ESC 2017: Zweite Proben Polen, Moldawien, Island, Tschechien und Zypern

Kurz nach halb vier beginnt der dritte und letzte Fünferpack Proben heute – die Startnummern 11 bis 15 des ersten Halbfinals, von Kasia Moś über Sunstroke Project, Svala und Martina Bárta bis Hovig. Hier sind unsere Live-Eindrücke dazu.

Hallo sagt OLiver, der nun auch wieder in der Autorenleiste unten zu sehen ist. Wie den Kollegen gefiel mir der erste Eindruck von der Halle im International Convention Centre zu Kiev auch, es gibt sogar WLAN, sodass wir nicht mit USB-Sticks der Bilder unseres Fotografen Volli hin und her laufen müssen (der Weg ist doch ein wenig tricky, ein bisschen wie in einem dunklen Pac-Man-Labyrinth mit plötzlich auftauchenden uniformierten Gespenstern, die einen anleuchten und die Akkreditierung sehen möchten…). Ich könnte also auch in der Halle sitzen und bloggen, aber der Eindruck am Bildschirm ist doch der Wichtigere, daher habe mich entschieden die Proben vom Pressezentrum zu verfolgen.

Die Pause seit den letzten griechischen Tönen ist nur eine halbe Stunde lang, die heutigen Proben sind auf 20 Minuten begrenzt, das bedeutet drei Durchläufe pro Teilnehmer, Glücklicherweise werden uns heute alle drei auch gezeigt.

 

Polen: Kasia Moś – Flashlight

Kasia trägt ein weißes, sehr freizügiges Kleid mit nur einem Schulterträger im Wickelstil. Das ist eine Änderung zum ersten Probendurchgang, als sie hochgeschlossener auftrat. Wirkt amazonenhaft (der Fachbegriff ist wohl „Wickelamazone“), sie zeigt viel Bein und hat eine Schleppe. Es soll demnach elegant und sexy wirken. Ihr Make-Up ist auffällig, ein korallenroter Lippenstift und mit Goldlack schwer beklebte Augenlider – absolut nicht mein Fall.

Wir haben hier eines der recht häufigen blauen Settings. Der Hintergrund wechselt zwischen Sternenhimmel, Sternenbilder oder Tierkreiszeichen (ich erkenne einen Stier) und weißen Vögeln, die von der Mitte nach außen fliegen und am Ende wird aus den Sternbildern das Wort „FREEDOM“ gebildet.

Kasia hat ihren Bruder als Geiger mit auf der Bühne, er bleibt jedoch dezent im Hintergrund, wird kaum beleuchtet und spielt nicht wirklich eine Rolle in dieser auf Kasia zugeschnittenen Inszenierung. Sie läuft nach vorne an den Bühenrand und bewegt sich dort ein wenig hin und her (so kommen die Beine gut zur Geltung).

Die Kameraorientierung ist jedoch suboptimal, sie scheint immer leicht neben die Kamera zu schauen und wirkt doch recht angestrengt, beziehungsweise konzentriert bei ihrem Gesang. Selbstvertrauen sieht anders aus!

„Sie connected nicht mit dem Publikum, da fehlt etwas“, sagt Jan. Zweiter Durchgang: Wir bekennen, dass Kasia das technisch einwandfrei macht, sie trifft die Töne, aber es gelingt ihr nicht, Emotionen zu transportieren, wir bleiben unerreicht. Mit zunehmender Dramatik des Songs wird auch die Windmaschine hochgestellt.

Sicher die schönste Einstellung befindet sich in der Mitte des Liedes, wenn die Tauben im Hintergrund aus ihrem Körper zu fliegen scheinen und dann über die volle Breite des Hintergrundes davon flattern. Das wird effektvoll in einer Totalen fortgesetzt.

 

Fazit: Polen hat ein geschmackvolles Setting und singt technisch gut, aber Kasia scheint noch nicht wirklich angekommen zu sein. Der Song ist dramatisch, aber sperrig – die Bühneninszenierung und Kasia tun aber nichts, um dem Zuschauer den Zugang zu erleichtern. Die Startposition hinter der albernen Inszenierung Griechenlands ist eigentlich eine Chance, aber das Flashlight flackert an uns vorbei.

Und das ist schade, denn das Lied hat eine wirklich hörenswerte Botschaft (Tierschutz). Jan meint sogar, unsere sehr pessismistischen Voreinschätzungen werden sich bewahrheiten und sie könnte auf einem der letzten Semiplätze landen.

 

Moldawien: SunStroke Project – Hey Mamma!

Die drei (blondierten?) Jungs von Sunstroke Project gewohnt lässig. Sie tragen Anzüge und schwarze Fliegen und haben drei Backing Sängerinnen dabei, die zunächst mit schwarzen Hüten, weißen Tops und schwarzen Röcken eher nach Beerdigung aussehen.

Der Titel ist voll durchchoreographiert, es wird viel getanzt, gelaufen und mit den Hüften geschwungen. Sehr stimmig. Der Hintergrund ist knallig bunt, immer wieder erscheint der Schriftzug „Hey Mamma“.

Applaus im Pressezentrum, als die Kamera auf die huttragenden Damen zufährt und diese mit einem Kleidertrick ihre schwarzen Röcke in lange weiße geschlitzte Hochzeitskleider umwandeln, sich der Hüte entledigen und plötzlich Brautstrauß und Schleier tragen. Sie singen in ihre Brautsträuße, die ganz am Ende auch (noch ziemlich unkoordiniert) geworfen werden, und zwar nicht ins Publikum, sondern hinter die Bühne. Im Semi sollten sie besser ins Publikum fliegen.

Epic Sax Guy hat ein schönes Solo, er wird auf dem Backdrop multipliziert, das ist eine coole Sequenz, allerdings scheint Epic Sax Guy episch zugenommen zu haben, ich hätte ihn nicht gleich erkannt, zum Glück hat er ja sein Saxophon dabei. „Du kannst ihn ruhig Epic Mops Guy nennen“, meint Jan, das sei nicht despektierlich, zumal er sich ja immer noch sehr gelenkig und im Rhythmus zu bewegen vermag.

Mir gefällt, dass der Hintergrund überwiegend schwarz-weiß mit eckigen und runden abstrakten Formen gestaltet ist, am Ende gibt es noch einige rote Blinklichter, lediglich das „Hey Mamma“ ist babyblau als Schriftzug… passt ja zum Thema Hochzeit… vielleicht ist ja bald was Kleines unterwegs… die Interaktion zwischen den Jungs und Mädels ist in dieser Nummer prima, der gut eingeübte Stampfertanz ist lustig, insbesondere dass die Damen die gleichen Tanzbewegungen mitmachen, macht richtig Laune!

Im zweiten Durchlauf schafft es eine der drei Bräute nicht, ihr Kleid zu öffen und bleibt im alten Outfit. Das darf natürlich nicht passieren am Dienstag Abend.

 

Fazit: Hier ist alles soweit stimmig, die Moldawier setzten auf Stimmung und Lebensfreude und bringen das ganz gut rüber. Das größte Asset ist sicher der Epic Sax Guy. Ich denke, hier können wir von einer soliden Finalqualifikation ausgehen.

Ich erhalte die Info, dass Foto-Vollis Akku zu Ende ist und nun etwas Zeit braucht für das Wiederaufladen, das Bilder verkleinern verbraucht einfach viel Leistung. Daher kommen die Bilder zu den nächsten Proben wohl etwas später. Die Videos der EBU benötigen ohnehin recht viel Zeit. Aber es wird alles noch eingefügt!

Volli fragt uns gerade, ob hier tatsächlich alle Frauen auf der Bühne weiß tragen müssen… Jan antwortet ihm, für späte Startnummern sei das Vorschrift 😉

 

Island: Svala – Paper

Und die nächste weiße Frau vor blauem Hintergrund. Svala hat sich für ein neues Outfit entschieden. Statt der beiden großen Haarbeulen und der pastellgemusterten engen Hose („Minnie Maus hat sich auf ihre Leggings übergeben“) ist sie nun eleganter: weiße Leggings, Plateauschuhe, einen klassischen Pferdeschwanz, leicht metallicfarbenes Make-Up und riesige Ohrgehänge, die aussehen, als wären sie Einsatzschalen für einen Moulinex-Küchenzerkleinerer.

Herausragend der leicht ovale tiefe Ausschnitt (die Beulen sind gewissermaßen von den Haaren hier herunter gerutscht). Ist das sexy? Es ist auf jeden Fall sehr, sehr kühl, beinahe eisig. Sie trägt weiterhin das Cape und der Vergleich mit einer Fledermaus aus der ersten Probe ist noch stimmig.

Svala hat eine gute Kameraorientierung und bewegt sich sicher, aber steht meist leicht vornübergebeugt. Der Refrain kommt stimmlich deutlich stärker als die beinahe gesprochenen Strophen herüber. Ich wünsche mir spontan den Song auf Isländisch.

Der Hintergrund ist wie gesagt blau, es regnen immer wieder grüne Fäden herunter. Später sieht es aus wie Eiskristalle. Womöglich soll an Disney’s „Frozen“ erinnert werden? Leider ist „Paper“ kein „Let it go“. Am Ende steht Svala vor einem grünen Strahlenkranz, das Setting ist an sich recht simpel und lenkt nicht von der Eiskönigin ab. Bei den Kollegen geht der Auftritt links rein und rechts raus.

Ob ihr ihr Vater Bo Halldorson (ESC Island 1995) Svala hilfreiche Tipps gegeben hat? Sein Ergebnis war ja auch nicht gerade berühmt. Jenen Auftritt hat der Blogger damals live beigewohnt. Mein Gott, mein erster ESC, das sind schon 22 Jahre her. Kein Wunder, dass wir hier über Schönheits-OPs sprechen… die hat Svala aber nicht nötig, sie wirkt so frisch wie ein hochpreisiges Produkt von Iceland Seafood aus dem Tiefkühlregal.

 

Fazit: Die Frisur ist zwar optimiert worden, aber der Song ist einfach nicht ausdrucksstark genug. Svala singt gut, aber mehr als ein kühler fröstelnder Hauch bleibt nach dem Auftritt aber nicht zurück. Wir glauben nicht ans Finale.

 

Tschechien: Martina Bárta – My turn

Martina trägt ein hoseanzugartiges enges Kostüm (beinahe ein Overall) aus Goldfolie, von dem eine Art Sofaborte herunterhängt. Ihre Haare sind glatt und offen und sie ist zurückhaltend geschminkt, glänzt aber erneut auf den Wangen wie bei der ersten Probe. Etwas mehr Kompaktpuder darf es schon sein. Statt dem auffällig schwarzen BH ist diesmal die Unterwäsche unauffällig.

Es hat sich nicht viel geändert. Martina beginnt am Rand der Bühne sitzend in einer nachdenklichen Pose, streicht sich durchs Haar und erhebt sich dann. Sie läuft in die Mitte auf einem gelben Strich auf die Bühne, die dann komplett gelb am Boden wird. Später steht sie in einer Art leicht pulsierender gelben Sonne in einem lilanen Umfeld (ein futuristischer Cerranfeld-Herd fällt mir dazu ein). Ansonsten bewegt sie sich sachte und fließend. Auftritt und Setting erinnern mich an Samt – warm, weich, angenehm… aber eben auch nur zu wenigen Anlässen wirklich gut tragbar.

Der Backdrop besteht aus Szenen aus ihrem Video – halbnackte Menschen aller Couleur und Körperform, die Farben sind warm, herbstlich und passen sehr gut zur Stimmung und zur Botschaft des Liedes. Martina ist stimmlich ohne Probleme, blickt manchmal aber etwas bekümmert in die Kamera, dabei sollte der Song doch eher so etwas wie Dankbarkeit, Ruhe, ein Alles-ist-oder-wird-gut-Gefühl vermitteln? Es hört sich für mich jedenfalls exakt so an wie auf der CD. Man merkt, dass sie eine wirklich versierte Sängerin ist.

Violett und Gelb sind die dominierenden Farben, was einen sehr angenehmen Kontrast zu den blau-weißen Settings und der Lasershow der isländischen Eiskönigin setzt.

(Leider kann diese Besprechung nicht ganz so ausführlich werden, weil wir zwischendurch das heutige Bloggerfoto gemacht haben.)

 

Fazit: Das Setting ist ruhig und gediegen, der Glitterlook ein wenig zu futuristisch geraten. Wenn man ein klassisches Kleid vermeiden wollte, hätte es vielleicht auch andere Möglichkeiten gegeben, zeitgemäß und modern zu wirken. Stimmlich ist das erste Sahne, aber auch hier würde es mich wundern, wenn es für einen Platz im Finale reichen sollte. Die Jury müsste hier schon durchgehend die Top-Noten ziehen.

 

Zypern: Hovig – Gravity

Letzte Probe für heute ist Zypern und hier wird optisch deutlich mehr geboten als in den vorherigen beiden Auftritten zusammen. Hovig scheint vieles (und vieles schon mal dagewesenes) in seinen Auftritt gestopft zu haben. Er trägt schwarz, ein casual Outfit.

Auch er geht zuerst auf einer gelben Linie, die allerdings dünner als bei Martina Bárta ist. Er folgt der Linie auf dem Bühnenboden (erinnert an Tijana aus Mazedonien). Er hat zwei ebenfalls ganz in Schwarz gewandete Tänzer, die am Boden kauern und mit ihm eine simultane, meiner Ansicht nach typisch schwedische, Mello-Choreographie aufführen (erinnert an alles mögliche), dazu gehört auch eine Wir-heben-den-Fuß-mal-an-und-verharren-Einstellung (erinnert mich an Christos Mylordos).

Der Hintegrund ist weiß und wird bisweilen in Würfel geschnitten (erinnert an Sergej Lazarev). Ansonsten ist der Hintergrund mal blau, mal schwarz-weiß, er hat eine schöne Sequenz, wo die drei Jungs nur als Schatten erkennbar sind, während der Hintergrund röntgenartig strahlend weiß leuchtet. Am Ende liegt Hovig in Embryo-Haltung in der Mitte der Bühne, um ihn herum ein blauweißes Gewaber (erinnert mich auch an jemanden, ich komme nur gerade nicht darauf). Immer wieder balanciert Hovig auf dem hellen am Boden erscheinenden Strich herum, am Ende haben auch die beiden Tänzer ihren eigenen Schwebebalken.

Stimmlich gibt er sicher alles, aber meiner Ansicht nach bräuchte es noch mehr stimmliche Power und Audruck, um die Zuschauer wirklich zu fesseln. Hovigs Präsenz (wenn wir ihn wegen der Würfel mal mit Sergej Lazarev vergleichen) ist limitiert.

 

Fazit: Mir persönlich sind das zu viele zusammengeklaute optische Ideen und ein Interpret mit überschaubarem Charisma für die große ESC-Bühne. Angesichts der eher späten Startnummern und der nicht wirklich überzeugenden Damen aus Island und Tschechien, die vor ihm starten, könnte die flotte zyprische Nummer mit dem treibenden Beat indes sehr gut funktionieren und Zypern problemlos ins Finale segeln.

Damit ist die heutige Probensequenz abgeschlossen, vielen Dank für Eure Kommentare! Zurzeit laufen noch Pressekonferenzen, über die Matthias hier berichtet. Bisweilen ist es auch nicht ganz einfach, den Proben zu folgen, weil irgendwelche spontanen Performances aus dem Pressekonferenzbereich zu uns herüberschallen. Aber das ist natürlich verschmerzbar.

Ich sage schon mal Tschüß für heute natürlich bringen wir später noch eine neue Folge The Good The Bad and The Ugly vom heutigen Tag. Stay tuned!