ESC-Kaleidoskop Kopenhagen (1): Warten auf Elaiza

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Der Eurovision Song Contest in Kopenhagen ist Vergangenheit – die PrinzBlogger haben in den zwei Wochen vor Ort viel Emotionales, Aufregendes, Lustiges und Skurriles erlebt. Nicht alles hatte in unserer Berichterstattung Platz. Daher nutzen wir den Start in die Off-Season, um einige persönlichen Erlebnisse, denkwürdige Begegnungen oder peinliche Pleiten hinter den Kulissen mosaikartig in einer Serie zusammenzufassen. Zum Auftakt beschreibt OLiver die hektischen letzten Stunden im Pressezentrum, direkt nach Conchitas ESC-Sieg.

Es ist nach Mitternacht und das lange Zeit undenkbare ist geschehen: Österreich hat den ESC gewonnen mit einer bärtigen Travestiekünstlerin. Das Publikum rast vor Begeisterung. Konfettikanonen werden abgeschossen. Ich sitze im Publikum auf einem der teuren Fanpaket-Sitzplätze und bin hingerissen. Conchita auch, sie haucht „We are unstoppable“ ins Mikro und singt dann noch einmal „Rise like a Phoenix“.

Ich verabschiede mich rasch von meinen neben mir sitzenden Freunden. Sobald die letzten Töne verklungen sind, rase ich die Treppen hinunter und hinaus – wenn die Masse erst einmal in Bewegung kommt, ist kein Durchkommen mehr, das haben wir nach den Semis hautnah erlebt. Doch diesmal geht alles glatt, in drei Minuten habe ich das Pressezentrum erreicht, wo Matthias und Armen das Finale live gebloggt hatten.

Jetzt ticken die Minuten. Tausende von Lesern sind live auf dem Blog und warten auf unsere Eindrücke – die wichtigste Nacht des Jahres. Die Blogger und Fotograf Volli treffen nach und nach am Bloggertisch ein, den wir am späten Nachmittag im überfüllten Pressezentrum gegen ein resolutes norwegisches Team verteidigt haben, die glaubten, das Zurücklassen eines Laptops genüge, um einen ganzen Tisch zu belegen.

Alle Aufgaben hatten wir vor vorab verteilt, Tjabe kümmert sich als Erstes um das Endergebnis, bevor die Semifinal-Ergebnisse an die Reihe kommen. Armen und BennyBenny haben die Jurys aus der Schweiz und Österreich im Blick, ich werde die deutsche Jury abdecken, DJ Ohrmeister die Pressekonferenz mit Conchita und Matthias die Statements von Elaiza, die der NDR der deutschen Presse versprochen hat.

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Auf dem großen Screen läuft ein Interview mit der ESC-Siegerin in Deutsch noch aus der Halle, das ich mit einem Ohr mitbekomme und als eher peinlich empfinde. Der ORF-Journalist ist offensichtlich total „carried away“ und unsouverän, hat keine Distanz und Conchita weiß nicht, was sie auf so platte Fragen antworten soll. Zum Glück versteht es kaum jemand im Pressezentrum. Am Ende umarmt sie den Mann mit dem Mikro einfach.

Was ich befürchtet habe, trifft nun ein, Elaiza und Conchita finden gleichzeitig statt und wir haben nur einen Fotografen. Frank und Peter sind schon abgereist. Volli übernimmt die Pressekonferenz und ich schnappe mir meine Kamera und begleite Matthias zum Treffpunkt für Elaiza. Der ist unweit des Toilettenwagens am Durchgang zur Halle. Dort wartet schon die Pressemeute – hauptsächlich Fernsehen und Agenturen.

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Die Assistentin der NDR-Pressechefin, steht in einem Trenchcoat mit total verheulten Augen an der Wand und wirkt wie eine Agentin, die die geheime Zauberformel verloren hat. Ich versuche sie zu trösten, offenbar hat sie das (nicht unerwartete) Abschneiden Elaizas kalt erwischt. „Aber das ist so unverdient“, schnieft sie. Es gibt Schlimmeres, finde ich, Deutschland ist doch originell und ambitioniert vertreten worden, man hat wirklich alles versucht, Last-Minute-Änderungen inbegriffen.

Plötzlich findet irgendjemand den Treffpunkt nicht optimal und die ganze Meute trabt weiter in Richtung Hallendurchgang – mitten ins Getümmel. Von dort strömen Akkreditierte und Promis zurück ins Pressezentrum. Die österreichischen Fans feiern ausgelassen, Russlands Produzent Philipp Kirkorov scheint trotz einem ordentlichen und wie ich finde auch gerechtfertigten Platz 7 sauer zu sein (kein Wunder, das gnadenlose Auspfeifen der Zwillinge war nicht fair).

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Wir warten. Douze Points, der auch für stern.de arbeitet, ist auch da, wir tauschen uns aus. NDR-Pressechefin Iris Bents erscheint und kündigt eine kleine zeitliche Verschiebung an, die örtliche Verschiebung findet sie nicht so günstig, weil hier ständig alle möglichen Leute durchlaufen (ich mache mir mehr Sorgen, ob der Toilettenwagen seine Ausdünstungen, die auch schon durchs Pressezentrum waberten, für sich behält).

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Und ich sehe immer wieder auf die Uhr. Jeden Moment können die detaillierten Juryergebnisse kommen und ich bin nicht da, um sie sofort auf den Blog zu stellen… doof, aber nicht mehr zu ändern, ich atme tief durch und sehe mich um. Überall haben sich kleine Trauben von ESC-Menschen gebildet – Interpreten stellen sich ihrer heimatlichen Presse. Ich erkenne Carl Espen und seine Komponistin/Cousine Josefin Winter, die glücklich und gelöst wirken und entdecke umringt von einem Rudel überschaubar gewachsener Spanier Ruth Lorenzo.

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Ich nutze die Wartephase und mache ein paar Bilder von Ruth, die – soweit mein rudimentäres Spanisch reicht – den Kollegen erzählt, dass sie keinesfalls enttäuscht, sondern im Gegenteil total zufrieden sei und eine phantastische Zeit gehabt habe. Platz 10 ist für Spanien sicher ein Erfolg, aber ich nehme ihr die Gelassenheit nicht ab, bei ihrem Ehrgeiz hat sie sich sicher mehr erhofft.

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Die Minuten verrinnen, mein Handy hat keinen Saft mehr, ich werde nervös und bekomme die anstehende und womöglich im Moment stattfindende Juryergebnis-Veröffentlichung nicht aus dem Kopf. Dann endlich kommen Elaiza in Begleitung von NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber ins Zelt. Sofort werden sie umringt, die Kameras surren und ich bin glücklich, dass ich einen gewissen Größenvorteil habe, der es mir ermöglicht, über die Mikrofone und Kameras hinweg Bilder zu machen.

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Matthias hat sein Aufnahmegerät gezückt. Ich bekomme nicht viel vom Wortlaut mit, die Mädels wirken aber gefasst und nicht unglücklich. Cascada/Natalie Horler im vergangenen Jahr erschien mir nach dem Finale im Vergleich deutlich geschockter.

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Als ich genügend im Kasten habe, gebe ich Matthias ein Zeichen und rase zurück zum Bloggertisch. Ich komme am restlos überfüllten Saal der Pressekonferenz vorbei, dort hält Conchita gerade Hof und ich würde mir gern anhören, was sie sagt, aber dafür ist keine Zeit. Am Tisch steckt Tjabe mitten in den Semifinal-Ergebnissen und Armen und BennyBenny haben begonnen, wie geplant die Jurywertungen aus der Schweiz und Österreich aufzuarbeiten.

„Die Juryresultate sind schon da?“, frage ich und ernte ein knappes „Gerade eben“.  Umgehend mache ich mich an die Ansichten der deutschen Jury, die in den Untiefen der eurovision.tv Seite versteckt sind. Screenshot oder Tabelle? Was denn, Dänemark unisono auf der 1, Conchita deutlich abgewertet? Diese Resultate haben Sprengstoff und verdienen es, richtig aufbereitet zu werden…

Ich entscheide mich trotz der drängenden Zeit für eine sinnvoll sortierte und übersichtlichere Darstellung als auf der Webseite von eurovision.tv, starte Excel und gerate in einen Tunnelblick. Jetzt bloß keinen Fehler machen, der wird einem sonst hundertfach um die Ohren gehauen… nach 15 Minuten intensiver Konzentration bin ich soweit, habe halbwegs anständige Tabellen kreiert, Screenshots davon gefertigt und den Beitrag dazu geschrieben, drücke auf „Veröffentlichen“. Es ist 1 Uhr 44. Geschafft.

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Ich leere eine Flasche Cola-Light und lese die bereits veröffentlichten Texte der Kollegen Korrektur. Matthias ist zurück, hat den Kopfhörer im Ohr und generiert die Elaiza-Statements für seinen Artikel. Er braucht jetzt meine Bilder. Ich lade sie von der Kamera auf den Rechner, suche zwei Dutzend aus, verkleinere sie und ab damit ins System. Beschriften können wir sie später.

Conchita Wurst SiegerPK

DJ Ohrmeister ist von der PK zurück und hat sich ein wenig verquatscht, jetzt muss er sich ranhalten, denn die Sieger-PK gehört zu den wichtigsten Stücken in dieser Nacht. Volli hat die Bilder von Conchita mit ESC-Trophäe schon ins System gestellt und ist fertig. BennyBenny und Armen sind mit ihren Aufgaben ebenfalls durch und verabschieden sich ins Eurocafé, wo sie die Nacht ausklingen lassen wollen. Jan ist schon dort, er hat sich heute um den sicheren Abtransport unserer Gäste (Freunde und Verwandte der Blogger) gekümmert.

Matthias und Ohrmeister hacken mit Verve in die Tasten. Ich entdecke, dass ich Sido mit seinem bürgerlichen Namen in meinen Jurytabellen stehen habe und ärgere mich („das ist nicht google-optimiert“ höre ich Bloggerkollege Peter vor meinem imaginären Ohr sagen) und bessere im Text nach. Später erfahre ich, dass mein Beitrag „So stimmte die deutsche Jury im Detail“ tatsächlich der erste in der deutschen Presselandschaft war, der das Voting der deutschen Juroren thematisierte, vielfach retweetet wurde und andere Medien unsere Darstellungsweise übernommen haben. Nach 48 Stunden war der Jurytext bereits der am drittmeisten geklickte Beitrag überhaupt auf unserem Blog.

Um 2 Uhr 37 ist Matthias fertig, das erste Fazit von Elaiza „Wenigstens nicht letzter“ ist online, wir korrigieren noch ein paar Dinge und werden dann von einer resoluten Volunteerin aufgefordert, das Pressezentrum zu verlassen. Umgehend. Die Akkreditierungen erlöschen um 3 Uhr und das Wlan auch. Wie unfreundlich, da hätte man noch eine Stunde mehr zulassen können. Ich sehe mich um, es gibt noch vereinzelt Kollegen, die in dieser Nacht arbeiten, viele der typischen Fanjournalisten sind aber schon längst Richtung Euroclub oder Eurocafé aufgebrochen. Ohrmeister schafft es gerade noch, eine erste Version der PK zu veröffentlichen, dann packen wir zusammen und gehen ein letztes Mal durchs Pressezelt.

Überall wird abgebaut, beim Pressedesk hat der Ausverkauf schon stattgefunden, die letzten übrig gebliebenen CDs wurden an die Fans verteilt, offenbar zivilisierter als sonst (in Baku glich das Pressecenter nach dem Ansturm der Fans dem Ort eines Bombenanschlags). Es liegt aber noch jede Menge Material achtlos in der Gegend herum – stumme Zeugen des ESC 2014.

ESC 2014 - Pressezentrum kurz vor der Schließung

Mein Blick fällt auf Berge der liebevoll gestalteten Elaiza-Booklets. Offenbar wollte sie niemand haben. Bevor sie in einem großen gelben Müllsack verschwinden, habe ich die Aufräumkraft gestoppt und einen Stapel für die Gewinner unseres Leser-Tippspiels zum ESC gesichert.

ESC 2014 - Pressezentrum kurz vor der Schließung

Wir erreichen gerade noch den letzten Shuttle-Bus und fahren durch das nächtliche Kopenhagen zurück ins Zentrum. Gegen 4 Uhr sind wir in der Blogger-WG und plündern – wie häufiger in den ESC-Tagen geschehen – die Reste aus dem Kühlschrank. DJ Ohrmeister klappt sofort den Laptop auf und vervollständigt rasch seinen Report zur Siegerpressekonferenz „Conchitas Botschaft an die Welt“, bevor er noch Richtung Eurocafé aufbricht. WM, Tjabe und Jan sitzen am großen Tisch im Esszimmer und lassen bereits die letzten beiden Wochen Revue passieren. Eine sehr ruhige, in sich gekehrte Stimmung hat uns erfasst. Fast andächtig sitzen wir zusammen und wollen noch nicht schlafen gehen.

Ich trete ans Fenster, schaue auf den dunklen Ørstedsparken und mir wird bewusst, dass der ESC 2014 nun endgültig vorbei ist. In wenigen Stunden werden wir alle Kopenhagen verlassen und auf verschiedenen Wegen nach Hause fahren oder fliegen.

 

Vorschau: In der nächsten Folge erzählt Douze Points, wie man ein völlig verregnetes DJ-Set in der Fußgängerzone in Kopenhagen rettet.