ESC 2017: Zweite Proben Schweden, Georgien, Albanien, Australien und Belgien

Es wird spannend: Die zweiten Proben starten und erstmals darf die Presse in die Arena und kann somit den kompletten Auftritt verfolgen. Wir bekommen die tatsächlichen Outfits präsentiert und erleben alle Spezialeffekte. Wir berichten für euch live und starten mit einem Fünferpack an Ländern. Jetzt mit allen Auftritts-Videos.

Guten Morgen aus dem Pressezentrum in Kiew. Ein ereignisreicher Tag liegt vor uns: die zweiten Proben stehen an.  Zusatzinfos: gestern Abend gab es einen Eklat im Euroclub, da es einigen Fans aufgrund ständiger Programmänderungen und fehlender ESC-Musik zu bunt wurde. Die Konsequenz: gähnende Leere im Euroclub. Detailinfos folgen von unserem betroffenen DJ Ohrmeister. Weiterer Fun Fact: unser Fotograf Volli traf auf dem Weg zur Halle eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Ukraine. Wer? Na klar, die unverwüstliche Verka Serduchka mit Mütterchen, diesmal ganz mobil!

Jetzt der spannende Moment. Man darf erstmals die Arena betreten. Das Gefühl erinnert mich daran, wenn ich als kleiner Bub erstmals den Weihnachtsbaum sehen durfte. Man ist quasi schon den ganzen Morgen hibbelig. Und so marschiere ich nun voller Vorfreude in das Herz des Exhibition Centers zur Bühne.

Wow! Es ist überraschend doch ein Schmuckkästchen geworden und wirkt doch größer als gedacht. Die Bühne beeindruckt mit Wuchtigkeit und Eleganz. Vor allem die Projektionen gehen links und rechts weit über den Bühnenrand hinaus. Auch scheint das Dach viel niedriger als z.B. in Kopenhagen und Stockholm. Der Greenroom ist wieder mitten in der Arena und erinnert an Eierschalen. Die Zuschauer scheinen nah dran an dem Geschehen. Das verursacht schon Gänsehaut beim ersten Betreten.

Einer der Stage Designer erklärte dann auch das entstandene Chaos beim Ticketverkauf mit den nachträglichen Änderungen. Man habe bemerkt, dass manche Plätze keine gute Sicht zur Bühne gewähren und man wollte keine Zustände wie in Baku (damals saßen manche Fans sogar hinter der Bühne). Und so kam es zu den Umstrukturierungen, die Unmut erzeugten.

Schweden – Robin Bengtsson – I can’t go on

Der smarte Robin eröffnet mit seiner Dressman-Show die zweiten Proben eine Minute früher als geplant um 9:59 Uhr. Schweden hat ja den großen Vorteil, dass man nach dem Sieg beim Melodifestivalen bereits über ein fertiges Gesamtwerk verfügt, das 1:1 auf die Bühne übertragen werden kann. Bei den meisten anderen Ländern beginnt dann ja erst die eigentliche Arbeit. Dies zeigt sich z.B. auch in den Wettquoten, wo Schweden konstant um die Plätze 3 bis bei der Siegwette pendelt, während andere Länder großen Schwankungen unterliegen. Schließlich kann man mit einer unpassenden Show auch alles ruinieren.

Selbst der dramaturgisch wichtige Einmarsch in die Arena konnte für Robins Beitrag „I can’t go on“ im Exhibition Center in Kiew umgesetzt werden. Er startet nun links von der Bühne und ist bereits von der ersten Sekunde an für die Fans in der Arena sichtbar.

Im Vergleich zum Sieg beim Melodifestivalen springen dem geneigten Hardcore-Fan nur minimale Änderungen ins Auge. Die Rollis sind weiß statt schwarz und auf dem Laufband wurden die Moves minimal geändert.

Der Backdrop (Einblendungen auf der LED-Wand) ist lila-blau gehalten und erinnert mich mit seinen Gitterlinien an Musikvideos aus den 80-er Jahren oder Computerspiele aus der Technik-Steinzeit.

Positiv: Es gibt drei Durchgänge und Robin singt einwandfrei und liefert sehr routiniert ab. Kritikpunkt: Es wirkt einen Tick steril und distanziert.

Der Showverantwortliche ruft hinterher auch aus dem Off: „What can I say? This was fucking beautiful.“ Dies führt zu Beifall und Schmunzeln bei den Zuschauern.

 

Georgien – Tako Gachechiladze – Keep the faith

Tako (die ja jetzt als Tamara auftritt) betritt in einem atemberaubenden engen roten Kleid die Bühne und zeigt dabei viel Haut und vor allem Dekolleté. Heiß! Die Haare sehen allerdings noch so aus, als habe sie kurz vor dem Auftritt in die Steckdose gefasst.

Sie legt sich einen roten Umhang um, den sie dann theatralisch nach dem ersten Refrain abwirft.

Ihr Beitrag lebt von ihrem divenhaften Auftritt. Mit ihren Armen und Fingern gestikuliert sie eindrucksvoll und die Kamera fängt dies auch immer wieder gekonnt ein.

Die Bühne ist in den georgischen Nationalfarben gehalten: rot und weiß. Zum Glück hat man die politischen Botschaften aus dem Vorentscheid in Georgien aussortiert.

Die Windmaschine wird hochgefahren und es gibt Bodennebel. Im Backdop sehen wir organische Elemente, die an Zellteilungen erinnern. Zum Ende hin fliegt ein weißer Schwarm aus Meteoriten auf uns zu und es werden mehrmals Feuersalven abgeschossen.

Insgesamt ein stimmiger, klassisch inszenierter Auftritt. Stimmlich auf der Höhe und mit viel Drama und Emotionen. Hat in meinen Augen durchaus Chancen auf den Finaleinzug.

 

Albanien – Lindita – World

Albanien und Australien haben erneut ihre Probenreihenfolge getauscht. Lindita betritt mit weißem Kopftuch die Bühne und erinnert uns spontan an Mutter Teresa (die ja auch Albanerin war) oder eine Marienerscheinung.

Sie wirft das Kopftuch aber während ihrer Performance ab und zum Vorschein kommt ein mit silbernen Applikationen bestückter Body und ein Rock mit weißem Tüll, der ihre Beine im Gegenlicht betont.

Im Backdop und auf dem Bühnenboden sehen wir drehende Uhren ohne Zeiger. Dazu gibt es Bodennebel und apokalyptisch anmutende Landschaften und vorbeifliegende Schiffe.

Stimmlich war da im ersten und zweiten Durchlauf noch etwas Luft nach oben. Da hat sie sich hoffentlich noch eine Steigerung für das Halbfinale aufgehoben.

Fazit: Es wirkt etwas statisch, brav und nett und rauscht so an mir vorbei. Lindita sieht zwar süß und sympathisch aus, aber die Finalqualifikation steht in meinen Augen noch auf wackeligen Beinen.

 

Australien – Isaiah – Don’t Come Easy

Isaiah hat als Outfit einen graumelierten Gehrock mit dunkler Hose gewählt und performt auf einem sich drehenden Podest.

Im Backdrop ist immer wieder sein Konterfei zu sehen, mal nur das Gesicht, mal ein Brustbild im schicken Anzug. Es wirkt fast, als würden sich Isaiah und der Bühnenhintergrund immer wieder anschauen und interagieren. Sehr raffiniert gemacht.

Die Kamerafahrten und die Bewegungen auf dem Laufband erzeugen viel Dynamik. Immer wieder wandert Isaiah aus dem Bild oder ins Bild hinein.

Zum Finale wird Feuerregen eingesetzt und Sprühfontänen – das hätte bei der ansonsten eher düster und intim inszenierten Nummer gar nicht gebraucht.

Auffällig ist, dass Isaiah im Vergleich zur Studioversion sehr stark moduliert. Bisweilen hört sich das klasse an, aber auf die Dauer ist es fast ein Tick zuviel des Guten.

Fazit: Isaiah punktet mit seinem Welpenblick. Der Bühnenhintergrund mit seinem Konterfei wirkt frisch und durch das Laufband kommt Dynamik rein. Eine Finalqualifikation sollte für Australien möglich sein.

 

Belgien – Blanche

Jetzt Hochspannung! Topfavorit Belgien hat in der ersten Probe gepatzt. Kann Blanche das Ruder nochmal herumreißen. Wir sind gespannt und sehen das Outfit schon in Silhouette und ahnen Böses… Blanche all alone in the Danger Zone.

Ich liebe dieses Lied – aber was erlauben Belgien??? (würde Trapattoni sagen). Blanche trägt ein weißes Kleid mit silbernen Applikationen (Vögel?  Schmetterlinge?). Sieht von weitem aus wie ein Hochzeitskleid und passt so gar nicht zu dem modernen und schmissigen Song.

Aber es kommt noch schlimmer. Blanche schaut so traurig in die Kamera wie die Maus kurz bevor sie von der Katze gefressen wird. Es sieht leider so aus als habe sie gerade geweint. Sie singt: „Are you ready to take my Hand“ und ich möchte sie am liebsten drücken und sagen: komm, Kopf hoch, das wird schon!

Das Thema „City Lights“, was im Official Video noch so schön aufgegriffen: mit dem durch Häuserblocks wanderndem Licht. Doch hier in Kiew wirkt das Gesamtwerk weder rund noch stimmig. Es gibt geometrische Linien und Muster und vorbei fliegende Planeten.

Positiv gibt es anzumerken, dass die zweite Probe wohl stimmlich stärker war als die erste Probe. Trotzdem ist das leider noch weit davon entfernt stimmlich zu begeistern. In jedem der drei Durchläufe gab es auch Unsicherheiten. Im Pressezentrum gab es auch zahlreiche entsetzte Gesichter.

Es gibt auch ein paar schöne Kamerashots von oben, ansonsten kommt der moderne Song leider sehr statisch und auch kühl rüber. Da hilft auch Blanches rudern mit den Armen wenig.

Von den Kollegen des belgischen Fanclubs drang auch durch, dass Blanche inzwischen zunehmend genervt und angespannt wirkt – gerade abseits der Bühne und auch bei Interviews und Anfragen. Das sind leider alles keine guten Vorzeichen.

Fazit: Blanche singt „Are we going to lose it all?“ und ich befürchte – ja! Auch mit der zweiten Probe wackelt Fanfavorit bedenklich und taumelt in Richtung Halbfinal-Aus. Schade, schade, schade – der Song hätte so viel Potenzial.

 

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– Dann empfehlen wir euch die Pressekonferenzen mit Robin, Tako, Lindita, Isaiah und Blanche
– Der nächste Proben-Block mit Montenegro, Moldawien, Island, Portugal und Griechenland ist bereits auch in vollem Gange