ESC Kaleidoskop (13): Krank in der Bubble

matthias_armenische-flagge

Auch wenn man es dem Bild kaum ansieht: Der Autor kämpfte auch am Abend des ersten Semifinals (mit Aram MP3 aus Armenien als Startnummer 1) gegen die Viren – und gegen die Kälte im Pressezelt. Wie fühlt es sich an, zu den höchsten Feiertagen der ESC-Fans vor Ort alles zu verpassen?

Es ist ein Satz, der ESC-Fans vor Ort wohl fast so selten über die Lippen kommt wie „Ich schau mir das ESC-Finale nicht an, ich gehe ins Kino“. Am Tag vor dem Finale sprach ich ihn doch aus: „Ich freue mich drauf, wenn dieser ESC vorbei ist.“

Was war passiert? Mit einem wirklich ganz leichten Kratzen im Hals war ich am Samstag, eine Woche vor dem Finale, von Berlin in die dänische Hauptstadt gereist. Nichts Schlimmes – und schließlich, das hatte ich ja von den früher angereisten Fans und Kollegen gehört, war es in Kopenhagen ja frühlingshaft warm. Die ersten stöhnten bereits, dass es im provisorisch wirkenden Pressezelt gegen Nachmittag fast zu warm werde, wenn die Sonne draufknalle.

Nun gut. Also angenehme Temperaturen – ein Wetter, wie ich es schon bei früheren ESCs erlebt hatte. Oslo 2010: richtig warm, auch Pressezelt, Hitze. Düsseldorf 2011: bestes Vorsommerwetter. Malmö 2013: warm war’s. Konnte in Kopenhagen also so weitergehen.

Von wegen! Es wurde in den Tagen nach meiner Ankunft relativ kühl und regnerisch. Damit nahm zum einen die Lust ab, mich wie erhofft auf dem Fahrrad durch die Stadt zu bewegen, wie es in Kopenhagen so Brauch ist. Zum anderen aber nahm mein Kratzen im Hals zu. Ich ärgerte mich ein wenig, doch die dickere Jacke zuhause gelassen zu haben. Aber würde schon werden… dachte ich.

Es wurde auch, nur immer schlimmer. Anschwillender Hals, aufkommener Husten und dazu das Gefühl, schlapp zu werden. Ausgerechnet jetzt, wo für ESC-Fans der heiligste Feiertag nach Weihnachten und Ostern näherrückte. Und ich natürlich das Blog zu füllen mithelfen wollte. Bis zum Donnerstag, dem Tag des zweiten Semifinals, hatte sich aus dem Kratzen eine ausgewachsene Grippe entwickelt, die mich genau an jenem Tag auch kaum noch aus dem Bett brachte.

Die ersten Tage geht es noch: Interview mit Firelight aus Malta, Berichte am Sonntag vom ersten Probetag der Big5 und Dänemark, von der ersten Elaiza-PK (das erste Mal auf der Bühne sei „so crazy“ gewesen). Am Abend Party im Eurofan-Café mit maltesischem Abend und Live-Auftritt von Chiara.

Matthias mit Firelight

Am Montag steht außer der vom NDR organisierten Stadttour mit Elaiza und von Hand ausgezählter Presse nichts auf dem offiziellen Programm. Die ersten Regentropfen kommen zwar erst runter, als wir uns wieder dem deutschen Delegationshotel nähern, doch der Ausflug durchs kühle Kopenhagen dürfte meinem körperlichen Zustand wohl kaum zugute kommen. Vor allem an der Meerjungfrau bläst ein kalter Wind durch meine Jacke.

Elaiza Stadtrundgang in Kopenhagen
Am Abend treffen sich die PRINZ-Blogger zum traditionellen Blogger-Essen im Fischrestaurant. Ich merke langsam, wie ich lustloser werde. Nach dem Essen noch in den Euroclub? „Ach nee, ich glaube, ich gehe nach Hause.“ Schon das ein Satz eines ESC-Vor-Ort-Fans mit Seltenheitswert.

Der Husten nimmt zu, ich kaufe am Dienstag erst mal Tee und Hustenbonbons. Lutschen bis zum Umfallen. Als ich morgens aufwache, bin ich verschwitzt, mein Körper wehrt sich. Ich wehre mich erst mal auch – ist doch schließlich ESC, ich bin Kopenhagen, verdammt, ich will doch nichts verpassen! Die Viren sehen das anders.

Erstes Semifinale, ich habe mich angeboten, einen Liveblog zu machen. Tickets für die Halle habe ich eh nicht. Also gegen 19 Uhr auf dem Weg zur Halle, Armen findet sich spontan auch ein. Kollege Bernd von RadioSUB hat ein lettisches CEP-Schild mitgebracht, das ich auch mal in die Kamera halte.

cep-schild

Doch mit dem einsetzenden Abend verschwindet auch die Wärme aus dem Pressezelt – es wird im Lauf des Abends richtig kalt. Warum können die hier keine Heizstrahler ins Zelt stellen?, schimpfe ich in mich rein. Armen ist ein Schatz, holt mir immer wieder Tee am Getränkestand, während ich weiterblogge. Die Kälte kriecht hoch. Nach dem Liveblog noch die Pressekonferenz mit den zehn Finalisten – wir verlassen das kalte Zelt nach Mitternacht. Noch zu einer Party? Ich winke ab, erneut.

Der Mittwoch wird nicht besser. Kopenhagen liegt im strömenden Regen, ich habe noch ein Interview für ein anderes Medium organisiert, Termin in der Innenstadt um 10:30 Uhr. Ich unterdrücke meinen Husten, werde zum Kettenbonbonlutscher, freue mich über den Tee, den mir mein Interviewpartner anbietet. Danach habe ich einfach nur das Bedürfnis, nach Hause zu gehen. Tee trinken, mal wieder. Im Bett liegen. Was ist das für eine ESC-Woche? Selten vor Ort so wenig ESC erlebt.

Immerhin habe ich eine Karte für das Juryfinale des zweiten Semis. Am frühen Abend fühle ich mich besser. Ich mache mich auf nach „Eurovision Island“, mit zwei mit Hustenbonbons prallgefüllten Jackentaschen. Schön, mal in der Halle zu sein. Gänsehaut und lauter Jubel bei Conchitas Auftritt – und dabei ist das noch nicht mal die Liveshow.

Österreich Conchita Wurst 2014 Probe2

Heute ist außerdem eines der Highlights der Woche: OGAE-International-Party im Eurofan Café. Darf man doch nicht verpassen! Also auf die Innenstadt, obwohl ich so gar nicht in Feierlaune bin. Im Saal unterm Dach tritt erst Suzy auf, die ihr Ausscheiden am Abend zuvor sportlich nimmt und – unter lauten „Portugal! Portugal!“-Rufen portugiesischer Fans – „Quero ser tua“ gleich drei Mal hintereinander singen muss. Ich stehe am Rand, nach Tanzen ist mir nicht zumute. Ich habe nicht mal Lust, meinen Fotoapparat rauszuholen. Kurz später kommen die Griechen auf die Bühne, der Saal tobt bei „Rise up“. Ich tobe höchstens innerlich mit und schnappe danach meine Jacke, es geht nicht mehr.

Den nächsten Tag verbringe ich fast komplett im Bett. Das mit einer Kollegin der Deutschen Welle vereinbarte Telefongespräch kann ich auch zwischen den Laken führen. Gut, dass es kein Radiointerview ist – meine Stimme ist kaum noch vorhanden, ich muss mich richtig anstrengen, damit die Journalistin mich überhaupt versteht. Man könnte glauben, ich hätte vier Nächte im Euroclub durchgefeiert. Gegen 17 Uhr stehe ich auf, schließlich werde ich später auch das zweite Semi livebloggen. Der Tag im Bett, mit langem Nachmittagsschlaf, hat mir gut getan.

Es regnet, mal wieder. Aber ich freue mich, dass Armen wieder beim Liveblog dabei ist. Und dass ich im kalten Pressezelt Tee bis zum Abwinken trinken kann. Zumindest wenn man sich nicht auf eine bestimmte Sorte kapriziert. Vor der Show kommen mal wieder Blogger und Anhang vorbei, um Taschen zu deponieren. Oliver überlässt mir seinen Schal. Der Regen prasselt aufs Zelt, ich huste. Ich gehöre eigentlich ins Bett. Meint auch Armen. Steck mich bloß nicht an. Nix mit Party später.

Am Freitag fühle ich mich zumindest so fit, dass ich meine Wohnung tagsüber verlasse. Schließlich will man ja auch mal andere angereiste Fans treffen. Ich habe das Gefühl, kaum noch mitreden zu können. Einige vor allem ausländische ESC-Fans, mit denen ich befreundet bin, werden nach dem ESC sagen, sie hätten gedacht, ich sei gar nicht nach Kopenhagen gereist, da sie mich nie auf einer Party zu Gesicht bekommen hätten. Dass die israelische Eurofalsh-Truppe allabendlich die Bühne im Euroclub in Dauerbeschlag nimmt (worüber sich inzwischen der eine oder andere erregt), bekomme ich nur am Rande mit.

fanmile_nicole

Das Wetter hat sich etwas gebessert, aber mit dem Kaiserwetter von Oslo 2010 oder Düsseldorf 2011 hat das hier nichts zu tun. Am Abend gehe ich ins Juryfinale des Grand Final, Olivers Schal um den Hals gewickelt. Meine Hustenbonbons gehen zur Neige. Nun scheint sogar die tief stehende Sonne schräg durch die aus Containern zusammengebauten #JoinUs-Bars vor der Arena. Ich genieße die Show, einen extrem langatmigen Interval Act, den das dänische Fernsehen noch gewaltig kürzen wird und als das Fake-Voting beginnt, verlassen wir die Halle.

Ich weiß, es ist für uns der letzte Abend für den Euroclub – die Erfahrungen der letzten Jahre hat gezeigt, dass wir nach dem ESC-Finale bis morgens um drei bloggen und danach kaum noch Aussicht herrscht, zusammen zu feiern. Soll ich es wagen? Aber ja. Ich mache ein Foto mit den Jungs von Softengine, die im Euroclub auftreten.

Matthias mit Softengine Die anderen PRINZler sind auch da, ich tanze ein wenig. Eurofalsh sind auch wieder da. Noch einen Tag überstehen, am Sonntag zurück nach Deutschland fliegen, dort die Erkältung auskurieren. „Ich freue mich drauf, wenn dieser ESC vorbei ist“ – der eingangs zitierte Satz fällt.

In der Vorfreude auf den großen Abend habe ich das Gefühl, dass es mit mir aufwärts geht. Ich treffe mich mit Freunden, das Wetter hat langsam ein Einsehen mit uns, und am Abend wartet ja schon das Grand Final. Mit Sweatjacke, zweiter Jacke, OLivers Schal und neuen Hustenbonbons mache ich mich auf den Weg. Es wird eine lange Nacht. Nur fürs Foto mit WM und Armen ziehe ich mal kurz meine Sweatjacke aus, um mein Elaiza-T-Shirt zu zeigen.

ESC 2014 Pressezentrum Matthias WM Armen

Die Kälte wabert wieder durchs Pressezelt. Danach livebloggen, während die Kollegen in der Halle sind. Die grandiose Stimmung im vollen Pressezelt treibt mich mit, lässt mich meine Erkältung vergessen.

Nach Mitternacht kommen OLiver, BennyBenny, WM, Tjabe, DJ Ohrmeister zurück – nun geht es an die Arbeit. Die Semifinal-Ergebnisse kommen rein, Frau Wurst strahlt sich durch die Winner’s Press Conference, gegen halb zwei tauchen Elaiza mit dem deutschen Delegationsleiter Thomas Schreiber und der gesamten Entourage auf und geben ihr Statement ab. Benny sitzt am Laptop, und auch er flucht irgendwann über die Kälte im Zelt und schlägt seine Jacke noch etwas enger um sich. Eigentlich solltest du hier nicht mehr sitzen, höre ich mehrere Male. Ich halte durch. Um drei werden wir aus dem Pressezelt geworfen, fast alle Tische sind längst verwaist. Ich will nur noch nach Hause. Lass die anderen meinetwegen im Euroclub feiern.

Übermüdet und wie nach jedem ESC irgendwie innerlich leer, machen wir uns ein letztes Frühstück, und um 13 Uhr mache ich mich mit OLivers Schwester Susanne auf den Weg zum Flughafen. Meine Woche in der ESC-Bubble ist zuende – und nie zuvor bei einem ESC vor Ort war ich so außerhalb der Bubble wie in diesem Jahr. Ob ich traurig darüber bin? Heute, zwei Monate später, ist mir das eigentlich egal. In der Woche selbst war ich enttäuscht.

Aber ein Gutes hatte das ganze auch: Sonst hatte ich spätestens am Mittwoch das Gefühl, die immergleichen Songs, die Nacht für Nacht im Euroclub liefen, nicht mehr hören zu können. Zum 500. Mal „What about my dreams“, zum 800. Mal „Euphoria“, zum 1000. Mal „Only teardrops“. Ein Gefühl, das in Kopenhagen nicht aufkam. Na, dann kann ich ja „Rise up“ nochmal hören…

 

Vorschau: In der nächsten Folge entdeckt Tjabe vor Ort in Kopenhagen, dass er einiges mit einer der drei Bandkolleginnen von Elaiza gemeinsam hat.

Bisher in der Serie Kaleidoskop Kopenhagen erschienen:

(1) Warten auf Elaiza (OLiver)
(2) Undankbares DJ Set im Eurovision Village (Douze Points)
(3) How I met Pernille (DJ Ohrmeister)
(4) Peeing in the rain, the rain, the rain (Douze Points)
(5) “Kommen Sie auch zur Fütterung?” (OLiver)
(6) Mit Ralph Siegel auf dem Klo (Armen)
(7) Wiedersehen mit Chiara (Marc)
(8) Durch die Hintertür ins Rathaus (DJ Ohrmeister)
(9) Atemlos mit Sanna (Douze Points)
(10) Rendez-vous mit Curryboy (WM)
(11) Fataler Riss im Euroclub (OLiver)
(12) Der Star und ich (DJ Ohrmeister)