ESC 2018: Ein zweiter Blick auf die Punkte (3)

Teil 3 unserer Miniserie „Ein zweiter Blick auf die Punkte“, in der wir einen zweiten und genaueren Blick auf das Ergebnis und die Punkteverteilung des Eurovision Song Contest 2018 in Lissabon werfen: Welches Land hat überraschend gut, welches überraschend schlecht abgeschnitten? Wie unterscheiden sich Jury- und Televoting? Welches Land hatte für die spätere Siegerin Netta aus Israel keinen einzigen Punkt übrig? Welche Nachbarn meinten es besonders gut miteinander?

Teil 3: Das Jury-Voting im Detail

Blogger-Kollege Douze Points hat bereits in der vergangenen Woche einige Auffälligkeiten im Sinne des oft beschriebenen Nachbarschafts- und Diasporavoting offen gelegt – für das Televoting. Das wirft natürlich die Frage auf, ob das Jury-Voting tatsächlich frei von diesen Einflüssen ist. Werfen wir also im Folgenden einen genaueren Blick auf verschiedene Auffälligkeiten im Jury-Voting.

Schon in der Halle ist anhand der 12-Punkte-Wertungen immer wieder aufgefallen, dass auch die Jurys ihre „Twelve Points“ gerne an Altbekannte geben: Griechenland an Zypern, Montenegro an Serbien, Albanien an Italien. Bei den Zehnern setzt sich dieses Bild dann fort: Estland an Litauen, Belgien an die Niederlande, Malta an Italien…diese Reihe ließe sich so fortsetzen und ich habe schon fast nur die Beispiele aufgenommen, die sich a) auch schon 2017 und 2016 viele Punkte gegeben haben und die b) nur von wenigen anderen Jurys ähnliche Punktzahlen bekommen haben.

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Hinzu kommt ein relativ neues Phänomen, nämlich das strategische Ignorieren. So gab die zypriotische Jury keinen einzigen Punkt an Israel, die israelische Jury aber auch keinen einzigen Punkt an Zypern. Ist das nur Zufall, nachdem im vergangenen Jahr die portugiesische Jury schon weder Punkte an Italien noch an Bulgarien gab und die bulgarische Jury keine Punkte an Italien und Portugal? „Mitfavoriten bepunktet man nicht“, scheint ein ungeschriebenes Jury-Gesetz zu sein.

Muss an dieser Stelle überhaupt noch erwähnt werden, dass sich im ersten Semi Armenien und Aserbaidschan gegenseitig auf den letzten Platz im Jury-Voting gesetzt haben? Da sind zumindest die armenischen TV-Zuschauer schon einen Schritt weiter…

Armenien Sevak Khanagyan 2018 3

Noch spannender wird es, wenn man sich die Voten der einzelnen Juroren anschaut. Auch hier in Armenien und Aserbaidschan traute Einigkeit zwischen allen Juroren. Aber sie sind nicht die einzigen. Auch die Mitglieder der deutschen Jury (Aufmacherfoto) finden alle – ganz unabhängig voneinander – Schweden in Halbfinale und Finale am allerallerbesten. Frau Rizzotto sahen im Halbfinale dann immerhin vier der Juroren auf dem zweiten Platz, Australien drei Juroren auf dem dritten Platz (die anderen beiden auf Platz 2 und 4). Größere Abweichungen sind eher selten der Fall – die deutsche Jury befindet sich damit aber in bester Gesellschaft.

Auch spontane Umentscheidungen – also von „dieses Lied mag ich total“ zu „dieses Lied ist so gar nicht meins“ – lassen sich immer mal wieder beobachten. Besonders spannend finde ich zum Beispiel die russische Jurorin, die im zweiten Halbfinale Norwegen auf der 2 hatte (noch vor Moldawien auf der 3), Alexander Rybak im Finale aber plötzlich auf Platz 15 und die DoReDos auf Platz 1 sieht – wie ihre Jury-Kollegen übrigens auch schon im Halbfinale.

Solche Auffälligkeiten sind besonders schwerwiegend, wenn man bedenkt, dass einzelne Jury-Mitglieder durch die Voting-Reform noch mehr Gewicht bekommen. Ein besonders krasses Beispiel hat Blogger-Kollege Jan entdeckt: Ein Mitglied der australischen Jury hat Tschechien auf die 1 gesetzt, die anderen haben Mikolas auf Platz 17, 18, 24 und 25 gesehen. Resultat: Platz 10 insgesamt und damit ein Jury-Punkt aus Australien nach Tschechien. Dadurch rutschte Zypern – das von vier der fünf Jury-Mitglieder in die Top10 (Plätze 5, 9, 9 und 10) und von einem auf Platz 22 gerankt wurde – auf Platz 11 und erhielt damit keinen Jury-Punkt.

2018 Tschechien Mikolas Blue Carpet

Da ich weiß, dass ich mit meinen Forderungen nach der Abschaffung der Jurys (nachzulesen hier und hier) wenig Erfolgsaussichten habe, zeigen diese Erkenntnisse für mich aber wieder deutlich, dass man den Jurys entweder weniger Gewicht geben und/oder sie personell aufstocken sollte, um Ungereimtheiten und Auffälligkeiten weniger ins Gewicht fallen zu lassen. Oder gäbe es eine Möglichkeit, ein anderes Korrektiv zu schaffen, wie Kollege Douze Points das andeutet? Spontan fehlt mir die Fantasie, wie das aussehen könnte…

Was sagt ihr zu den Jurys im Allgemeinen und zum diesjährigen Jury-Voting im Speziellen? Sind euch noch weitere Dinge aufgefallen? Und vor allem: Wer rechnet eigentlich mal das komplette Jury-Ergebnis nach dem letztjährigen Berechnungssystem aus?

Am Wochenende folgt an dieser Stelle noch ein vorläufiges Fazit zum diesjährigen Ergebnis des ESC und der Punkteverteilung.

Bislang erschienen:

Teil 1: Das Gesamtergebnis

Teil 2: Jury- vs. Televoting