ESC 2018: Zweite Probe und Pressekonferenz Frankreich

Bonjour! Es ist Mittag an diesem heißen Sommertag in Lissabon, und wir warten gespannt auf die zweite Probe der Mitfavoriten Madame Monsieur aus Frankreich.

Émilie Satt und Jean-Karl Lucas alias Madame Monsieur haben sich für ihren großen Auftritt in Lissabon von keinem Geringeren ausstatten lassen als Jean-Paul Gaultier. Der Modeschöpfer hat Wert darauf gelegt, den individuellen Stil von Émilie und Jean-Paul zu bewahren und zu unterstreichen. Daher sind die Rollkragen und die charakteristischen Madame Monsieur-Farben schwarz in Kombi mit roten Turnschuhen geblieben.

Gaultier hat sich bei den Hosen für elegante Schnitte im Culotte-Stil entschieden mit einem eng geschnittenen Hosenbein und einem weit geschnittenen luftigen Hosenbein. Hingucker bei Émilie sind die Krystle Carrington („Denver Clan“) Gedächtnis-Schulterpolster.

Der Auftritt beginnt mit einem Close-Up auf Émilie. Sie steht vorne, er versetzt neben ihr dahinter mit zum Style passender roter Gitarre. Der Boden ist tiefblau wie das Meer, Nebelschwaden wabern kniehoch umher. Das kreiert eine schöne Stimmung passend zum Text:

Je suis née ce matin, Je m’appelle Mercy
Au milieu de la mer, Entre deux pays, Mercy

Zum ersten Refrain laufen die beiden nach vorne und singen den Refrain nebeneinander. Dann laufen sie zur zweiten Strophe auseinander, und die Kamera folgt Émilie über die Brücke den Golden Circle entlang, bis sie inmitten des Publikums stehen. Dort treffen sie sich wieder zum zweiten Refrain.

Zur Bridge beginnen Émilie und Jean-Karl mit der Animation des Publikums. Die Hand wird wellenartig nach vorne gereckt. Mit der Bewegung laufen die beiden zurück zur Hauptbühne zum Finale des Songs. Gerade die Wellenbewegung hat das Potenzial, einen magischen Moment in der Arena zu erzeugen.

Zur letzten Kamerapose zum Finale stehen Émilie und Jean-Karl seitlich zum Publikum und blicken sich tief in die Augen. Beide wirken glücklich und zufrieden. Wir durften insgesamt drei komplette Durchläufe von „Mercy“ ansehen. Stimmlich wirkte Émilie sicherer als bei der ersten Probe.

Die Stärken der Inszenierung liegen in den Momenten, wenn Émilie Satt und Jean-Karl Lucas eng beisammen stehen und eine Einheit bilden. Das war schon beim französischen Vorentscheid so. Toll ist, dass die Inszenierung sehr reduziert ist und man auf Flüchtlingsbilder, Rettungswesten oder ähnliches komplett verzichtet. Bravo dafür! Kritikpunkte sind für mich die Unruhe, die durch lange Wege der beiden entsteht, und das recht dunkle Setting.

Frankreich festigt mit dieser Probe aber seinen Platz im erweiterten Favoritenkreis. In den Wettquoten pendelt „Mercy“ um Platz 4 herum. Das Ass im Ärmel von Madame Monsieur könnte die Wellen-Geste werden, falls das Publikum in der Arena voll darauf anspringt und die Kamera diesem Moment perfekt einfängt.

Nun sind wir neugierig, was Émilie und Jean-Karl auf der Pressekonferenz zu berichten haben. Los geht es in wenigen Minuten.

Madame Monsieur erscheinen in strahlend roten Design-Jogginganzügen und berichten, dass auch nach der zweiten Probe noch einiges an Arbeit auf sie wartet. Dass sie zum Favoritenkreis gehören, freut sie. Allerdings sind sie deswegen auch etwas nervös.

Als nächstes wird die Entstehungsgeschichte des Songs thematisiert. Der Song entstand ja am Tag der Twitter-Meldung, als das Flüchtlingskind „Mercy“ an Bord des Rettungsschiffs geboren wurde. Madame Monsieur berichten, dass dabei die erste Textzeile überraschenderweise als aller letztes fertig wurde.

Émilie Satt und Jean-Karl Lucas werden gefragt, ob es als Ehepaar nun leichter oder schwerer sei, zusammen zu komponieren und texten. Émilie erklärt, dass jeder seine Zuständigkeiten hat. Jean-Karl macht die Musik und die Harmonien. Émilie kümmert sich um die Melodien. Dazwischen gibt es dann auch mal Reibereien und Machtkämpfe, aber mit einem Schmunzeln gibt Émilie zu, dass Jean-Karl meistens Recht hat.

Musikalisch haben sich Madame Monsieur zum Ziel gesetzt, traditionelle französische Einflüsse mit aktueller Popmusik zu mischen. Dabei wollen sie Geschichten in ihrer Muttersprache Französisch erzählen. Aktuell haben sie das neue Album „Vu d’ici“ am Start plus großer Frankreich-Tour.

Auf Wunsch intonieren die beiden dann Marie Myriams Titel „L’oiseau et l’enfant“, mit dem Frankreich am 7.5.1977 den Contest gewann. Einige Fans sehen in „Mercy“ das Kind (enfant), von dem Marie Myriam gesungen hat.

Ob Madame Monsieur am Muttertag (heute ist nämlich in Portugal bereits Muttertag!) mit der Mama von „Mercy“ Kontakt aufgenommen haben, fragt ein Journalist. Madame Monsieur verneinen, aber berichten, dass sie regelmäßig in Kontakt mit der italienischen Einrichtung stehen, in der Mercy und ihre Mutter derzeit leben. Sie hoffen und wünschen, dass die Aufmerksamkeit beim ESC sowohl Mercy als auch der Mutter weiterhelfen wird.

Dann der mit Spannung erwartete Moment der Startnummernziehung:
Émilie zieht die erste Hälfte und ist enttäuscht!

Mit einem „Au revoir“ verabschiede ich mich aus dem Pressezentrum. Für Frank, Volli, Salman und mich geht es dann direkt weiter zum Blue Carpet.