ESC 2017: Zweite Proben Bulgarien, Litauen, Estland und Israel

Den letzten Probenblock am Samstag bestreiten Kristian Kostov, Fusedmarc, Koit Toome & Laura und IMRI. Hier sind unsere Eindrücke der zweiten Proben von Bulgarien bis Israel.

Erstmals liegen wir hinter der Zeit, die Probe beginnt mit einer Verzögerung.

Bulgarien: Kristian Kostov – Beautiful Mess

Kristian trägt ein anderes Outfit als in Probe Eins. Die weißen Ärmel sind verschwunden, er ist nun ganz in Schwarz und trägt ein jackettartiges Oberteil mit hohem runden Kragen und eine schwarze Hose, sehr stylish. Auch die Haare sind nicht mehr verwuschelt nach vorne frisiert, sondern eher brav geseitenscheitelt.

Der Backdrop ist dunkel und edel, es dominieren schwarz, anthrazit und dunkelviolett. Die Nummer startet mit einem Close-Up auf Kristian, der sehr zart und fragil aussieht, seine volle bisweilen leicht brüchige Stimme straft diesen Eindruck allerdings Lügen. Eine sehr alte Seele in einem sehr jungen Körper, schießt es mir durch den Kopf, ein sehr interessanter Kontrast, der zu faszinieren mag.

Kristian steht zunächst im Lichtkegel, dann zieht die Kamera auf und wir sehen blaue Flächen mit Wolkenmustern. Zum Refrain hin kommen Lichtblitze aus seinem schwarzen Oberteil. Die  Schnitte sind zum Teil sehr schnell und effektiv. Der Hintergrund ist hochwertig wie ein teures Apple-Produkt, er stört nicht die Ausstrahlung des Sängers und lässt ihn aber auch nicht allein auf weiter Flur erscheinen. Anders als andere Interpreten, die allein auf der Bühne stehen, füllt der 17-Jährige diese stimmlich mühelos aus.

Zum Refrain gibt es Schnürchenregen und ein Wellenmuster im Backdrop. Manche seiner Bewegungen, gerade, wenn er seitlich in die Knie geht und einen Moment verharrt, erinnern an Michael Jackson.

Stimmlich ist das ohne Fehl und Tadel, gerade die sehnsuchtsvollen Refrainpassagen mit den höheren Tönen kommen überzeugend. Allerdings ist seine Stimme (und der Song) so viel reifer als sein 17-jähriges Erscheinungsbild.

 

Fazit: Sehr stimmig. Bulgarien gilt als einer der wenigen echten Konkurrenten (wenn es überhaupt welche gibt) von Italien um den ESC-Sieg. Ich sehe aber keinen Auftritt, der Winner schreit. Ich sehe einen qualitativ äußerst hochwertigen optisch in sich stimmigen Balladenauftritt, der TopTen oder auch TopFive flüstert.


Litauen: Fusedmarc – Rain of Revolution

Nach dem Beautiful Mess folgt nun der Hot Mess. Viktorija in einem roten bodenlangen Kleid, hochgeschlossen, mit einem Bun-artigen Haarknoten und Pferdeschwanz, dazu grellroten Lippenstift. Eine aggressive Puppe aus einem Horrorfilm? Dazu stehen ein Gitarrist und vier Backing Sänger auf der Bühne, die Viktorija stimmlich unterstützen. Der litauische Song ist schnell und schräg und das sehen wir so auch im Backdrop.

Es blitzt und zuckt überall. Zunächst in rot und mit weißen Strahlen, am Ende in gold. Alles ist ziemlich hektisch. Der Chor trägt schwarz und wirkt in Formation wie eine Prozession aufgebaut. Viktorija selbst erscheint wie eine Meisterin irgendeiner hierzulande noch unbekannten asiatischen Kampfeskunst. Fast erwarte ich, dass sie gleich wie in einem Quentin-Tarantino-Film durch die Luft schwebt und missliebige feindliche Elemente mit der Handkante entleibt.

Das pulsierende Herz mit dem Ausstoß größerer Mengen an Bluttplättchen aus dem litauischen Finale wird ebenfalls verwendet. Es gibt eine schöne Kamera-Umkreisung von Viktorija, dann fliegen Rhomben im Hintergrund umher, es dominieren rot und weiß, bevor am Ende noch ein Glutfaktor hinzukommt. Stimmlich sehe ich keinen Abfall zum litauischen Finale, es ist genauso kraftvoll und voll-auf-die-zwölf-mäßig gesungen.

Schön ist das Bild einer Supernova (oder ist es ein Schwarzes Loch?) auf dem Backdrop mit glühenden Rändern, später gibt es auch noch einen goldenen Ring auf dem Boden, der aussieht, als würden sich Schweißbrenner aus dem Keller nach oben arbeiten. Leider werden beide Ansichten nicht von der EBU als Bildmaterial angeboten. Die Sängerin von Fusedmarc versinkt nicht etwa im glühenden Mahlstrom (was sich so mancher ESC-Fan hier wünscht) sondern hält stand und performt mit Chuzpe und Verve.

In der letzten Einstellung, scheint Viktorija gleichsam gen Himmel zu greifen und entblößt rasiermesserscharfe Krallen. La tigresse de Lituanie?

 

Fazit: Der Titel ist der Bottom Favourite fast überall, kaum jemand erwartet, dass Litauen über einen der letzten Semi-Plätze hinauskommt. Da das Lied schon keine erkennbare Struktur hat, kann man diese kaum über die Inszenierung ausgleichen. Insofern erscheint es mir richtig, tonnenweise Licht- und Blinkeffekte über Litauen auszugießen.

 

Estland: Koit Toome & Laura – Verona

Mein Guilty Pleasure, jeden Abend vor dem Zubettgehen muss ich mir diesen Song anhören, zuletzt auch in der italienischen Version, die Koit ausprachetechnisch wesentlich besser intoniert als Laura. Und hier erleben wir einen Quantensprung im Vergleich zur ersten Probe, als vieles nicht rund lief, die Blick-Einsätze verpasst wurden und die Kameraeinstellungen nicht optimal waren.

Verona beginnt mit Laura, die ein atemberaubend schönes weißes Glitzer-Kleid trägt und die Haare offen und gelockt trägt. Schönes klassisches Make-Up. Koit, im Anzug ebenfalls mit Glitzerbesatz, erscheint mit einem Spezialeffekt, er wird gleichsam auf die Bühne projiziert und schreitet dann auf in die Bühnemitte auslaufenden Streifen voran, während das Konterfei von Laura im Hintergrund auf dem Backdrop erscheint. Auch Koits Gesicht aus Pixeln erscheint später auf dem Backdrop.

Im Grunde genommen ist das der gleiche Auftritt aus dem Eesti Laul, immer noch kann man erkennen (gerade am Anfang), das die Chemie zwischen den beiden nicht naturgegeben ist, aber der unglaubliche Instant Appeal des Songs lässt einen (mich zumindest) darüber schnell hinwegsehen. Die Einsätze (Blick hoch auf Takt) passen diesmal. Der Song erinnert ja nicht gerade dezent an Modern-Talking-Melodien der 80er-Jahre, wobei die stimmlichen Rollen von Koit (Bohlen) und Laura (Thomas Anders) verkörpert werden. Interessanter Kontrast auch deswegen, weil Koits Stimme gefühlt höher klingt als Lauras.

Beide stehen recht weit voneinander entfernt auf der Bühne und kommen erst in der Schlussminute aufeinander zu. Und dann streicht Koit Laura mehrfach sanft über das Haar, das ist eine zärtliche, geradezu anrührende Geste und wirkt hier für baltische Verhältnisse authentisch (nicht so aseptisch wie bei Vaidas & Monika in Wien). Schönes romantisches Schlussbild.

Der Backdrop ist dunkelbau mit weißen Strahlen und spielt angesichts der beiden Protagonisten und der Geschichte, die sie erzählen, keine so große Rolle. Hier stehen die Interpreten, Blicke, Gesichter im Fokus. Wir sehen also auch keinerlei Elemente, die auf die Stadt Verona oder auf Romeo & Julia hinweisen.

Im ersten Umlauf war allerdings auch mal noch ein Kameramann im Bild, der nicht schnell genug verschwunden war. Das ist sicher schnitttechnisch eine der anspruchsvollsten Choreographien in diesem Jahr. Beide haben gute Kameraorientierung und beenden den Song Rücken an Rücken mit dem Blick zur Kamera.

 

Fazit: Schön gemacht, hier kann zwar vieles noch schiefgehen, aber die Grundidee ist richtig. Ich bin reichlich hingerissen und finde gerade die Übers-Haar-Streichen-Geste wunderschön. Das muss ins Finale, ich sehe keinen Grund, warum sie es nicht schaffen sollten. Der Song polarisiert natürlich, aber diejenigen, die ihn mögen, werden sich die Finger wund wählen.

 

Israel: IMRI – I feel alive

Und zum Abschluss noch ein herzhaftes schweißtreibendes Workout. Israels Fitnessboy IMRI ist dran und trägt wie in der ersten Probe ein schwarz-transparentes Tanktop, dass kräftige Oberarme enthüllt. Dazu eine schwarze Hose, einen schnuffligen Hey-ich-bin-ein Süßer-und-weiß-das-auch-Blick und schwarz-weiß umwickelte Handgelenke.

Eine Uptempo-Tanznummer aus Israel – natürlich müssen da Tänzer her. Sie kommen auch, aber erst zur zweiten Strophe. Vorher turnt IMRI ein wenig umher und versucht, die Kamera zu verführen. Die Tänzer sind weiß gewandet und ziemlich fetzig, das heißt, die Hosen haben zusätzliche Fetzen herunterhängen. Später gesellen sich drei weitere schwarz gewandete Tänzer hinzu und ich erwarte eine typische Israelische Choreo á la Golden Boy, aber nein – nach einiger Interaktion und einer Einstellung in der alle nebeneinander performen, verschwinden die Tänzer wieder und lassen IMRI alleine für die letzte Minute.

Das verwundert etwas, weil die Dramaturgie damit abfällt. Der Backdrop verwendet verschiedene Ideen, fliegende Meteore im All (Sergej Lazarev), Licherkranz (Sanna Nielsen), am Anfang Wassertropfen auf dem Bühnenboden (Ruth Lorenzo). Zunächst dominiert graublau-weiß und viele abstrakte Wellen. und Lineinmister, dann kommt rot hinzu. Ein wiederkehrendes Muster ist ein großer roter Strahlenkranz, bisweilen erinnert der Hintergrund an das Innenleben eines Flipper-Automaten.

IMRI spielt gut mit der Kamera und hat viele Close-Ups. Er tanzt aber gar nicht so viel, wie man erwarten würde, was sicher klug ist, denn die hohen Töne sind wacklig und mitunter an der Grenze, manchmal auch schief. Dafür gibt es viele Armbewegungen, die neben seiner guten Körperspannung auch zeigen, dass IMRI nichts davon hält, sich die Achselhaare zu rasieren.

Letzter Durchgang mit Feuereruptionen aus dem Bühnenboden in der zweiten Minute kurz bevor die Tänzer verschwinden und während des letzten Refrains, den er allein bestreitet.

 

Fazit: Solides Uptempo-Inszenierung zum Ende des Semis. IMRI hat nicht die Präsenz seiner beiden Vorgänger Golden Boy und Hovi Star, aber er ist sehr attraktiv und kommt liebenswert herüber. Wenn er die hohen Töne nicht versemmelt, sollte es trotz dramaturgischer Schwächen kein Problem mit dem Finaleinzug geben.

Das waren die heutigen Probenberichte. Morgen geht es weiter mit den letzten 6 Einzelproben der Ukraine und der BIG5, darunter Favorit Italien und natürlich Levina aus Deustchland. Wir sind schon sehr gespannt, ob und welche Änderungen es geben wird. Stay tuned.