ESC 2019 in Israel: Guardian veröffentlicht Boykottaufruf

Eigentlich haben wir in diesen Tagen mit der Bekanntgabe der Gastgeberstadt für den Eurovision Song Contest 2019 gerechnet. Stattdessen versucht nun ein fragwürdiger Boykottaufruf die Vorfreude auf den dritten Contest in Israel zu trüben. Was es damit auf sich hat, wer unterschrieben hat und was NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber dazu sagt – wir bringen euch auf den aktuellen Stand.

In dem Aufruf, der im britischen Guardian veröffentlicht wurde, äußern sich knapp 140 Personen zu Israel als Austragungsort für den ESC 2019. Sie fordern von der European Broadcasting Union (EBU), den ESC in einem anderen Land stattfinden zu lassen. Zwei Fragen bleiben dabei allerdings offen:

1. An wen genau sich der Boykottaufruf richtet, falls der ESC doch in Israel stattfindet (wovon wir ausgehen) – Künstler, Delegationen, Fans?

2. Wie viele der Unterzeichner gegen den ESC in DER Demokratie im Nahen Osten sich auch zu Wort gemeldet haben, als der ESC in der Diktatur Aserbaidschan stattgefunden hat.

Hier der komplette Aufruf im englischen Wortlaut:

We, the undersigned artists from Europe and beyond, support the heartfelt appeal from Palestinian artists to boycott the Eurovision Song Contest 2019 hosted by Israel. Until Palestinians can enjoy freedom, justice and equal rights, there should be no business-as-usual with the state that is denying them their basic rights.

On 14 May, days after Israel’s Eurovision win, the Israeli army killed 62 unarmed Palestinian protesters in Gaza, including six children, and injured hundreds, most with live ammunition. Amnesty International has condemned Israel’s shoot-to-kill-or-maim policy and Human Rights Watch described the killings as “unlawful and calculated”.

Eurovision 2019 should be boycotted if it is hosted by Israel while it continues its grave, decades-old violations of Palestinian human rights. We understand that the European Broadcasting Union is demanding that Israel finds a “non-divisive” location for the 2019 Eurovision. It should cancel Israel’s hosting of the contest altogether and move it to another country with a better human rights record. Injustice divides, while the pursuit of dignity and human rights unites.

Den Aufruf unterschrieben haben ein paar international bekannte Künstler, ein paar mit dem ESC in Verbindung stehende Künstler, aber hauptsächlich kann man wohl davon ausgehen, dass den Beteiligten der ESC – bestenfalls – herzlich egal ist und sie nur ihre pauschale Kritik an Israel kommunizieren wollten. Teilweise reicht schon das Prädikat „Eurovisions-Juror“, um sich als Autorität für diese Liste zu qualifizieren.

Zwischen diversen No-Names finden sich aber auch der bekannte Produzent Brian Eno und Roger Waters von Pink Floyd. Außerdem hat ESC-Sieger Charlie McGettigan den Aufruf unterzeichnet, ebenso wie die finnischen Teilnehmer Kaija Kärkinen und Kyösti Laihi sowie die isländischen Vorentscheidungsteilnehmer Daði Freyr und Hildur Kristín Stefánsdóttir. Kein einziger der Unterzeichner stammt übrigens aus Deutschland oder Österreich. Aus der Schweiz hat lediglich der Autor und Sänger Michel Bühler unterschrieben.

Mittlerweile hat sich auch NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber zu dieser Veröffentlichung geäußert – und positioniert die deutsche Delegation damit eindeutig für den Eurovision Song Contest in Israel:

Heute beginnt das jüdische Neujahrsfest Rosh ha-Schana, es zählt zu den wichtigsten Feiertagen für Juden in aller Welt. Aus diesem Anlass zum Boykott des Eurovision Song Contest in Israel aufzurufen bzw. die EBU (European Broadcasting Union) aufzufordern, dem israelischen Rundfunksender Kan das Recht auf die Ausrichtung des ESC zu entziehen, ist durchschaubar.

Der israelische Rundfunksender hat das Recht und die Pflicht zur Ausrichtung des Eurovision Song Contest mit dem Sieg Nettas in Lissabon übernommen. Wir freuen uns auf den ESC 2019 in Israel.

Der Boykottaufruf kommt für die „Der ESC ist unpolitisch“ EBU zur Unzeit, denn die Organisation hat gerade genug damit zu tun, den Vergabeprozess zurück in geordnete Bahnen zu lenken. Eigentlich sollte nämlich diese Woche entschieden werden, ob der ESC 2019 nun in Tel Aviv oder in Jerusalem stattfindet. Nachdem der vermeintliche Austragungsort (Tel Aviv) und das vermeintliche Datum des Contests (25. Mai) jedoch am Freitag in den sozialen Medien geleaked wurden, ruderte die EBU via Twitter zurück:

Despite ongoing media speculation, no decision has yet been made by the EBU as to which city will host the 2019 Eurovision Song Contest. Tel Aviv and Jerusalem have both submitted extremely strong bids which meet the needs of the Contest.

We are examining the proposals carefully in order to choose the best overall location for next year’s event. When a decision has been reached the host city will be revealed via our official channels.

Ob die EBU sich tatsächlich noch nicht entschieden hat oder die Bekanntgabe aus einem anderen Grund hinausgezögert wird, können wir an dieser Stelle nicht beurteilen. Es ist aber nicht das erste Mal in den vergangenen Jahren, dass die Entscheidung für einen Austragungsort, die Vorbereitungen für den ESC und der Ticketvorverkauf nicht reibungslos über die Bühne gehen. Hoffen wir also, dass sich die EBU durch das Störfeuer dieses Boykottaufrufs nicht aus der Ruhe bringen lässt, stattdessen klar Position bezieht und gemeinsam mit dem israelischen Sender KAN weiter daran arbeitet, die Vorbereitungen für den ESC 2019 voranzutreiben.