ESC Happy Pills (9): „Echte“ Glückspillen?!

Rudi-Carrell

Tausende von Songs hat der ESC hervorgebracht, eine ganze Reihe davon rauschen an mir vorbei wie schlechtes Morgenradio, bei anderen mache ich den Musikerzeuger direkt aus, aber ganz viele, sehr viele, machen einfach Spaß – nicht mehr und nicht weniger. Unmöglich ist es allerdings, genau DIE drei herauszupicken. Stattdessen bin ich einen anderen Weg gegangen und habe drei Songs herausgesucht, die für sich schon qua Titel reklamieren, Glückspillen zu sein.

Und siehe da, genau diese drei Titel sind Repräsentanten für drei ESC-Musikgenres, die bei mir tatsächlichen einen positiven Flow auslösen. Sind wir also doch noch fündig geworden. Auf geht’s!

Was für ein Glück

In den Anfangsjahren ging es noch recht gediegen zu beim ESC. Zwar gab es von Beginn an auch nette Schlagerchen, manchmal sogar zum Schmunzeln, aber das Gros der Lieder war eher dem Chanson verpflichtet. So auch der allererste deutsche Beitrag aus der Jahre 1956, der gleichzeitig auch der allererste Song beim ESC war, der das Wort Glück im Titel trug. Aber eine Glückspille war „Im Wartesaal zum großen Glück“ beileibe nicht, das belegt ja bereits der Rest der Überschrift.

Rudi Carrell beim VorentscheidVier Jahre befand sich Europa im Wartesaal zum nächsten „Glück“-Song, aber 1960 war es dann so weit. Rudi Carrell sang für die Niederlande den extrem schwungvollen Titel „Wat een geluk“.

Was für ein Glück, dass ich ein kleines Stück der Welt bin.
Dass ich die Lieder der Zeisige und Amseln kenne.
Und dass ich mitmachen kann bei allem was lebt.
Und atmen kann mit allem das atmen kann.

Positiver geht’s nimmer. Seine schier unbändige Freude brachte Rudi dann noch in einem ausgiebigen „La La la“- Teil unters Volk. Viele Punkte gab es zwar nicht, aber eine große Gesangskarriere war vermutlich sowieso nicht seine Absicht. Der Komiker verlegte sich aufs Fernsehen und fand direkt nach dem ESC in den Niederlanden und ab 1965 auch in Deutschland mit kleinen und großen Unterhaltungsshows sein Glück.


Das Stück war eine Blaupause für viele Lieder, die noch folgen sollten und die allesamt der großen Kategorie der Happy-Songs zugerechnet werden können. Lieder über die Freuden des Lebens und des persönlichen Glücks, meist mit simplen Texten, positiven Melodien und flotten Arrangements und gern ergänzt durch inhaltlich sinnarme Passagen und Begriffe.

In den 60ern lieferte zum Beispiel Lulu mit „Boom Bang-a-Bang“ Futter für diese Kategorie und in den 70ern Sandra & Andres mit „Als het om de liefde gaat“ („Na, na, na, na, na, na…).

Die 80er waren voll mit Happy Songs, insbesondere aus Skandinavien. Ein, wenn nicht der bekannteste Vertreter des Skandi-Sounds ist der 84er Sieger der Herreys, „Diggy-loo, diggy-ley“. Keiner weiß, was das bedeuten soll, aber das Lied ist im Norden Europas und in der ESC-Fanschar seit Jahrzehnten ein Klassiker.

Auch heute noch kann man mit einem ordentlichen Happy-Song die Fans (und die Skandinavier) begeistern, wenn auch nicht immer Juries und Televoter. So blieb Ivi Adamou mit „La la love“ ein Top-Ten Platz beim ESC 2012 versagt, in Skandinavien und auf Eurovisionspartys auf dem ganzen Kontinent gelang ihr aber ein Tophit.

Glück ist…

Hanne KroghEin weiteren „Glück“-Song mit einer etwas anderen Ausrichtung gab es 1971. Die Norwegerin Hanne Krogh zählte bei ihrem Auftritt auf, was Glück für sie bedeutet, quasi eine Eurovisionsversion von „My favourite things“.  Hier ein Ausschnitt:

Glück ist ein alter Hut, der deinem besten Freund gehörte.
Glück ist eine Stunde im Bad, eine Warme Schokolade.
Glück ist dies und das.

Gerade 15 Jahre alt und mit einem entzückenden Sonnenschirm ausstaffiert, rief sie mit „Lykken er…“ sicherlich vielerorts in Europa ein kollektivies „Oh, wie süß“ hervor.  Hanne Krogh präsentierte sich als niedliches Mädchen von nebenan im Stil der jüngsten Walton-Tochter und versuchte, die Jurys zu zwingen, vor ihr zu kapitulieren – was nicht gelang. Das norwegische Lied landete wie Rudi Carrell neun Jahre zuvor auf dem vorletzten Platz.

Hanne Krogh fand ihr persönliches Eurovisonsglück 14 Jahre später, als sie als Mitglied der Bobbysocks den ESC in Göteborg gewann – mit einem Happy Song. Mittlerweile hält sie sich seit mehr als 40 Jahre im norwegischen Musikgeschäft und hat das Dubliner Debakel sicher verdaut.


Hanne Krogh
ist mit Lied und Auftritt einer Kategorie zuzuordnen, die seit jeher beim ESC immer wieder gerne genommen wird. Das Mädchen von nebenan löst mit ihrer Natürlichkeit und ihren simplen Geschichten (oft eine Art Aufzählung…) beim Zuseher Zuneigung, good vibrations und oft sogar Glücksgefühle aus. Der Flop der Norwegerin hängt möglicherweise damit zusammen, dass nur ein Jahr vorher ein Beitrag aus genau dieser Kategorie in besonderer Perfektion dargeboten wurde und den ESC gewann. Dana aus Irland hatte keinen Schirm dabei, sondern einen Hocker aber auch einen niedlichen Aufzählsong: „All kinds of everything“.

Auch in den 60ern war das Konzept schon präsent: Katy Bodtger war zwar 1960 kein kleines Mädchen mehr (sie war bereits 28!), tat aber so und wusste für Dänemark allerhand über die „yndig tid“ zu berichten und das mit viel Zuckerguss.

In den 80er ließ Nicole den Ansatz bei ihrem Sieg mit „Ein bisschen Frieden“ wieder aufleben: Zeitgeistgefärbt zählte sie allerlei Gefühlsmetaphern auf, die Nato-Doppelbeschluss und Wettrüsten in ihr auslösten. Auch Ingeborg aus Belgien hatte 1989 mit ihrem süßen Liebeslied „Door de Wind“ einen Hauch des kleinen unschuldigen Mädchens – trotz des Mittvierziger-Hosenrocks.

Und Lena stellt eine aktuelle Variante des Mädchens von nebenan dar: Von der Unterwäsche über bemalte Zehennägel bis hin zum Verandalicht kehrt sie bei „Satellite“ sehr blumig ihr Innerstes nach außen.

Glücklich sein

Ann ChristyEin weiterer prototypischer Glückssong findet sich im Jahre 1975. Die Belgier hatten eine in ihrem Land recht populäre Sängerin nach Stockholm geschickt. Ann  Christy sang dort das Lied „Gelukkig zijn“, ein machtvolles Popchanson, das  das persönliche Liebesglück der Interpretin beschreibt.

Das heißt dann Glücklich sein,
das Gefühl nicht allein zu sein.
Das heißt dann Glücklich sein,
dann zusammen zu sein.

Mit diesem Lied bewegt sich Ann Christy eindeutig im Genre der optimistischen Bühnenballade (OBB), durch die so oft beim ESC positive Gemütszustände auf die Bühne gebracht wurden. Der Belgierin gelang eine überzeugende und sehr ansprechende Performance, die aber von den Jurys merkwürdigerweise nur mäßig goutiert wurde. Ann Christy fuhr mit einem 15. Platz zurück in ihr Heimatland. In den Jahren nach dem Stockholmer Auftritt arbeite sie erfolgreich als Musicalsängerin und hatte einige kleinere Hits, bevor sie 1984 sehr früh verstarb. Heute ist „Gelukkig zijn“ ein Evergreen in Belgien.


Viele, viele ESC-Beiträge kommen als OBBs daher. Vor allem in der ersten Hälfte der 70er gab es beim Festival viele junge Damen, die in langen Kleidern mit viel Zwerchfellstütze und ausgeprägter Mimik und Gestik ihre guten Nachrichten in die Welt hinausdonnerten. Die Songs variierten dabei stilistisch und hinsichtlich des Tempos, fast alle boten einen ansprechenden Kontrast zwischen zurückgenommenen und intensiveren Passagen und hinterließen viele Zuschauer nach einem zumeist imposanten Schlusston in einem Zustand der Verzückung.

Karina ( En un mundo nuevo 1971), Mary Roos (Nur die Liebe lässt uns leben, 1972) und Tereza (Muzika i ti, ebenfalls 1972) sind Paradebeispiele.

Nie ganz tot lebte das Genre in den 90ern garniert mit einer deutlichen Prise Soul oder Pop, allerdings ohne das klassische Abendkleid wieder auf: Niamh Kavanagh mit „In your eyes“ oder Chiara mit „The one that I love“. Auch heute noch gibt es OBB, so etwa 2011 in Düsseldorf, als Nadine Beiler „The secret is love“ intonierte und 12 Punkte aus Deutschland einsammelte.

Happy Songs, Mädchen von nebenan und optimistische Bühnenballaden – drei Genres, die nicht den ESC über Jahrzehnte geprägt haben und bei vielen Fans und Freunden des Festivals, einschließlich meiner Wenigkeit, immer wieder einen Hauch von Euphorie auslösen.

Ob diese drei Beispiele das Maß aller Dinge und wirklich die „echten Glückspillen“ sind, sei dahingestellt, aber sie sind auf jeden Fall charmante Beispiele ihrer jeweiligen Gattung. Und wer sich hier nicht angesprochen fühlt: in allen drei Katergorien gibt es ja noch sehr, sehr viel mehr an Auswahl – da sind Glücksgefühle garantiert!

Die letzte Folge unserer Serie „ESC Happy Pills“ erscheint an Heilig Abend. Bisher erschienen:

(1) Armen: Weil’s dr guet got
(2) Matthias: Mit der Mandoline um die Häuser ziehen
(3) OLiver: Mit einem Schluck Südeuropa flutscht es besser
(4) Tjabe: Drei Minuten im Dreiklang ohne Da Capo
(5) Douze Points: 100% Absolutely Fabulous
(6) Jan: Liebe, Action und die ganze Welt
(7) DJ Ohrmeister: Von Kronjuwelen und walzenden Lokomotiven
(8) BennyBenny: Piraten und Liebeskummer