ESC in Israel: Es wird wieder politisch

Da kann die EBU noch so mantrahaft ihr „Der ESC ist ein unpolitisches Event“ herunterbeten: Die Diskussion über den nächsten, den 64. Eurovision Song Contest, der nach Nettas Sieg in Israel stattfinden soll, ist voll im Gange – und sie politischer als die Debatte um den ESC in der Ukraine.

Dass eine Angelegenheit Spitz auf Knopf steht, zeigt sich vor allem dann, wenn noch jede kleinste Äußerung, die jemand irgendwo aufgeschnappt haben will, kolportiert und durch alle Kanäle (Twitter, Facebook etc.) gepustet wird. Das gilt auch für die jüngste Volte in der Debatte um die Ausrichtung des Eurovision Song Contest 2019. Angeblich will ein gewisser Araleh Goldfinger (einer der Producer des letzten ESC auf israelischem Boden) gerüchteweise aus EBU-Kreisen gehört haben, dass man dort darüber spreche, möglicherweise den ESC im nächsten Jahr doch nicht in Israel, sondern eventuell in Österreich abzuhalten.

Ihr seht schon: Kreise, Gerüchte, möglicherweise. Die Story ist dünner als die Stimme von Julija Samoylova, aber sie fällt natürlich bei aufgeregten ESC-Fans, die womöglich gar schon ihr Hotel in Jerusalem gebucht haben, auf fruchtbaren Boden.

Darum: bitte einmal tief durchatmen! Oder um mit Francesco Gabbani zu sprechen: Ooommmmm!

Natürlich gilt: Nach dem ESC ist vor dem ESC. Aber der nächste ist doch noch fast ein Jahr weg. Muss man da schon Schnappatmung kriegen, wenn jetzt der Ort noch nicht feststeht?

Klar ist jedenfalls: Die ganze Sache ist hochpolitisch – auch wenn die EBU gebetsmühlenhaft anderes über den ESC behauptet. Logisch, offiziell geht es ihr (so heißt es) nur darum, dass man einen Wettbewerb verhindern will, von dem gleich mehrere Sendeanstalten (und damit Länder) fernbleiben – die EBU möchte verständlicherweise möglichst einen ESC mit deutlich über 40 Teilnehmern. Dass der Boykott politisch wäre, spielt für die EBU womöglich tatsächlich nur eine beigeordnete Rolle.

Dennoch: So umstritten war die ESC-Ausrichtung lange nicht. Zwei Themen sind es, die vor allem die Diskussion bestimmen:

  • Instrumentalisiert die israelische Regierung von Premier Benjamin Netanjahu den Eurovision Song Contest für ihre Zwecke?
  • Soll der ESC 2019 ausgerechnet in Jerusalem stattfinden?

Die zweite Frage scheint die spannendere und näherliegende. Auffällig ist, wie schnell der Bürgermeister von Tel Aviv eine Bewerbung seiner Stadt ausgeschlossen hat. Weil Jerusalem so naheliegend ist, dass ein ESC in Tel Aviv unvorstellbar wäre? Oder weil er sich der innenpolitischen Debatte, die mit einer Bewerbung Tel Avivs einher ginge, gar nicht erst stellen wollte?

Es erscheint jedenfalls aus gleich mehreren Gründen durchaus nachvollziehbar, einen ESC in Tel Aviv abzuhalten. Zum einen steht im Südosten der Stadt die Menora Mivtachim Arena. Sie bietet sich mit ihren gut 10.000 Plätzen als Austragungsort an, sie ist die zweitgrößte Mehrzweckhalle Israels. Gewiss, Konkurrent Jerusalem hat die größere Halle (Pais Arena mit über 15.000 Plätzen) – aber für Tel Aviv als ESC Host City spricht ein zweiter guter Grund: Die Stadt am Mittelmeer ist mit seinem wilden Nachtleben die Partyhochburg Israels. Anders als ins konservative Jerusalem passt der ESC viel besser ins muntere Tel Aviv.

Tel Aviv gilt nicht umsonst als das kulturelle Zentrum des Landes, zudem befindet sich dort die größte Uni Israels. Tel Aviv ist eine kunterbunte Studentenstadt. Auch nicht unwichtig für den ESC: Da Tel Aviv als wichtiges Touristenziel gilt, hat es natürlich viele Hotels – ein entscheidendes Kriterium, weil ja Delegationen, Presse und Fans untergebracht werden müssen. Viel wichtiger aber noch, gerade aus Sicht des ESC und seiner Fans: Tel Aviv gilt als eine der „Top LGBT Ziele“ weltweit; American Airlines bezeichnete Tel Aviv gar als „beste Gay City der Welt“, auf Augenhöhe mit San Francisco oder Sydney.

Inzwischen scheint Berichten zufolge die israelische Regierung zumindest nicht mehr auf Jerusalem als zwingendem Austragungsort zu beharren. Mittlerweile haben auch Haifa und Eilat am Roten Meer ihr Interesse bekundet – allerdings scheinen mögliche Bewerbungen dieser beiden Städte eher aussichtslos. Eilat hat gar keine große Arena, Haifa nur ein dachloses Stadion zu bieten. Petach Tikwa, ein Vorort Tel Avivs und zwischenzeitlich als Kandidat gehandelt, dürfte mangels Arena auch keine ernsthafte Option mehr sein.

Womöglich überlegt es sich Tel Avivs Bürgermeister doch nochmal. Und die Tatsache, dass die israelische Regierung einem Medienbericht zufolge dem ausrichtenden Sender KAN zugesagt hat, sich in die Vergabe nicht einzumischen, ist zumindest ein positives Zeichen. Boykottaufrufe etwa in Irland und Island haben nicht nur die EBU aufgeschreckt, sondern auch in Israel für Debatten gesorgt – nicht zuletzt auch, weil Anfang Juni Argentinien ein Fußball-Länderspiel gegen Israel abgesagt hat, nachdem das Match auf israelischen Wunsch von Haifa nach Jerusalem verlegt worden war.

Eine Petition, nicht an einem ESC in Israel teilzunehmen, ist in Island schon von Tausenden unterzeichnet worden – allerdings geht es den Initiatoren der Petition nicht um Jerusalem oder Tel Aviv, sie wollen grundsätzlich nicht, dass ihr Land bei einem ESC auf israelischem Boden mitmacht, wegen der „Menschenrechtsverletzungen Israels gegen das Volk von Palästina“, wie es im Text der Petition heißt. Allerdings haben schon Vertreter von RÚV erklärt, dass sie keine Zweifel an einer Teilnahme Islands am ESC in Israel haben.

Interessant ist auch, was aus Frankreich von TF1 zu hören ist: Dort hat man ebenfalls ein Problem mit Jerusalem, genauer gesagt mit der Definition der Stadt, wie das Neue Deutschland berichtet: „Anders als 1979 und 1999“ – in jenen Jahren fand der ESC auch in Jerusalem statt – „versucht die israelische Regierung, auch Ost-Jerusalem als Teil Israels darzustellen“, zitiert die Zeitung den französischen Sender.

Wenn die EBU ohne politische Aspekte entscheidet (wie sie behauptet), dann wäre ein ESC 2019 in Jerusalem nicht völlig ausgeschlossen, weil dort die größte der möglichen Hallen steht. Da das aber nicht das einzige Kriterium ist (und die Sorge, dass manche Länder womöglich doch eine Teilnahme infrage stellen, weiter bestehen könnte), ist auch ein Contest in Tel Aviv denkbar. Die Unterkunft zu buchen, wäre allerdings noch verfrüht. Schließlich ist derzeit auch noch unklar, wann der 64. Eurovision Song Contest überhaupt stattfinden wird.