ESC 2018, 1. Halbfinale: Die Show-Kritik

Jetzt mal ehrlich: Fand irgendjemand diesen „Planet Portugal“-Einspieler lustig? Und gähnte jemand wie ich bei der MAZ mit der x-ten Wiederholung der üblichen „skurrilen“ Szenen aus 63 Jahren ESC-Geschichte?

Okay, alles in allem war es eine gute Show. Das lag natürlich in erster Linie an ihren Hauptprotagonisten. Selten war ein Halbfinale derart stark besetzt. Echte Ausreißer nach unten gab es kaum. Wirklich unterirdisch war die Performance aus Mazedonien: Das zweite Outfit war zum Fremdschämen, die ganze Chose war zum Wegschauen. Natürlich zu recht draußen.

Der andere Ausreißer war Weißrussland. Dort, wo ich das Semi verfolgt habe (im Berliner Sonntags-Club, gut gefüllt), sorgte die völlig überinszenierte Liebesrosenschnulze für 3 Minuten Lacher. Das ganze war ja auch kaum ernstzunehmen. Von der Rose, die von Alekseev zur Tänzerin gedreht wird, über den Pfeilschuss bis hin zum Schlussbild, der im Sonntags-Club eher Ausrufe des Ekels erzeugte. Das ging halt so gar nicht.

Ansonsten fühlte man sich von den Beiträgen des Abends weitgehend gut unterhalten, die LED-Wand habe ich nicht vermisst – man kann auch so aus den Songs viel rausholen, haben die meisten Delegationen bewiesen. „Toy“ stimmig inszeniert, „Lie to me“ vielleicht ein bisschen zu sehr gestückelt, Ieva anrührend, Eugent akzeptabel. Die Finnen lieferten gut ab – war zwar kein Favorit von mir, aber ich wurde 3 Minuten lang angenehm bespaßt, wir vermissten allerdings den Messerwerfer bei der Anfangsszene, Saara am drehenden Rad…. 😉

Belgien enttäuschte: Aus dem Lied hätte man mehr machen können, das war optisch halt einfach zu wenig. Gleiches mag wohl für „X my heart“ gelten. Da enttäuschte Aserbaidschan wohl einfach, weil man es an den bisherigen Inszenierungen seiner ESC-Geschichte maß. „Bones“ erreicht mich weiterhin nicht. Es ist als Lied okay, aber für mich kam da überhaupt nichts rüber. Hätte es da den Schweizern eher gegönnt, ins Finale einzuziehen.

Kurzum: Das Hauptprogramm war mehr als okay! Das Drumherum leider nicht so ganz. Dabei fing es so vielversprechend an. Schöner Auftakt mit Lissabon-Szenen, ein zackiger Einstieg in die Show (obwohl sich bis zum Ende nicht erschloss, wofür man 4 Moderatorinnen braucht, 3 etwas weniger Verkrampfte hätten maximal gereicht) – schon nach wenigen Minuten sang schon Aisel. Es ging schwungvoll und zügig los, die Postkarten zeigten schöne Szenen des Landes. Diesen positiven Eindruck verspielten die Portugiesen leider im Lauf des Abends. Die üblichen Greenroom-Schalten, um Werbeblöcke anderer Länder zu überbrücken: geschenkt, wie immer. Mehr oder weniger sinnvolles Geplänkel in den Sofas. Das war insgesamt akzeptabel gemacht, und die Dame im Greenroom machte ihren Job ordentlich.

Aber dann…. was um Himmels willen hat die Planer geritten, ein ganzes Feuerwerk an unlustigen Gimmicks abzuschießen?? Der völlig humorfreie Telefongag. Der Votingaufruf mit meterlangen Papierstimmzetteln, die man an die Zuschauer verteilen wolle. Der öde David-Attenborough-Einspieler, der vergeblich versuchte, in die – zugegebenermaßen großen – Fußstapfen von Sarah Dawn Finer alias Lynda Woodruff zu schlüpfen. Und dann noch das gefühlt 5 Minuten lange Brettspielen der beiden Moderatoren, die sich gegenseitig Trivial-Pursuit-hafte Fragen vorlasen…. Das wirkte zudem ziemlich unlocker. Sorry, Portugal, ich sah nur noch auf die Uhr und dachte: Mensch, verkündet endlich die 10 Finalisten! Richtig gelungen fand ich eigentlich nur die MAZ, in der Teilnehmer des ESC 2017 „Amar pelos dois“ sangen. Das war nett.

Doch dann kamen ja auch noch die drei gesetzten Finalisten aus Portugal, Spanien und UK. SuRie schaute auch nur gequält, als sie die mäßig lustigen SuRie-Wortspiele über sich ergehen lassen musste. Amaia und Alfred wurden genötigt, sich vor der Kamera zu küssen (geht höchstens in einer viertklassigen Carmen-Nebel-Show). An das kurze Geplänkel mit Cláudia und Isaura kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern. „POR-TU-GAL!!“-Ausruf oder so….

Gut, dass dann endlich die Finalisten verkündet wurden. Spannend wie immer, aber das ist ja kein Verdienst der Ausrichter, das ist ESC-konzeptimmanent. Umso spannender in diesem Jahr, weil klar war, dass sicher ein, zwei gute Songs auf der Strecke bleiben würden. Kroatien etwa, nach den Proben hier auf dem Blog ein wenig gepusht. Die schon erwähnte Schweiz. Aserbaidschan mit dem wohl ESC-typischsten Song des Abends. Und die landessprachlichen Beiträge aus Armenien und Griechenland. Bei denen passierte halt zu wenig auf der Bühne. Gute Unterhaltung sieht anders aus.

So kann man sich schon jetzt auf die zweite Show morgen Abend freuen. Allerdings gibt’s da dann wohl den zweiten Teil von „Planet Portugal“. Das trübt die Freude ein wenig…