ESC-Kaleidoskop Kopenhagen (5): „Kommen Sie auch zur Fütterung?“

Jan WM DJ Ohrmeister OLiver  Tivoli

Man hat ja als Blogger vor Ort beim ESC zwischen Proben, Pressekonferenzen, Partys und dem Herrennen hinter Shuttlebussen nicht viel Freizeit. Was tun Blogger also, wenn sich mitten im durchgetakteten Ablauf plötzlich ein freier Tag auftut? Abseits der ESC-Halle Zerstreuung suchen – die Bloggertruppe kam im Kopenhagener Tivoli dann aber doch nicht ganz ohne ESC-Bezug aus.

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Wir starren nach oben. Ein kolossales Kettenkarrussell dreht sich hoch über unseren Köpfen mit kreischenden Leuten. „Das sind locker 100 Meter. Von dort oben hat man bestimmt einen fantastischen Blick über Kopenhagen“, meint Jan. „Wenn eine Kette reißt, fliegt man bis in den Hauptbahnhof, wollen wir?“, werfe ich begeistert ein, doch damit lässt sich niemand zu einer Mitfahrt animieren, ich ernte nur ein ersticktes Keuchen von WM.

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DJ Ohrmeister hat unterdessen direkt nebenan ein weitaus harmloseres Fahrgeschäft entdeckt, das Miniriesenrad im Montgolfieren-Stil heißt tatsächlich „Grand Prix“, aber auch hier begnügen wir uns mit Fotos statt einer Mitfahrt. „Auch da kann man rausfallen“, wirft WM ein, Recht hat er, schließlich sind wir hier zum Lustwandeln und nicht, um unser Leben zu riskieren.

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Ich hatte in den ersten Tagen irgendwo gelesen, dass das „Tivoli“ im Herzen der Stadt für ESC-Akkreditierte umsonst sei. Daher sind wir am probenfreien 1. Mai zu einem Ausflug in den nur 10 Minuten von unserer Blogger-WG gelegenen Vergnügungspark aufgebrochen. Er ist schließlich bereits 1843 eröffnet worden und eine der Top-Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt.

Und dort gibt es auch ESC-Geschichte zu bestaunen – das Tivoli war Austragungsort des ESC von 1964, den niemand von uns je gesehen hat (die Aufnahme wurde laut DR bei einem Brand zerstört). Und schließlich hatte auch Kasey Smith gerade erst verkündet, sie wollte sich mal so richtig amüsieren – im Tivoli. Jan schrieb darauf „Die hat ja keine Ahnung, das Tivoli ist doch eher was für Kinder und alte Leute.“

Wir zählen eher zu letzteren und sind nach einigen logistischen Problemen auch hier, von Kasey oder anderen ESC-Interpreten allerdings keine Spur. Wir mussten den Park praktisch zunächst umrunden, um den Eingang zu finden. Dort wusste noch niemand etwas vom freien Eintritt für ESC-Volk. Kassiererin Anna entschied aber hemdsärmelig, uns trotzdem gratis reinzulassen („Don’t tell anybody“). Sehr schön, 99 Kronen pro Nase gespart.

Wir wandeln durch Verkaufsstände mit allerlei skandinavischen Lifestyle-Accessoires (wiederverwendbare Augenkühlmasken im Gurkengewand sind praktisch, aber wozu sind Holzpilze in zehn verschiedenen Größen gut?), jede Menge Imbissstände (die Dänen mögen offenbar lieber Hot Dog als Pölser) und natürlich den (gar nicht so) historischen Fahrgeschäften. „Also, irgendwas müssen wir aber fahren“, rufe ich, es muss ja nicht gleich mit Dreifach-Looping oder diesen heimtückischen mehrdimensionalen Schüttel-Rüttel-Bewegungen sein, die immer mit der Gefahr des öffentlichen Erbrechens einhergehen – insbesondere wenn man direkt davor eine größere Anzahl warmer Apfeltaschen gefuttert hat…

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Wir entdecken nach einigem Umherwandeln (der Park ist recht übersichtlich) eine kleine Alpenbahn, die 1912 eröffnete „Rutschebanen“, kein Looping in Sicht und auch keine allzu lange Schlange. WM schaut zwar etwas kritisch, aber jetzt wird nicht mehr gefackelt. Doch dann werden wir aufgehalten. Freier Eintritt heißt nicht freie Fahrt. Wir müssen ein Bändchen oder Coupons aus Automaten kaufen, klärt uns die bullige Einsteighilfe auf. Dank einem kollektiven Welpenblick („Och, das wussten wir nicht und jetzt sind wir doch schon hier…“) lässt uns Bullmann tatsächlich durch und wir nehmen in der Alpenbahn Platz. Toll, schon wieder gespart… das wird ein echter Schnorrer-Tag.

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Das gar nicht so gemächliche Bähnchen macht Spaß, es geht doch recht heftig rauf und runter und immer wieder in dunkle Tunnels. WM schreit wie am Spieß, während ich versuche zwischendurch ein paar Handyfotos zu machen (die meisten sehen eher nach Geisterbahn aus).

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Nach der längsten Abfahrt werden wir im Tunnel geblitzt. Nach knapp zwei Minuten wanken wir von dannen und entschließen uns, die teuren Bilder, die uns wie nach Luft schnappende Meeressäuger zeigen samt Tivoli-Geschenkverpackung nicht zu Erinnerungszwecken zu erwerben. Armen, der den Park in der zweiten Woche besucht, ist da weniger widerstandsfähig und kauft sich ein Rutschebanenbild.

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„So, und wo war das nun mit dem ESC vor 40 Jahren genau?“ Wir haben die große Wiese in der Mitte des Parkes erreicht, wo sich zahlreiche Besucher tummeln und sonnen. Hier finden auch Konzerte statt und tatsächlich scheinen einige dort kampierende Teenies auf irgendeine Band zu warten, die aber erst in den Abendstunden erwartet wird.

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Hinter dem Brunnen-Ensemble liegt der Tivoli Koncertsalen, ein Mitte der Fünfziger Jahre erbautes Gebäude, das 1.600 Personen Platz bietet und heute fast nur noch für klassische Konzerte genutzt wird. 1964 gewann hier Gigliola Cinquetti für Italien den ESC. Ehrfurcht erfasst uns.

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„1964 brauchte man eben noch keine umgebauten Schiffswerften“, konstatiert DJ Ohrmeister. Wir nähern uns dem Theater und stellen enttäuscht fest, dass es geschlossen ist.

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Schade, so ging es mir auch schon 2010 in Norwegen, als ich die Sandra-Kim-Gedächtnishalle, heute ein rostiges Monstrum in Bergen, besuchen wollte. Irgendwie habe ich ein Grethe-und-Jörgen-Ingman-Denkmal erwartet, aber die haben ja nicht in Kopenhagen, sondern 1963 in London gewonnen. „Da vorne geht es rein“, ruft Jan und tatsächlich, ein Seiteneingang des Gebäudes ist geöffnet, ein Plakat weist auf das Café „Mamma Mokka“ hin. Genau richtig.

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Neben dem Eingang steht ein eifriger Wächter von Axel-Hirsoux-Ausmaßen und begrüßt uns freudestrahlend mit „Kommen Sie auch zur Fütterung?“ Äh… womöglich wollen wir auch etwas essen, aber es geht eigentlich mehr um Kaffee und Tee, erkläre ich. „Aber jetzt findet die Fütterung statt und wir haben auch Haie“, betont Axel. Unsere Verwirrung legt sich, als wir den Durchgang zu einem Aquarium bemerken, einer weiteren Attraktion des Tivoli. Axel ist hier wohl der Aquariumsanimator. „Wir möchten wirklich nur zu Mamma Mokka“, schaltet sich nun Jan ein, aber Axel lässt nicht locker und bietet uns 10% Rabatt im Café, wenn wir uns zuerst die Fische anschauen.

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Nix da, wir wollen keine Fische, nur Kaffee, Sitzen und toilet access – also flugs ins Café marschiert. „Er kuckt uns hinterher“, flüstert WM. Womöglich entgeht ihm Provision? Eine Mamma Mokka gibt es nicht, allerdings einen schmucken Kellner, sonst ist niemand da und so haben wir das stilvolle Café im 60er-Stil für uns allein. Todchic. Leckerer Chai Latte. Und sie verkaufen Müsli in Flaschen. Eigentlich müssten wir jetzt passenderweise „Man gewöhnt sich so schnell an das Schöne“ anstimmen, den deutschen Song von 1964.

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Aber statt zu singen, machen wir Kaffeeklatsch und kauen ausgiebig die Ereignisse der ersten drei Probentage durch (Roll-Blog-Überblick hier). Nach insgesamt drei Stunden verlassen wir das Tivoli (ohne die typischen Andenken zu kaufen) und werden zum Abschied um die Ecke an das dänische Lied erinnert. Danach waren wir übrigens noch bei einer zwanglosen Teeparty mit den freundlichen Letten.

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WM hat unseren Ausflug übrigens in seinem ambivalenten ESC-Zwischenfazit (nach einer Woche) hier erwähnt.

Vorschau: In der nächsten Folge berichtet Armen von einer denkwürdigen Begegnung mit einer ESC-Legende im Toilettenwagen des Pressezentrums.

Bisher in der Serie Kaleidoskop Kopenhagen erschienen:

(1) Warten auf Elaiza (OLiver)
(2) Undankbares DJ Set im Eurovision Village (Douze Points)
(3) How I met Pernille (DJ Ohrmeister)
(4) Peeing in the rain, the rain, the rain (Douze Points)