ESC-Kaleidoskop Kopenhagen (10): Rendezvous mit Curryboy

Gestatten - Curryboy

Wie der Zufall so spielt. Eigentlich schien mein diesjähriges ESC-Abenteuer bereits  eine Woche vorm großen Finale beendet, zumindest vor Ort auf dem Planeten. Alles schien abgeschlossen und bereits blogmäßig reflektiert, da fliegt mir ganz plötzlich ein Ticket für den Finalabend in die Hände. Grund genug, sich nochmal aufzumachen auf den Planeten. Die Reise beginnt am Samstag, 10. Mai, um 9 Uhr morgens, nahezu exakt 12 Stunden vor der großen Show. Europa muss pulsieren, es kann kein anderes Thema geben – dachte ich.

Gleis 5 auf dem Hamburger Hauptbahnhof. 10 Minuten Verspätung sind angesagt, dann gibt es noch einen Gleiswechsel und eine ziemlich üppige Menschentraube quält sich treppauf, treppab zu Gleis 7. Ich schaue mich in der Traube um – wer von denen fährt auch zum Planeten? Wer wird sich heute ebenfalls ins Allerheiligste desselben begeben, um der Geburt eines neuen ESC-Siegers beizuwohnen, gewissermaßen Weihnachten vor Ort zu erleben?

Ich werde angesprochen von zwei leicht aufgedrehten Herren mit Bart und kleinem Gepäck – „Wo fährt jetzt der Zug?“ – „Gleich hier“ kann ich antworten. Ein freundliches „Danke!“ und man verliert sich aus den Augen. Na, die sind doch bestimmt auf dem Weg zur Frau mit Bart. Mal schauen, ob man sich im Zug wiedertrifft und dort alles Notwendige besprechen kann. Vielleicht bringt der Planet genau das zusammen, was zusammengehört. Die Reise wird sicher ein Bad auf den Wogen der ESC-Euphorie.

Max Richter CoverNach dem Einstiegsstress glücklich an meinem Platz im Zug sitzend spendiere ich mir erst mal ein wenig absolut planetenfreie Musik – Max Richters „Recomposed Vivaldi“ soll mir dazu verhelfen, noch ein wenig einzunicken und die unruhige letzte Nacht etwas zu relativieren. Für einen Moment gelingt es. Etwa 10 Minütchen schlummere ich süßlich, dann bremst der Zug mit einem etwas leiernden Geräusch und es ist wieder da: „Is it raiaiaiaiaight“.

Die letzte Nacht fordert ihren Tribut, weil ich es mir nicht habe verkneifen können, bis kurz vor Mitternacht diverse Live-Blogs der Kollegen vom Planeten zu verfolgen. Und die Einschätzungen einzuschätzen. Es scheint inzwischen klar – mit Elaiza ist in diesem Jahr kein Blumentopf zu holen und in den oberen Regionen sehen nahezu alle die Damen DeLange, Nielsen und Wurst – und ein paar andere auch noch.

Elaiza Finale 1st Dress Rehearsal 2014Diese Berichte aus der fernen Galaxie haben dazu geführt, dass die Nacht von unruhigen Träumen begleitet wird, bei denen ich unter Luftschlangenbergen begraben oder in einer Lichtjurte gefangen gehalten werde. Und ein offenes Hintertürchen wie bei Sanna am Dienstag gibt es nicht. Die Macht des Planeten…

Kurz vor Lübeck bin ich also schon wieder wach und schaue mich um. Links neben mir ein Pärchen, das tiefstes American English spricht. Die brauche ich gar nicht zu fragen, ob sie zum Planeten wollen oder etwas darüber wissen. Direkt dahinter zwei (mutmaßlich) russische Frauen, die ein sehr ernstes Gespräch zu führen scheinen. Ob es um die Tolmachevys geht? Um Gerhard Schröder? Um LBGT-Rechte in ihrem Heimatland? Ich werde es nie erfahren.

uno-kartenspiel1Rechts vor mir tönt es immer wieder „Uno“ (Nein, nicht „Undo“). Eine Mutter mit Kind (wo sind eigentlich auf Bahnreisen immer die Väter?). Und da höre ich auf einmal aus des Jungen Mund: „Da muasst halt vier Koaten neama, Mama“. Das Kind spricht österreichisch. Und Mama auch, wie ich kurz danach feststelle.

Das Kind selbst ist ein Original. Es hat einen straßenköterblonden Haarschopf und trägt eine Art Einteiler mit Spaghettiträgern aus Nickistoff in senfgelb mit einem Hauch Curry. Zu seinem Curry-Senfeinteiler trägt er zwei robuste Laufschuhe mit Neonschnürsenkeln, einer rot, der andere grün.

Curryboy
Der Junge spricht jeden an. Jeden. Mich auch. „Stoagst hier aas?“ fragt er in Oldenburg. „Nein, ich ziehe nur einen Pulli an, mir ist kalt“. Außerdem gibt er durchgängig für alle, die es nicht sehen wollen, Kunststückchen zum Besten. Er kann schnell rennen, auch durch den Gang eines Zuges, steht mit gespreizten Beinen auf zwei sich gegenüberliegenden Armlehen, ohne dass diese abbrechen und kann im Gang auf dem Rücken liegend beide Beine gen Decke strecken. Und sicher noch vieles mehr.

Die Mutter im schlammfarbener Öko-Optik fragt mich, ob ich Internet habe, wegen der Zugverspätung. Sie müsse von Kopenhagen weiter nach Lund in Schweden und habe nun Angst, den Anschluss zu verpassen. Ich frage etwas hinterhältig: „Ach, es geht gar nicht zum Song Contest nach Kopenhagen? Ihr Österreicher seid doch Favorit“. „Is des so?“ fragt sie. „Wer tuat dann für uns singn?“ Spätestens jetzt merke ich, dass der Planet seine Tentakel nicht bis Nieder- oder Oberösterreich oder wer weiß wohin hat ausstrecken können. Die ökoangehauchte Mutter scheint zwar zu wissen, dass es sich um einen Gesangswettbewerb handelt, ansonsten ist sie völlig ahnungslos – möglicherweise auch was ihr majestätisches Kind betrifft.

Aber es könnte doch sein, dass dieser extrovertierte Curryboy das ESC-Gen schon in sich trägt. Jetzt singt er auch noch, der originelle Bub. Irgendwas kinderliedmäßig Österreichisches. Der hat jetzt schon alles was man braucht: Gesangstalent und einen individuellen Stil. Ich empfehle Curryboy schon jetzt als österreichischen ESC-Teilnehmer 2025. Aber vorher fährt er erst einmal nach Lund.

Österreichische Füße
Jetzt kommen zwei Däninnen mit einem Tablett zu Besuch, die einen betörenden Duft nach sich ziehen. Sie verkaufen kleine Stoffsäckchen mit einem Blumenteegemisch und das mit einer Penetranz, die ich den Dänen gar nicht zugetraut hätte. zwei BlümeleinIch lasse mir ein Säckchen aufschwatzen, weil ich sehen möchte, wie sich das Blümelein in meiner Glasteekanne aus dem Jahre 1989 entfaltet. Als ich ihr einen Fünf-Euro-Schein hinhalte, kann sie nicht wechseln und empfiehlt mir, noch einen weiteren Euro zu suchen, dann könnte ich gleich zwei nehmen. Das will ich nun wirklich nicht. Ich will doch nur ein Blümelein. Aber wechseln geht nicht und schenken geht auch nicht und so nehme ich am Ende zwei für Fünf. Gewitzte Dänen.

Ich finde, nach diesem Kuhhandel habe ich mir ihre Meinung zum Planeten verdient. „Und, wer gewinnt heute beim Melodi Grand Prix?“ – „Ach, weiß ich gar nicht, vielleicht Dänemark oder Deutschland?“ Ja vielleicht. Wieder keine Fachkräfte.

Zeitung Basim

Zeit für die Fähre. An Bord finde ich zumindest im Zeitungsshop einen direkten ESC-Bezug. Bei den Boulevardblättern geht um Basim und um die hohen Kosten, die die Eurovision-Island den Dänen beschert. Die seriöse Zeitung verspricht eine Einschätzung, die ich aber nicht mehr anschauen kann, weil ich zurück in den Zug muss. In Deutschland wurde übrigens mit einem Klitschko getitelt, der dramatisch flehend um Stimmen für die Ukraine wirbt („Krieg beim Grand Prix“).

Curryboy macht es sich inzwischen an Deck gemütlich, betrachtet das ewige Spiel der Wellen und steht mindestens zwei Minuten nahezu regungslos an der Reling. Erstaunlich.

Curryboy ganz friedlch
Zurück im Zug merke ich, dass Ökomama und Curryboy mit dem amerikanischen Pärchen auf Tuchfühlung gegangen sind. Ich bekomme mit, dass Mutter und Sohn aus Linz kommen. Nun von dort kenne ich auch nur die Torte, also ist es o.k., wenn sie nichts vom Planeten wissen.

Ich stelle fest: obwohl wir dem Planeten von Minute zu Minute näher kommen, ist sein Einfluss zumindest in diesem Zug doch sehr marginal.

Schweden Sanna Nielsen 2014 Probe 2

Ich schließe noch einmal die Augen und lande automatisch gedanklich auf dem ESC-Stern. Die Gedanken kreisen darum, was der schwedischen Miss Perfect wohl diesmal passieren und nicht aus der Ruhe bringen wird. Ob es La Wurst tatsächlich gelingen kann, nicht nur die Menschen in der Blase unter ihre Phönixfittiche zu nehmen, sondern auch die in den südlicheren und östlicheren Teilen Europas. Oder ob Ilse die Sache klar machen kann – und zwar ganz esc-unkonventionell.

Der Blick aus dem Fenster

Der Zug hält und auf den Doppelplatz neben mir setzt sich eine blonde Dänin. Na, aber die muss doch planeteninfiziert sein. Sie nimmt ihr mobiles Musikabspielgerät aus der Handtasche und Sekunden später tönt heftiger Heay Metal durch unsere Zone des Zuges. Ich stöhne innerlich. Also wieder nix – und vielleicht ein Zeichen, dass die Tentakel des Planeten doch nicht soweit reichen, wie unsereins manchmal glauben möchte. Meine Zugfahrt gestaltet sich wirklich absolut planetenfrei, also, warum nicht einfach aus dem Fenster schauen und das Land an sich vorbei ziehen lassen.

Nochmal nicke ich ein. Kurz nachdem ich aufwache, hält der Zug am Bahnhof in Kopenhagen. Egal was die anderen machen, für mich geht es jetzt schnurstracks auf den Planeten. Aber dir viel Spaß in Lund, Curryboy.

Kopenhagen Hauptbahnhof

 

Vorschau: In der nächsten Folge erzählt OLiver von seinem Versuch, sich mitten in einem wichtigen ESC-Begleitevent aus einer unangenehmen Situation – einer ‚Wardrobe Malfunction‘ – zu befreien.

Bisher in der Serie Kaleidoskop Kopenhagen erschienen:

(1) Warten auf Elaiza (OLiver)
(2) Undankbares DJ Set im Eurovision Village (Douze Points)
(3) How I met Pernille (DJ Ohrmeister)
(4) Peeing in the rain, the rain, the rain (Douze Points)
(5) „Kommen Sie auch zur Fütterung?“ (OLiver)
(6) Mit Ralph Siegel auf dem Klo (Armen)
(7) Wiedersehen mit Chiara (Marc)
(8) Durch die Hintertür ins Rathaus (DJ Ohrmeister)
(9) Atemlos mit Sanna (Douze Points)