ESC-Kaleidoskop Kopenhagen (11): Fataler Riss im Euroclub

Euroclub Publikum Dancefloor

Nicht alles klappt immer vor Ort beim ESC, als Blogger hat man auch ungewöhnliche, ja bisweilen peinliche Situationen zu überstehen. OLiver ist mitten im Euroclub ein besonderes Malheur passiert, das bislang auch vor den Bloggern verborgen blieb.

Es ist Sonntagabend im Euroclub nach dem Red Carpet Event am Rathaus. Der Club füllt sich rasch mit ESC-Fans, denn heute ist ein besonders attraktives Programm angekündigt. Die Kardashians des ESC – Ruth Lorenzo und Conchita Wurst – werden auftreten. Ich stehe an der Bar und habe gerade meinen ersten Drink bestellt, als mich jemand an der Schulter anstubst. „Äh, Du hast da was“, sagt ein verwirrt aussehender südländischer ESC-Fan auf Englisch. Ich weiß nicht was er meint, er deutet auf meine Kehrseite. Habe ich womöglich einen Fleck auf der Hose?

Ich fasse nach hinten und greife gewissermaßen ins Nichts… meine Hose ist aufgerissen und zwar großflächig… längs über die Backe. Geschockt starre ich den aufmerksamen Fan an und erhalte in diesem Moment meinen Drink, ein säuerliches Gemisch, das ganz oben auf der Karte steht. Ich gehe geistesgegenwärtig rasch die vier Schritte in den nebenliegenden Saal mit der großen Tanzfläche und lehne mich erstmal an die Wand. Ungläubig ertaste ich möglichst unauffällig den Schaden und kann es nicht fassen. Bin ich an einem Nagel hängengeblieben? Hat mir jemand den Hintern aufgeschlitzt? Ist das Stoffgewebe einfach erschöpft? Warum hier, warum jetzt, warum ich?

Und warum schon wieder? Als mir das zuletzt passierte, trug ich einen Anzug und war immerhin in der Nähe eines Kaufhauses. Dort konnte mir nach einer kleinen Diskussion mit einem ignoranten Verkäufer („Was heißt hier Übergröße? 110 ist für einen ausgewachsenen Mitteleuropäer eine ganz normale Hosengröße!“) sofort Ersatz beschaffen, aber hier? Ich nehme einen kräftigen Schluck von dem scheußlich säuerlichen Gesöff und blicke mich hilfesuchend um. Natürlich ist gerade jetzt kein Co-Blogger in der Masse zu sehen.

Euroclub Kopenhagen

Was mache ich jetzt? So kann ich weder tanzen, noch mich anderweitig bewegen. Könnte ich eventuell auf die Hose verzichten und zwanglos in meiner importierten Unterwäsche herumtollen? Schließlich habe ich Stunden damit verbracht, sie aus dem Hamburger Hauptzollamt auszulösen, wo sie wegen mangelnder Deklarierung von übereifrigen Beamten konfisziert worden war („Was bestellen sie denn auch in Australien, H&M hat doch auch schöne Unterhosen“). Eher nicht. Dann vielleicht noch mehr Risse in die Hose schlitzen und cool in einem Retro-Fetzenlook auftreten? Geht auch nicht, die Schlitze damals waren schließlich quer und nicht längs und erst am Vortag hatten die Kollegen den Retrolook eines ehemaligen Fanclubfunktionärs einhellig verdammt („So eine Folklorebluse geht gar nicht, so was kann wirklich nur Nelly Ciobanu tragen…“).

Ich rutsche mit dem Hintern an der Wand möglichst unauffällig Richtung Ausgang und linse um die Ecke. Gerade ist Paula Seling eingetroffen, noch im vollen Red-Carpet-Ornat. Umringt von Fan-Bewunderen und mit Ovi im Schlepptau kommt sie nur langsam voran. Ich möchte nicht, dass sie als erstes meinen exponierten Hintern sieht, wenn sie den Tanzsaal betritt, daher rutsche ich wieder auf meine Ausgangsposition zurück und trinke einen weiteren Schluck des Sauerdrinks, der schon etwas besser schmeckt.

Euroclub Ankunft Paula Selig und Ovi

Nun nähert sich ein langmähniges OGAE-Mitglied, das mich in ein Gespräch verwickelt und tatsächlich fragt, warum ich die ganze Zeit an der Wand lehne, als wäre ich festgeklebt. Ich erzähle irgendetwas von ‚langer Tag‘, „mir ist nicht nach Tanzen‘ und dass die Stars ja noch gar nicht da sind, während ich weiter fieberhaft nach einer Lösung suche. Da fällt mir ein, dass Katharine Hepburn 1938 in „Leoparden küsst man nicht“ ein ganz ähnliches Problem hatte.

Was tun bei versehentlich zerfetzter Garderobe? So löst Katharine Hepburn das Problem

Ich schaue mich also nach einem Cary Grant um und entdecke, dass sich durchaus mehrere Herren dafür eignen könnten, meine Kehrseite unauffällig abzudecken und mich aus dem Euroclub zu bugsieren. Und dann? Müsste mir schon jemand seine Hose überlassen, damit ich die Auftritte von Ruth und Conchita nicht verpasse. Noch ein Schluck, der Alkohol steigt mir in den Kopf und ich beginne zu kichern. Ist ja auch skurril, die Situation. Mittlerweile erkenne ich meine Blogkollegen in der Nähe. Soll ich jemand einweihen? Ob jemand Nadel und Faden dabei hat? Oder vielleicht einen Tacker?

Beim Stichwort Tacker durchzuckt es mich: Tjabe! Der Kollege führt häufig hilfreiche Tools in Tragetaschen mit sich. Dann fällt mir ein, dass er ja nachkommen wollte, weil er noch Zeitungen besorgen wollte. Ich versuche es per Handy und erreiche Tjabe, er ist noch in der Blogger-WG. Bingo!! „Frag bitte nicht, geh‘ einfach in mein Zimmer und bring mir eine lange Hose mit… aber in unauffälliger Verpackung!“, flehe ich ihn an. Erleichtert beende ich Telefongespräch und Drink und warte, in einer halben Stunde soll es mit Ruth Lorenzo los gehen.

Mit dem Hintern an der Wand (so lässig wie möglich) überstehe ich die Wartezeit. Als ich mitten im Gespräch mit einigen Freunden bin, nähert sich plötzlich Tjabe konspirativ von rechts, übergibt mir eine neutrale Tragetüte und verschwindet sofort wieder. Nun ist es nicht ganz ungefährlich im Euroclub Tüten, die seltenes Pressematerial enthalten könnten, offen herumzutragen, sowas könnte einen Massenansturm auslösen, daher rutsche ich rasch wieder an den Ausgang, der diesmal frei ist. Mit drei Schritten bin ich im Treppenhaus und suche die Toilette.

Kleiner Einschub: Es ist wirklich Zufall, dass nach Douzeys Pinkelbetrachtungen und Armens Promi-Begegnung auf dem Lokus nun schon wieder eine Toilette eine Rolle in dieser Serie spielt…

Euroclub Grand Opening Party Russland

Geschafft, hier ist auf den ersten Blick wenig los, ich zwänge mich in eine der engen Kabinen und bin heilfroh, dass Tjabe tatsächlich eine meiner Hosen und nicht etwa eine meines WG-Zimmergenossen DJ Ohrmeister erwischt hat. Während aus der Nachbarkabine Geräusche einer mittelschweren Panzerschlacht dringen, ziehe ich mich um und betrachte ungläubig den riesigen Riss in meiner Hose, bevor ich diese in die Tüte stopfe. Vorsichtig öffne ich die Tür, die Geräusche klingen nun mehr nach Vulkanausbruch. Ein Unglück kommt selten allein, es wäre fatal, wenn meine weiße Ersatzhose nun gleich von umherfliegendem Erbrochenen ruiniert würde…

Euroclub 2014 Spanien Ruth Lorenzo

Unbefleckt und endlich wieder angemessen behost erreiche ich den großen Tanzsaal, die Tüte mit der zerfetzten Hose stopfe ich auf dem Weg unauffällig in eine Ecke. Ich brauche nun sofort einen weiteren dieser süffigen Sour-Drinks und komme gerade rechtzeitig zu Ruth Lorenzos Auftritt (den Abend im Euroclub hat Peter mit vielen Fotos hier weiter beschrieben).

Eine Stunde und zwei weitere Cocktails später kann ich herzlich über das Malheur lachen und mich endlich wieder zwanglos umher bewegen. Womöglich hätte ich vielleicht doch in Unterwäsche herumlaufen können. Schließlich trägt Conchita auf der Bühne auch wenig mehr als glitzerfarbene Unterkleider.

Euroclub 2014 After Show Party Opening Ceremony Conchita Rise Like A Phoenix
Mein immerwährender Dank gilt Co-Blogger Tjabe, ohne dessen Rettungseinsatz ich den Abend nicht mehr genießen hätte können.

Vorschau: In der nächsten Folge macht sich DJ Ohrmeister Gedanken um die speziell in ESC-Fankreisen gehäuft auftretende Selfie-Gattung „Ich und der Star“ (IUDS).

Bisher in der Serie Kaleidoskop Kopenhagen erschienen:

(1) Warten auf Elaiza (OLiver)
(2) Undankbares DJ Set im Eurovision Village (Douze Points)
(3) How I met Pernille (DJ Ohrmeister)
(4) Peeing in the rain, the rain, the rain (Douze Points)
(5) „Kommen Sie auch zur Fütterung?“ (OLiver)
(6) Mit Ralph Siegel auf dem Klo (Armen)
(7) Wiedersehen mit Chiara (Marc)
(8) Durch die Hintertür ins Rathaus (DJ Ohrmeister)
(9) Atemlos mit Sanna (Douze Points)
(10) Rendez-vous mit Curryboy (WM)