ESC 2018, Finale: Die Show-Kritik

Das war er also, der Eurovision Song Contest 2018. Gastgeber Portugal hat sich in den Postkarten-Filmen von seinen schönsten Seiten gezeigt, und in einem unglaublich diversen wie spannenden Finale ging es auch ohne die unlustigen Gags der Halbfinals.

Zunächst mal: Krasser konnte der Kontrapunkt kaum ausfallen. Nach zwei Siegerbeiträgen, die ob ihrer Hochkulturattitüde auch im Feuilleton der FAZ gut angekommen sein könnten („1944“, „Amar pelos dois“), gewann nun eine schrille, knallbunte Performance, die sich selbst nicht allzu ernst nahm – und doch einen ernsten Hintergrund hatte. „Toy“ bezog sich – wie Siegerin Netta auf der Sieger-Pressekonferenz erklärte – nicht einfach nur auf die sexuelle Komponente, sondern auf viel mehr: Oft habe man ihr als füllige Person z.B. gesagt, sie dürfe nichts Buntes tragen, das lasse sie sich aber nicht vorschreiben. „Thank you for accepting differences between us, thank you for celebrating diversity“, sagte Netta direkt nach der Preisübergabe auf der Bühne.

Ein Hoch aufs Anderssein, das in Europa goutiert wurde. Und darum auch ein so viel besserer Sieger als die singende Barbie-Beyoncé im Catsuit, die alle Heidi-Klum-GNTM-Kriterien zu erfüllen schien. Nichts gegen „Fuego“, aber an diesem Abend hatte Netta die wichtigere Botschaft. Hoch erfreulich auch, dass die anrührende Performance von Michael Schulte so gut ankam – ein großartiger 4. Platz für Deutschland, der beste seit 1985 ohne Zutun von Siegel oder Raab. (Hier seht ihr, woher die Punkte kamen.)

Überraschend: der 3. Platz für Österreich. Hatte irgendjemand Cesár Sampson auf dem Zettel für die Top3? Und die bei den Wettbüros zuletzt so gehypten Songs aus Norwegen und Irland waren auch so weit vom Sieg entfernt wie Russland diesmal von der Finalteilnahme. Toll, dass Europa die politische Botschaft des italienischen Duos Moro/Meta mit vielen Punkten würdigte. Ein wenig schade, dass erneut der Gastgeber ganz nach hinten durchgereicht wurde – gut, ich fand „O jardim“ auch eher langweilig, aber da hätte es für mich bessere Kandidaten für den letzten Platz gegeben…

Vielleicht rief ja auch kaum einer für Cláudia Pascoal an, weil alle dachten, das gehöre zum Rahmenprogramm. Das war nämlich durchaus wieder der Hochkultur verpflichtet. An sich schön und richtig, dass die Portugiesen ihr „national heritage“ Fado mit in die Show einbauten und gleich zwei Fadosängerinnen (Ana Moura, Mariza) auf den Rest Europas losließen. Aber warum gleich zu Beginn der Show?

Das führte zu einem relativ langweiligen Opening… man muss sich halt einlassen auf Fado, und dafür war der Start des Abends der falsche Platz. Das hätte man besser mit dem Interval-Part getauscht, wo Branko, Sara Tavares, Mayra Andrade und Dino D’Santiago mit Elektrobeats unterhielten. Schön war der Auftritt von Salvador Sobral und Caetano Veloso. Salvadors neuer Song „Mano a mano“ kommt zwar bei Weitem nicht an „Amar pelos dois“ heran, aber schön war’s doch. Anrührend: Caetanos Version des 2017er-Siegersongs.

 

Was mich aber am meisten freute: Alles, was in den beiden Halbfinals eher gelangweilt hatte, kam im Finale nicht mehr vor. Ich hatte mich vor Beginn der Sendung schon innerlich auf die Schlussfolge „Planet Portugal“ mit dem unlustigen David Attenburger eingestellt, war gedanklich vorbereitet auf ein weiteres Blättern in der ESC-Enzyklopädie. Doch nein, stattdessen erklärten die Portugiesen uns, warum sie fünf Jahrzehnte so erfolglos beim ESC waren. Allerdings war auch dieser Einspieler über weite Strecken nur mäßig witzig. Und schade, dass die Gastgeber denselben Lissabon-Film dreimal zeigten, jeweils zum Start der drei Shows. Wenigstens fürs Finale hätte man gern was Neues gesehen.

Erfreulich: Die vier Moderatorinnen waren so locker wie nie. Nach zwei Halbfinals und den ganzen Kostümproben-Durchgängen hatten sie sich in ihre Rollen eingefunden und machen die Sache echt gut, vor allem Filomena Cautela im Greenroom führte kurzweilige Schnellinterviews und wollte gar den serbischen Flötenschlumpf ehelichen. Unterhaltsam!

Irritierend: ein Störer rennt mitten in SuRies Auftritt auf die Bühne, entreißt ihr das Mikro – und danach verlieren die Moderatorinnen kein einziges Wort über den Eklat?!? Einfach „the show must go on“? Gut, Kommentator Peter Urban hielt uns auf dem Laufenden: Die britische Delegation verzichtete auf das Angebot, SuRie nochmal auf die Bühne zu schicken – warum auch, schließlich trug die Britin den „Mikrogate“-Vorfall mit bewundernswerter Gelassenheit und sang danach nochmal umso kraftvoller das Lied zu Ende, toll getragen von den Fans in der Halle! Ein souveränes Handling der Sache, die für jeden Künstler eigentlich ein Alptraum sein muss. Chapeau!

Es spricht auch Bände, dass die EBU die gesamte Show (anders als die beiden Halbfinals) anschließend nicht als Ganzes auf YouTube zur Verfügung stellte. Von „Storm“ wurde vielmehr der Auftritt des Juryfinals hochgeladen. Die BBC hat den Auftritt der Liveshow in ihrem YouTube-Channel:

 

Alles in allem war es eine richtig gute, kurzweilige Show (hier unser Liveblog zum Nachlesen). Das Startfeld war kunterbunt wie selten (womöglich eine europäische Antwort auf Salvadors Aussage vom Vorjahr, der nur „echte, handgemachte“ Musik mit Feeling gelten lassen wollte?), auch der Abstand zwischen Jury- und Televoting war so groß wie selten. Die Zuschauer ließen den allzu perfekten, von den Jurys in die Top3 hochgepushten Auftritt von Benjamin Ingrosso links liegen (recht so, meiner Meinung nach), erfreuten sich dafür an den Wikingern aus Dänemark und eben vor allem an zwei starken, selbstbewussten Frauen, die aber unterschiedlicher kaum hätten sein können. Dass die Botschaft „Ich bin okay, so wie ich bin“ sich gegen das rein hedonistische Partygehopse durchsetzte, ist – ähnlich wie der Sieg Conchita Wursts 2014 – ein Gewinn. Nicht nur für den ESC. Glückwunsch, Netta! See you next year in Israel!