ESC 2017: Erste Proben – Großbritannien und Frankreich

Die letzten Proben der BIG 5 stehen an und wir erwarten einen musikalisch-optischen Kombinationsangriff der Entente cordiale. Lucie Jones und Alma präsentieren auch die letzten beiden uns noch unbekannten Bühnensettings. Was haben sie sich ausgedacht?

Nach der deutschen Probe hatten wir eine einstündige Dinner-Pause, aber die Blogger waren viel zu aufgeregt, um nach den unerwartet positiven Eindrücken von Levinas Bühnenshow etwas zu Essen. Während ich diesen Beitrag vorbereite und dieses schreibe, hat sich das Pressezentrum geradezu explosionsartig geleert, denn der designierte ES-Gewinner 2017, Francesco Gabbani hält jetzt sein Meet & Greet ab. DJ Ohrmeister wird darüber berichten.

 

Grobritannien: Lucie Jones – Never give up on you

Lucie setzt ähnlich wie Levina auch auf eine Schwerpunktfarbe und die heißt GOLD. Sie blickt zunächst nach oben in einen Spiegel, die Kamera ist auf ihr Gesicht fokussiert und fährt dann langsam zurück. Wir erkennen, sie steht in einer Art Muschel. Erinnert den geneigten ESC-Experten natürlich umgehend an das Venus-Setting von Valentina Monetta mit „Maybe“. Wie Valentina bewegt sich auch Muschel-Madonna Lucie nicht vom Fleck.

Sie hat einen Mikrofonständer und agiert statisch dort, während im Hintergrund viel auf der Muschelprojektionsfläche passiert. Es regnet Gold, zunächst noch dezent, am Ende steht sie gewissermaßen in einem goldenen Sandsturm.

Die Gestik ist angemessen dramatisch, aber natürlich durch das statische Setting eingeschränkt. Lucie trägt ein beiges klassisches Kleid mit dezentem Ausschnitt und zum Glück kein Stirnband wie auf den Preview-Konzerten. Ihr Haar ist offen und leicht gelockt, ein präraffaelitischer Stil wie weiland bei Frances Rufelle anno 1994. Lucie kommt im Ausdruck ernst, aber auch entschlossen herüber und ist hervorragend bei Stimme.

Zweiter Durchgang: Am Anfang ist alles blau und sie spiegelt sich in der Muschel am oberen Rand. Der Hintergrund-Funkenregen geht gewissermaßen von der Muschel aus und setzt sich darüberhinaus auf den großen LED-Screens fort. Funkenregen, immer wieder wird die Bühne auch dunkel. Es gibt sehr schöne lange Einstellungen aus der extremen Ferne, bei denen man die Funken über die ganze Bühne regnen sieht (auf den Screens, bisher nicht als Pyro!!) Abbruch nun, Lucie hört auf zu singen, es scheint ein paar Probleme zu geben…

Es handelt sich um ein klassisches Setting, das gut zum getragenen, intensiven Song passt. Mir gefällt, dass der Hintergrund mit der steigenden Intensität des Songs mitgeht und diese Intensität sehr gut optisch unterstrichen wird. Am Ende scheinen die Funken zum Teil wieder eingesogen zu werden von der Muschel.

Bei den Close-Ups fällt mir auf, dass ihre Augenbrauen nicht symmetrisch sind, dafür hat sie sehr schöne Augen. Die Gestik ist hauptsächlich Arme nach oben (mit den Händen ringen) und geradezu flehentlich nach vorn strecken. Wenn sie die Armen nach dem langen Ton (der in einem Funkenmeer versinkt) ausstreckt, erscheint ihr Tattoo prominent und eher unschön auf dem Oberarm (passt nicht in dieses Setting, es handelt sich um einen Schriftzug, den der TV-Zuschauer ohnehin nicht entziffern kann und es ist nicht elegant, würde ich demnach überschminken).

Die Stimmen der Kollegen: „Schön“ (Benny-Benny), „Augenkrebs“ (Jan), „Nach grau in grau haben wir jetzt gold in gold“ (Marc) und „das tschechische Kleid auf der ganzen Bühne ausgewalzt“ (Tjabe). Wir können also sagen, das Lied und die Inszenierung polarisieren die Blogger. Mir jedenfalls gefällt jedenfalls Golden Girl Lucie und ich würde hier den Begriff „Funkenmariechen“ (der einem natürlich auch in den Sinn kommt) nicht verwenden, weil ihr Lied Qualität besitzt und sie es stimmlich ohne Fehl und Tadel interpretiert. Allerdings wirkt es im direkten Vergleich mit Levina nicht locker und mühelos, sondern eher etwas angespannt.

Der nächste Durchgang klappt diesmal bis zu Ende, und beim dritten Durchgang gibt es tatsächlich eine Runde Pyro-Düsen von unten, die Goldegen nach oben schießen. Schade ist, das bisher die letzte Einstellung von Lucie weit weg führt, sie wäre effektvoller, wenn sie mit einem Close-Up enden würde, aber dies ist die erste Probe und hier wird sicher noch geschraubt. Der Eindruck, sie stünde inmitten einer anschwellenden Feuersbrunst und fleht um Rettung sollte auf jeden Fall vermieden werden. Da es kaum Rottöne gibt, denke ich aber, dass nur wenige Zuschauer diesen Eindruck bekommen.

 

Frankreich: Alma – Requiem

Letzte Probe: Frankreich mit einem wirklich spektakulären Backdrop. Hier wurden viele Elemente des Videos eingebunden, der Eiffelturm, Silhouetten an erleuchteten Fenstern, überhaupt Gebäude, ein Meer an leuchtenden Fenster und eben Paris.

Alma steht allein in einem hübschen schwarz-weiß-grauen Etuikleid, Haare offen, hübsch geschminkt, auberginefarbene Lippen, allein auf der Bühne. Und das ist meiner Ansicht nach ein Problem, denn immer wieder sucht man sie auf der großen leeren Bühne. Es gibt sehr viele Shots aus großer Distanz und man fragt sich, ja wo ist sie denn? Ein ESC-Suchbild gewissermaßen.

Anfangs wechseln die Ansichten auf dem Backdrop etwas hektisch, Gebäude fliegen herum, aber etwa zur Hälfte des Songs kommt die für mich persönlich spektakulärste Inszenierung aller Songs in diesem Jahr. Der goldene Eiffelturm inmitten einer nächtlichen Paris-Ansicht, wie eines dieser Bilder, die aus großer Höhe fotografiert werden. Paris dreht sich, der Eiffelturm dient als Anker. Das Bild kippt dann und der Eiffelturm wird zu einem Teil eines anderen Bildes und bildet einen Leuchtpunkt.

Dabei fährt die Kamera teilweise auch noch um Alma herum, sodass ein faszinierender Eindruck entsteht. Das Ganze ist so atemberaubend, dass städtebaulich-geographile Naturen wie der Autor dieses Beitrags viel mehr auf den Backdrop starren, als darauf, wo die Sängerin in diesen „City Lights“ steckt. Marc meinte, dieses Setting wäre womöglich für Blanche geeigneter gewesen (dann hätte man allerdings das Atomium als Anker verwenden müssen).

Alma bewegt sich natürlich und ungezwungen, aber offensichtlich nicht sonderlich choreographiert. Es gibt extrem viele Totalen. Bei den Halbtotalen und den Close-Ups wirkt der Hintergrund eher etwas irritierend, weil stellenweise unscharf oder nur einfarbig großflächig.

Beim zweiten Durchlauf erkenne ich, dass die Stadtansicht zu Beginn grau ist wie ein Architekturmodell und dass Alma am Ende in einem rotierenden Kreisel steht, mit der Überkopfkamera aufgenommen. Hier wird die LED-Projektionstechnik voll und effektvoll eingesetzt, aber die Sängerin ist offensichtlich nur Beiwerk. Klar ist: die Inszenierung benötigt die vielen extremen Totalen, sonst wirkt das Bild nicht am Bildschirm. Das Bild ist aber so stark, dass Alma darin versinkt, das ist zumindest mein Eindruck.

Es gibt Close-Ups und Alma schaut auch freundlich in die Kamera, aber sie bleiben mir nicht so stark in Erinnerung wie die City Lights. Stimmlich kam es mir in Ordnung vor, aber ich bekenne, dass es mir schwerfiel darauf zu achten, eben weil ich so fasziniert von dem nächtlichen rotierenden Paris war. Auch beim dritten Durchlauf ändert sich mein Eindruck nicht. Alma scheint nicht wirklich zufrieden zu sein, ihrem Gesichtsausdruck am Ende der Probe nach zu folgen.

Ich bin gespannt, was die französische Delegation an „Alma im Architektur-Setting“ noch ändern wird. Minimalinvasiv kann man hier nicht herangehen und auf die schönen, aber zu mächtigen LED-Elemente wird man wohl auch nicht verzichten wollen.

 

Damit ist der heutige Probentag beendet, die Meet & Greets der BIG 5 laufen noch bis fast 22 Uhr ukrainischer Zeit (also 21 Uhr MESZ). Zurzeit ist Levina im Saal der Presse und gibt Auskunft über ihre Eindrücke, hierfür haben wir einen eigenen Blogbeitrag.

Ich verabschiede mich für heute. Unser The Good The Bad and The Ugly wird natürlich später noch erscheinen, allerdings deutlich später als sonst, weil dieser Tag im Pressezentrum eben so lange dauert. Stay tuned.