ESC Happy Pills (3): Mit einem Schluck Südeuropa flutscht es besser…

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Unsere derzeitige Bloggerempfehlung: schnell wirkende Stimmungsaufheller ohne störende Nebenwirkungen aus dem Eurovision Song Contest für die trübe Jahreszeit. Unsere skandinavo-phile Bloggerfraktion führt ihre Happy Pills ohnehin immer mit sich und schüttelt sie nur so aus dem Ärmel. Aber was macht ein Blogger, dessen Neigungen chronisch im dramatisch-depressiven ESC-Fach liegen?

Angesichts meiner Vorliebe für Dramen aller Art hätte ich die regelmäßige Einnahme von Happy Pills womöglich nötiger als die Kollegen. Aber ich bekenne, ich bin kein ausgewiesener Fan des Melodifestivalens, reagiere geradezu körperlich allergisch auf den typisch skandinavischen Happy-Sound und – es ist mir ein Bedürfnis, das hier zu erwähnen – bin auch noch gegenüber einer gewissen atemlosen blonden Sängerin eher indifferent eingestellt.

Ich musste demnach für meinen Beitrag in dieser Serie lange, sehr lange nachdenken und feststellen, dass meine üblichen ESC-Lieblingsländer im klassischen Happy-Fach eher schwach auf der Brust sind. Polen, Italien, Ungarn… wirklich schwierig. Dennoch habe ich drei persönliche Happy Pills gefunden.

1. Tu mir nicht weh

Song Nummer Eins habe ich wahnsinnig gerne Ende der 80er-Jahre gehört, meine erste große Reise nach dem Abitur (eine Interrail-Tour) führte nicht zuletzt wegen dieser Sängerin bis nach Lissabon, wo ich die Plattenläden nach ihren Schallplatten (!) absuchte… und enttäuschenderweise nur ein paar Singles fand. Die Rede ist von der formidablen Dora, die 1986 mit grünem Tüllrock und Bergstiefeln ein munteres Upbeat-Liedchen in Bergen sang. Schönes Arrangement, tolle Band und eine Frau, der es Freude macht, zuzuschauen…

Portugal 1986: Dora – Nao sejas mau p’ra mim

Ihr zweiter ESC-Titel zwei Jahre später ist sicher hochwertiger, eleganter komponiert und ausdrucksstärker – allerdings wurde „Voltarei“ in Dublin durch ein komplett verhunztes Arrangement, fragwürdige Entscheidungen in Kostüm und Frisurfragen („Wer ist der androgyne Zopfkerl im Fummel?“) und einen geradezu verbrecherisch schlechten Chor völlig verunstaltet. Für mich heißt das: „Voltarei“ höre ich gern in der Studioversion, während ich mir „Nao sejas mau’ pra mim“ immer wieder gern in der Live-Fassung ansehe.

2. Sag’s mir

Meine zweite Happy Pill ist mein persönlicher Höhepunkt aus der spanischen Casting-Phase der frühen 2000er-Jahre, als „Operación Triunfo“ einen sagenhaften Boom erlebte und es mehrfach Teilnehmer frisch aus der Castingshow direkt zum ESC schaffte. Manche (wie Gisela für Andorra) wurden auch noch Jahre später aufgewärmt. Während mir das allseits geliebte „Europe’s living a celebration“ etwas zu direkt, zu platt und auch zu oberflächlich ist, konnte ich mich sofort für „Dime“ von Beth – im Jahr Eins nach Rosa – erwärmen. Locker, leicht und lächelnd… mit viel Instant Appeal und einem tollen Preview-Clip aus meiner katalanischen Lieblingsmetropole:

Spanien 2003: Beth – Dime (Previewclip)

In Riga litt „Dime“ dann unter etwas, was man in Fankreisen passenderweise „Beth-Syndrom“ taufen sollte. Die Schwierigkeit live aussdrucksstark und auf den Punkt genau zu singen, während frau gleichzeitig eine ausgeklügelte Choreographie mitsamt Background-Tänzern abzutanzen hat. Leider blieb dabei einiges an Tönen und Instant Appeal auf der Strecke

3. Geschichten

Da wir auch Vorentscheidungen für diese Serie berücksichtigen (hat bisher nur keiner der Kollegen getan, weil sie offenbar im Happy-Pill-Überfluss der ESC-Finals schwelgen konnten…), habe ich mir erlaubt, in einen Wettbewerb zu schauen, der nur am Rande mit dem ESC verbunden ist, mir aber persönlich sehr viele Happy-Pills beschert hat: das Festival della Canzone Italiana, kurz: Sanremo. 1997 stand Italien inmitten der Boykottjahre ausnahmsweise auf der ESC-Anmeldeliste und die Sanremo-Sieger Jalisse wurden nach Dublin entsandt. Sie hatten als Newcomer und mit einem Independent-Label völlig überraschend (durch reines Televoting) die gesamte italienische Sangesgarde besiegt (mehr zu den Hintergründen „Was geschah in jener Nacht?“ hier).

Die Favoritin wurde in jenem Jahr Zweite mit einer klassischen Happy Pill – einem wunderbaren Italo-Popsong über Gefühle, Affären, Freude… klingt sehr nach einem entspannenden Urlaub an himmlischen italienischen Gestaden (eher Portofino als Rimini). Anna Oxa befand sich im letzten Jahr ihrer zwei Dekaden währenden Wasserstoffperoxid-Phase und sang sehr entspannt „Storie“ – auch heute noch symbolisiert dieser Titel perfekt die drei großen S, die nicht wenige mit dem perfekten Sommerurlaub verbinden (Sonne, Sex und Schokoladeneis).

Sanremo 1997: Anna Oxa – Storie

Wir wissen nicht, ob La Oxa acht Jahre nach dem 9. Platz in Lausanne (mit Fausto Leali) erneut zum ESC gefahren wäre. Was wir wissen ist, dass sie diesen zweiten Platz 1997 natürlich nicht auf sich sitzen ließ. Als im darauffolgenden Jahr erneut eine Unbekannte (Annalisa Minetti) gewann, wurde in Sanremo nach Druck der etablierten italienischen Plattenfirmen wieder eine Fachjury eingeführt und die Nachwuchskategorie wieder von den „Campioni“ getrennt. Prompt kehrte Anna Oxa nur noch teil-blond mit einem sehr viel aggressiveren Titel („Senza pietà“) zurück und gewann nicht unverdient dank der Jurystimmen. Ich mag beide Songs sehr, aber wohlig seufzen im Sinne einer gut wirkenden Happy Pill lässt mich nur „Storie“…

Ich bin sicher, die nachfolgenden Kollegen werden für unsere Herbst-Happy-Therapie noch reichlich Rezeptpflichtiges aus Skandinavien kredenzen. Wenn ich mich für einen Happy Song aus nördlichen Gefilden entscheiden müsste, wäre es die „Glücksbank“ – das war noch vor dem Staatsbankrott – aus Island. Ansonsten wäre ich im Happy-Nachgang sehr für eine Drama-Pathos-Serie – vielleicht im Frühling, wenn die entsprechenden Gefühle nur so sprießen? Dafür hätte ich bereits eine Top30 verzehrfertig in der Schublade… 😉

Bisher in unserer Apotheke Serie der ESC Happy Pills erschienen:

(1) Armen: Weil’s Dr guet got
(2) Matthias: Mit der Mandoline um die Häuser ziehen