefangen die Woche? Was sagt wohl Benny in der Halle dazu? Belgien hat mir jetzt schlechte Laune bereitet. Immerhin haben die Moderatoren sich endlich umgezogen, auch wenn einer in Weiß, einer in Schwarz nun auch panne ausschaut. Kein Esprit. Besser gekleidet sind die Schweden, die durch ihren sehr sterilen, aalglatten Auftritt eigentlich für uns nicht mehr ganz oben mitspielen, durch den sehr späten Einsatz (Startnummer 24) aber profitieren werden.

Zielgerade: Bulgarien mit gewohnt perfektem Auftritt und großer Begeisterung im Pressezentrum lässt mich merkwürdig kalt. Frankreich wirkt wärmer, freundlicher, wird aber trotz des Startplatzes nicht ganz oben dabeisein. Sie ist einfach ein bisschen zu nett…

Verka und Ruslana finden auch noch ihren Part in der Show, doch fassen wir mal kurz zusammen:

# Portugals tatsächliche Chancen auf den Sieg sind nicht wirklich einzuschätzen, das wird eine reine Bauchentscheidung. Sehr, sehr spannend wird sein, ob Salvador die Massen verzaubern wird. Ich halte es nach dem Juryfinale keinesfalls für abwegig. Die Jurys dürften hin und weg gewesen sein.

# Nathan Trent startet zwar etwas früh, aber der Mond und dieses Lächeln werden ihn schweben lassen. Wartet es ab!

# Das mit Italien ist keine vollkommen ausgemachte Sache.

# Mit Kroatien, den Niederlanden und Bulgarien wird zu rechnen sein.

# Levina macht ihre Sache gut, aber erreicht unsere ausländischen Kollegen nicht so ganz (habe grade ein wenig rumgefragt). Letzte wird sie nicht.

Stay tuned!