ESC 2018: Ein zweiter Blick auf die Punkte (2)

Teil 2 unserer Miniserie „Ein zweiter Blick auf die Punkte“, in der wir einen zweiten und genaueren Blick auf das Ergebnis und die Punkteverteilung des Eurovision Song Contest 2018 in Lissabon werfen: Welches Land hat überraschend gut, welches überraschend schlecht abgeschnitten? Wie unterscheiden sich Jury- und Televoting? Welches Land hatte für die spätere Siegerin Netta aus Israel keinen einzigen Punkt übrig? Welche Nachbarn meinten es besonders gut miteinander?

Teil 2: Jury- vs. Televoting

Blogger-Kollege Marc hat noch in der Finalnacht das getrennte Ergebnis von Jury- (Aufmacherfoto) und Televoting online gestellt. Welche Auffälligkeiten gibt es?

Österreich hat das Jury-Voting gewonnen, kam aber beim Publikum nur auf den 13. Platz. „Nobody But You“ ist sicherlich ein guter Song, Cesár hatte aber bis zum Schluss etwas von einem etwas unglücklichen Welpen – ganz niedlich, aber nicht wirklich mit Sieger-Ausstrahlung. Es wird wohl das Geheimnis der Jurys bleiben, warum Österreich bei ihnen letztendlich auf dem 1. Platz gelandet ist – vielleicht war es auch einfach die Überforderung, in diesem engen Feld einen Favoriten auszumachen. Cesár hat nämlich nicht nur von hohen Punktzahlen profitiert, sondern vor allem auch davon, dass er kontinuierlich Punkte gesammelt hat. So hat er ebenso wie Israel Punkte von 34 Jurys bekommen. Zum Vergleich: Eleni aus Zypern konnte nur bei 27 Jurys punkten.

Der Überraschungs-Jury-Zweite Schweden konnte übrigens sogar bei 35 Jurys punkten, wurde im Televoting aber mit einem 23 Platz abgestraft. Mir erschließen sich beide Platzierungen nicht, auffällig ist aber, dass es schon das zweite Jahr in Folge ist, in dem (Fanfavorit?) Schweden bei den Jurys weitaus mehr punkten kann als bei den Zuschauern – obwohl der Unterschied bei Robin Bengtsson im vergangenen Jahr bei weitem nicht so krass war.

Schweden Benjamin Ingrosso 2018

Wechseln wir kurz die Perspektive: Der spätere Sieger Israel hat auch das Televoting gewonnen, was ich persönlich immer nicht verkehrt finde. Auch der spätere Zweite Zypern landete im Televoting auf Platz 2. Richtig überraschend wird es dann aber auf Platz 3: Die italienische Anti-Terror-Botschaft scheint bei den Zuschauern voll und ganz angekommen zu sein – ganz im Gegensatz zu den Jury, wo „Non mi avete fatto niente“ nur auf dem 17. Platz gelandet ist.

Ebenso uneins sind sich Jury und Zuschauer bei den folgenden Plätzen: Tschechien erreichte im Televoting den 4. Platz und landet bei den Experten auf Platz 15. Dänemark erreichte im Televoting Platz 5 und landet bei den Jurys auf Platz 20. Sind das also die berühmten Nachbarschafts-, Diaspora- und Freundschaftspunkte, die die Jurys ausgleichen sollen? Die Detailanalyse des Juryvotings wird morgen noch eine größere Rolle spielen…

Es gibt aber auch Beispiele dafür, dass Fernsehzuschauer und Jurys teilweise erstaunlich nah beieinander lagen. Sowohl bei Estland (in den vergangenen Jahren hat das Publikum häufig konservativer abgestimmt als die Jurys – Stichwort „Grande Amore“) als auch bei Moldawien (typische ESC-Spaß-Nummer mit Trash-Faktor) habe ich fest damit gerechnet, dass die Songs sehr viel besser im Tele- als im Jury-Voting abschneiden. Weit gefehlt: Moldawien schnitt beim Publikum (Platz 8) zwar immerhin zwei Plätze besser ab als bei den Jurys (Platz 10), auf estnische Projektionsröcke scheinen hingegen Juroren (Platz 6) sogar noch mehr abzufahren als das gemeine Volk (Platz 9). Da möchte man doch fast eine Runde im Sand malen.

Elina Nechayeva Estland 2018

Dass die Jurys die eher verkopften Beiträge aus Frankreich und Bulgarien weiter oben gesehen haben als die Zuschauer, erscheint dagegen logisch. Auch schon fast System hat die Tatsache, dass die Juroren – wie schon im vergangenen Jahr – Australien vor einer noch größeren Katastrophe bewahrt und Jessica Mauboy hochgevotet haben. Das kann in diesem Fall aber auch daran liegen, dass Jessica in der ESC-Woche leider richtig krank war und eventuell am Freitag besser gesungen hat als am Samstag.

Noch ein kurzer Blick auf Deutschland und Michael Schulte: Jurys und Televoter waren sich ziemlich einig, dass „You Let Me Walk Alone“ ganz nach vorne gehört. 136 Punkte gab es von den Zuschauer (Platz 6) und sogar 204 Punkte von den Experten (Platz 4). Alle überzeugt, würde ich sagen.

Welche Unterschiede zwischen Jury- und Televoting habt ihr entdeckt, was hat euch überrascht? Und welche Erklärungen habt ihr dafür?

Morgen beschäftigen wir uns an dieser Stelle mit einigen Details rund um das Juryvoting.

Bislang erschienen:

Teil 1: Das Gesamtergebnis