ESC 2017: Zweite Proben Montenegro, Finnland, Aserbaidschan, Portugal und Griechenland

Nach der Mittagspause ging es weiter mit den Proben von Slavko, Norma John, DiHaj, Luisa und Demy (Foto oben). Den Roll-Blog vom frühen Nachmittag könnt Ihr hier noch einmal nachlesen.

Montenegro – Slavko Kalezić – Space

Im Gegensatz zum vergangenen Sonntag blieb es im Pressezentrum nach dem ersten Probendurchgang komplett still. Ist ja eigentlich auch kein Wunder, der „Wow-Effekt“ ist natürlich auch schnell verpufft. Slavko hat nach wie vor stimmliche Probleme – er klingt irgendwie heiser und scheint jeglichen oktavenüberschreitenden Ton zu vermeiden.

Das Staging ist in Bezug auf die Projektionen auf der LED-Wand geändert worden. Dort sieht man jetzt Slavkos Body tanzen – zumeist im Negativ-Effekt. Wenn er sich lasziv auf dem Boden räkelt, sieht man sein Gesicht auch über den Bühnenboden laufen. Irritierend ist für mich nach wie vor, dass der Pferdeschwanz nicht von alleine schwingt, sondern Starthilfe per Hand benötigt – man bekommt geradezu Angst, dass ihm das Ding beim Herumschleudern abreißt und für Verletzte im Publikum sorgt…

Im zweiten Durchgang zeigen sich dann nochmal Slavkos stimmliche Unzulänglichkeiten – in ganzen Passagen werden die Töne versemmelt. Am Sonntag soll es noch Probleme mit den In-Ears gegeben haben. Das wäre aber keine Erklärung für heute… Allerdings gefällt mir die Schlusspose – eine Art umgekehrter Usain Bolt!

Fazit: Das Staging konnte verbessert werden, dazu sind Proben ja auch da. Slavko hat nach wie vor stimmliche Probleme und scheint viel zu sehr mit seiner Choreographie beschäftigt zu sein. Er ist eben ein singender Tänzer und kein tanzender Sänger. Ich kann mir kaum vorstellen, dass eine Finalqualifikation gelingen kann, da der Gesamteindruck doch irgendwie ein wenig zu flach ist.

 

Finnland – Norma John – Blackbird

Einen recht statischen Auftritt zu haben, kann auch ein Vorteil sein. Wenn das Bühnenbild im Großen und Ganzen stimmig ist und der Gesang funktioniert, kann eine Probe eigentlich nur noch dafür sorgen, dass die Performer Sicherheit auf der großen ESC-Bühne bekommen. Und genau das merkt man bereits im ersten finnischen Probendurchlauf.

Die Bühne ist optisch in fließendes blaues Wasser getaucht. Daran wird bis zum letzten Refrain nichts geändert, wo das gesamte Bühnebild dann in rot eingefärbt wird und symbolisch sehr gut darstellt, worum es in dem Song geht.

Gerade nach der verzweifelten Blanche und dem Pferdeschwanz-Schleudertrauma vom Balkan wird einem beim Zusehen und Zuhören richtig wohlig und warm ums Herz. „Blackbird“ ist ein Song, mit dem man richtig gut „connecten“ kann. Im zweiten Durchlauf wird auch Bodennebel zum roten Bühnenlicht serviert.

Fazit: Ein sicherer Qualifikant in meinen Augen – fesselnd und bewegend zugleich und absolut stimmig inszeniert.

 

Aserbaidschan – DiHaj – Skeletons

Auch die Azeris haben gegenüber der ersten Probe keine Änderungen vorgenommen. Es passiert eine Menge auf der „Bühne auf der Bühne“, allerdings habe ich genau wie Sonntag das Problem, dass ich diese Inszenierung nicht verstehe. Angefangen von dem „Schultafelzimmer“ bis hin zum Mann mit dem Pferdekopf frage ich mich, wie das Gezeigte zum Text passt. Oder ob sich hier ein Choreograph unanbhängig vom Inhalt einfach mal so richtig ausgelebt hat.

Zu Beginn des Songs sind im Bühnenhintergrund Stadtsilhouetten und unwirkliche Stadtlandschaften zu sehen, die man allerdings auf dem TV-Bildschirm so gut wie gar nicht zu sehen bekommt. DiHaj singt souverän und der Chor ist geradezu fantastisch. Er darf sogar auf der Bühne mitwirken und schauspielert auch ganz hervorragend mit wehenden Gewändern.

Es ist ja im Grunde ein kleines Theaterstück, was wir zu sehen bekommen. Im TV würde man es vermutlich unter „Kleines Fernsehspiel“ senden.

Fazit: Trotz Interpretationsproblemen inhaltlicher Art glaube ich an eine feste Qualifikation. Gegenüber dem belgischen Beitrag beispielsweise ist hier die Umsetzung des sehr modernen und zeitgemäßen Songs gut gelungen und von den Bildern her auch stimmig. Ein himmelweiter Unterschied!

 

Portugal – Luisa Sobral – Amar pelos dois

Luisa steht wie am Sonntag auf der Satellitenbühne. Wir sind uns nicht sicher, ob das wirklich eine so gute Idee ist. Momentan ist die Halle ja leer, aber am Dienstag werden dort Hunterte von Fans um Luisas Bruder herumstehen und schreien, Fahnen schwingen, Gummihammer und Klobürsten in die Höhe halten. Dabei wäre es wichtig, Salvador in seiner selbstvergessenen Welt zu erleben und beim Träumen zuzusehen. Ob das auf diese Weise dennoch gelingt, wird man sehen.

Im Hintergrund ist ein Waldlandschaft zu sehen, in die erst kurz vor Schluss ein wenig Bewegung kommt. Optisch passiert ansonsten nicht viel, Lichteffekte bleiben komplett aus, die Stimmung wird ausschließlich über viele Close-Ups auf die Sängerin sowie einige Kamerafahrten durch die Halle erzeugt.

Alle drei Durchgänge sind gleich gestaltet, Luisa könnte im Prinzip auch Salvador ersetzen, sollte vor kommener Woche noch irgedetwas dazwischen kommen – obwohl ihre Stimme nicht ganz so gut zum Song passt und sie auch nicht annähernd so entrückt agiert wie ihr Bruder.

Fazit: Auch Portugal sollte sich in meinen Augen sicher qualifizieren können. Der Song ist besonders und alles andere als austauschbare Stangenware, dazu ist er stimmig inszeniert und braucht kein großes „Drumherum“, um beim Zuschauer zu verfangen.

 

Griechenland – Demy – This is love

Was immer auch am Montag Positives über die erste griechische Probe geschrieben wurde – das muss heute eigentlich revidiert werden. Dabei fängt alles ganz schön an. Demy steht allein auf der Bühne, die Haare im Wet-Look, vor einem großen Sternenhimmel. Dann geht sie zu einem Podest, das sie zum ersten Refrain nach oben fährt.

In allen drei Durchgängen aber das gleiche Problem: Der hohe Ton zu „Loooooooove“ wird so gut wie kein einziges Mal getroffen. Lautes Aufjaulen im Pressezentrum und viel Gelächter, weil es wirklich nicht ein einziges Mal so richtig gut hinhaut…

Nach Refrain Nr. 1 kommen dann die muskelbepackten und komplettrasierten Tänzer in ihren Balletthöschen herein und plantschen im Wasser – geht es bitte noch alberner? Zumal sie es nicht ein einziges mal hinbekommen, synchron zu agieren.

Zum zweiten Refrain verschwinden die drei hinter einer Hologramm-Wand (oder ist es eine Art mobile Projektionsfläche?), auf der Demy dann als eine Art „Neptunia“ im Wasser emporsteigt. Währenddessen muss die echte Demy an den Bühnenrand rennen, von wo aus sie den Song dann beendet – mit einem ausgesprochen kitschigen Schlussbild. Die tanzenden Statuen bilden gemeinsam ein Herz und Demy steht davor.

Fazit: Demy sieht fantastisch aus – ich habe noch nie so weiße Zähne gesehen, glaube ich. Aber ausgerechnet die flotten Popsongs treiben einem heute die Sorgenfalten ins Gesicht. Vermutlich wird auch sie sich für das Finale qualifizieren – schließlich kommt sie aus Griechenland. Aber im Grunde fallen mir locker zehn Songs und Inszenierungen aus dem ersten Semi ein, die origineller und weniger aufgesetzt sind. „This is love“ hätte man locker auch mit Demy allein oder mit dezenteren Tanzeinlagen choreographieren können. „Auf die Zwölf“ kann manchmal ganz effektiv sein – aber in diesem Fall finde ich alles ein wenig zusammengewürfelt und lächerlich…

 

Zu den Pressekonferenzen mit diesen fünf Acts geht es HIER.