ESC 2018: 2. Semifinale: Die Show-Kritik

Jetzt hab ich die Portugiesen durchschaut: Starkes Startfeld (Semi 1) – da muss das Drumherum nicht so leuchten; mäßiges Startfeld (Semi 2) – da müssen wir uns mit dem „Pausenprogramm“ mehr Mühe geben. Aber nach oben ist noch Luft offen.

Es besteht die Gefahr, sich hier jetzt zu doppeln. Natürlich war ein ähnlicher Ablauf wie am Dienstag zu erwarten, „Planet Portugal“ inklusive. Gegen Ende kam „David Attenburger“ dann auch prompt wieder und marschierte erneut witzlos durch Lissabon, um uns über Kaffeegewohnheiten und portugiesische Lebensart aufzuklären. Man ertrug es inzwischen mit Fassung…

david-attenburger

Aber ansonsten war das, was sich die Organisatoren für den Abend abseits der 18 ESC-Beiträge ausgedacht hatten, akzeptabel bis unterhaltsam – auch mit ernsten Tönen. Schön, dass die Portugiesen die Chance nutzten, allen, die es noch nicht kannten, die Geschichte hinter „E depois do adeus“ zu erzählen, dem portugiesischen Beitrag 1974, der am späten Abend des 24. April 1974 im Radio gespielt die Nelkenrevolution zum Sturz der Estado-Novo-Diktatur startete. Und das ausgerechnet in dem Halbfinale, in dem Russland startet… (Diese MAZ wäre vermutlich auch der chinesischen Zensur bei MangoTV zum Opfer gefallen – doch die EBU hat die Kooperation mit sofortiger Wirkung beendet.)

revolution

Natürlich durfte auch die ESC-Enzyklopädie wieder nicht fehlen. Was man den Machern zugute halten kann: immerhin mal eine etwas andere Art, die üblichen „skurrilsten Szenen“ der ESC-Geschichte zu zeigen. Wobei wir vor ein paar Jahren auch schon mal ein Buch als Pausenprogramm hatten (da war’s eine Art ESC Guinness Buch mit den meisten „la“s und dem längsten gesungenen Ton usw.)

Was mir ganz gut gefiel: die Idee, die ESC-Geschichte tanzend zu erzählen. So kam auch Riverdance nochmal zu seinem Recht… Schade aber, dass der Eröffnungsfilm mit den Szenen aus Lissabon derselbe war wie am Dienstag. Da hätte man sich nochmal was Neues überlegen können.

dancing

Und sonst? Wieder ein flottes Timing zu Beginn: Alexander Rybak stand um 21:06 auf der Bühne. Die vier Moderatorinnen tauen langsam auf, sie wirkten heute schon ein wenig lockerer als noch am Dienstag. Die eingeschobenen Couch-Gespräche waren okay, auf alberne Gags rund ums Voting verzichtete man dieses Mal (obrigado!) – dafür wurden nun die Fans in der Halle stärker einbezogen. Schön!

fans

Extrem auffällig war aber, um wie viel schwächer dieses Semifinale im Vergleich zum ersten am Dienstag war. Streckenweise saß man vor dem Bildschirm (bzw. ich wieder im Berliner Sonntags-Club vor der Leinwand) und hatte das Gefühl „Drei Minuten können ganz schön lang sein“ (Serbien, Russland, Georgien, Malta, Slowenien) und, so nach spätetens 1:30: „Danke, der nächste bitte!“ Am Ende bekam man auf seinem Zettel kaum zehn Finalisten zusammen, die man zu recht gern am Samstag nochmal gesehen hätte.

Was nicht nur an schwachen Beiträgen lag (Russland mit dem Nichts von Lied zu Recht draußen – da halfen nicht mal mehr die Stimmen aus Moldawien und Lettland), sondern auch an Ausfällen bei an sich guten Songs. Polen etwa: hörte man sich auf CD oder im Video gern an, nur nicht heute Abend, denn Lukas Meijer versemmelte so ziemlich alles. Rumänien: als Lied akzeptabel, aber als Performance zu gewollt. Gleiches gilt für Malta. Bei Laura Rizzotto passierte dagegen zu wenig, obwohl sie ihr „Funny Girl“ eigentlich gut vortrug. Vanja aus Montenegro mit der Chance auf den Barbara-Dex-Award – gab es in ganz Lissabon nicht noch auf die Schnelle einen schön aussehenden Anzug?

Mélovin hatte als Graf Dracula aus der Klavier-Gruft an sich eine ähnlich übertriebene Show wie am Dienstag Alekseev, doch der ukrainische Auftritt wirkte alles in allem weniger lächerlich – und die Ukraine hatte das Losglück, Russland, Moldawien und womöglich auch Georgien mit im Semi zu haben.

Weiteres Highlight des Abends waren die drei gesetzten Finalisten. Allen voran Michael Schulte, der supersympathisch rüberkam und mit „Fly on the wings of love“ die Zuschauer nicht nur in der Halle für sich einnahm. Auch Madame Monsieur und Ermal/Fabrizio machten in den Sofaecken eine sehr gute Figur. Das gemeinsame Anstimmen von „Volare“ in einer ESC-Show setzt zwar langsam Mehltau an, aber nun gut…. nächstes Jahr vielleicht mal „Insieme“?

michael

Unterm Strich kann man mit der Show zufrieden sein. In einem mäßigen Startfeld waren zumindest Norwegen, Ukraine, Moldawien und Schweden keine Überraschungsfinalisten, auf Dänemark, Australien und Ungarn konnte man auch setzen. Das waren dann aber eben nur 7. Und dann? Rätselte man eben, ob die Zuschauer die Show rund um „Outlaw in ‚em“ nicht doch ein bisschen daneben fanden. Oder ob die Zuschauer die Roboter aus San Marino vielleicht niedlich fanden…

Jetzt also sind wir schlauer. Aus 43 Beiträgen sind 26 übrig geblieben. Ob es die richtigen 26 sind, darüber darf noch weiter gestritten werden – die Hardcore-Fans von z.B. „Taboo“ oder „Funny girl“ lecken noch die Wunden. Doch nicht zu lange… am Samstag Abend schließlich geht es um die ESC-Krone. Und bei den Buchmachern tut sich jetzt noch einiges. Nach dem Rybak-Auftritt sackte Norwegen ab, Litauen schob sich vor, auch Deutschland steigert sich bei den Wettbüros. Die Spannung steigt! Freuen wir uns auf ein großartiges Finale.