ESC Happy Pills (7): Von Kronjuwelen und walzenden Lokomotiven

Trax

Ja, zur grauen Jahreszeit braucht man ein paar Stimmungsaufheller. Wenn noch nicht mal richtig Schnee liegt, der Glühwein nur so lala schmeckt, die Leute um einen herum alle erkältet in der Bahn sitzen – dann drückt man sich die magischen Stöpsel ins Ohr und scrollt schnell zu den Lieblingstracks, die innerhalb von Sekunden alles wieder gut machen – den ESC Happy Pills eben.

Bei Abertausenden von Songs braucht man sich gar nicht erst die Mühe machen, lang zu überlegen – man nimmt sich einfach die Erstbesten und klickt auf START. Genauso spontan habe ich jetzt auch meine Auswahl getroffen (ganz im Gegensatz zum dramenfixierten Kollegen OLiver, der nach eigenen Angaben „lang, sehr lange nachdenken“ musste). Also, dann klicken wir uns mal durch…

 

1. Finnland 2006 (Vorentscheid): Annika Eklund – Shanghain valot

Meine Finnophilie ist ja nun hinlänglich bekannt (gerade vor drei Tagen kam ich von meiner 33ten Reise nach Suomi in weniger als 8 Jahren zurück) und muss nicht weiter erklärt werden. Dass ich mich in finnischen Vorentscheiden gut auskenne – wegen körperlicher Anwesenheit, wegen Sammeldrangs oder wegen der Vorbereitung der 30-Jahre-Gaalajuhla neulich – dürfte auch bekannt sein. Es verwundert also nicht, dass finnisches Liedgut zuweilen herhalten muss, um die Trübsal zu verscheuchen.

Annika kam damals zwar nur auf Platz 3 im Vorentscheid. Aber das Lied von dem wunschlos glücklichen Mädel, das weder Kronjuwelen noch Schwertfische oder die leuchtenden Lichter von Shanghai gesehen hat (das alles aber auch nicht braucht, weil er ja da ist – jetzt mal etwas frei verkürzt übersetzt) bringt mit für Finnland ungewöhnlich fröhlichem Sound den Kreislauf schnell wieder auf Zack. Frau Eklund landete damit nicht nur auf unserem EMI-Sampler, sondern wurde auch noch das erste Uptempo-Stück in finnischer Sprache, das ich mit einem Kölner Kollegen in einer Karaoke-Bar in Helsinki unter lautem Johlen einheimischer OGAEler zum Besten gab (puh, jetzt ist es raus).

Annika Eklund – Shanghain valot

 

2. Dänemark 1986: Trax – Du er fuld av løgn

Die 80er warteten aus skandinavischer Sicht mit einer ellenlangen Liste an Happy-Sound-Stücken auf – was OLiver eher aufs Gemüt schlagen mag, den schwedophilen Bloggern aber Freudentränen in die Augen treibt. Aber wieso ins übermächtige Schweden blicken, auch die Dänen haben damals genug Happy-Output auf die Bühne gebracht – mit genauso viel Schulterpolstern, Pastellfarben und hoffnungslos übertriebenen Choreographien. Und außerdem machen die Songs der zweiten Reihe sowieso viel mehr Spaß als immer nur Carola und die Herrey’s, oder?

Der nun folgende Clip steht damit stellvertretend für ganz viele dänische Glückspillen, ob sie nun von den Hot Eyes, Birthe Kjær oder Lonnie ‚Hallo, hallo ist da wer?‘ Devantier stammen. Lise Haavik besingt darin das ewige Hin und Her mit ihrem heimlichen Schwarm, der noch nicht so recht zu ihr stehen mag. Bei der Klamotte und den tanzenden Freunden im Hintergrund, kann man’s ihm verdenken? Da hätte sicher der ein oder andere auch so seine Skrupel gehabt. Für eine weitere Platzierung auf der linken Seite des Scoreboards hat es für die damals auf Top 10 abonnierten Dänen jedenfalls gereicht.

Trax – Du er fuld av løgn (ab 1:10 Minuten)

 

3. Türkei 1987: Seyyal Tanner & Lokomotif – Sarkim sevgi üstüne

Das hier ist so was wie die türkische Variante des Happy Sounds. So voller Elan vorgetragen, dass einem fast schwindlig wird. Mit den fransenübersähten Outfits schauen Seyyal Taner und Melis Sokman, Frontfrau der Grup Lokomotif, allerdings eher wie gerupfte Hühner aus als wie die vermeintlich stilsicheren nordischen Damen. Die ganze Chose muss wohl die Juries komplett überfordert haben – oder war am Ende doch Politik im Spiel, wie die FAZ montags darauf mutmaßte?

Jedenfalls gehört dieser Beitrag zu meinen ultimativen Gute-Laune-Songs. Das Ganze ist dermaßen überdreht, das Gezappel dermaßen übertrieben, und die Mimik strahlt so viel gute Laune aus, dass man sich hinterher überhaupt nicht mehr erinnern mag, dass es sowas wie schlechte Laune überhaupt gibt. Man scheint das Konzept der Miesepetrigkeit hier ins Reich der Verschwörungstheorien verbannen zu wollen.

Wie die Laune am Ende des Votings mit Platz 22 und null (NULL!!!!) Punkten gewesen sein mag? Sie hätten getanzt und gelacht an dem Abend, sagte Seyyal dem britischen Journalisten Tim Moore bei den Recherchen zu seinem Buch „Null Punkte“ (sehr empfehlenswert für ESC-Nerds übrigens). Aber danach habe sie zwei Jahre pausiert und sich die Haare bunt gefärbt, damit sie keiner erkennt. Und was hält sie von dem Auftritt selbst? Der Dirigent, sagt Seyyal, habe das Tempo immer mehr angezogen und hätte das Orchester nach vorn gepeitscht, dass sie gar keine andere Chance gehabt hätten, als so rumzuzappeln. Na, darauf muss man erstmal kommen…

Seyyal Tanner & Lokomotif – Sarkim sevgi üstüne (ab 1:46 Minuten)

 

Bis Weihnachten setzt alle paar Tage ein anderer Blogger die Serie “ESC Happy Pills” fort. Bisher erschienen:

(1) Armen: Weil’s dr guet got
(2) Matthias: Mit der Mandoline um die Häuser ziehen
(3) OLiver: Mit einem Schluck Südeuropa flutscht es besser
(4) Tjabe: Drei Minuten im Dreiklang ohne Da Capo
(5) Douze Points: 100% Absolutely Fabulous
(6) Jan: Liebe, Action und die ganze Welt