ESC-Kaleidoskop Kopenhagen (9): Atemlos mit Sanna

Sanna Nielsen Helene Fischer Douze Points

Vågar du, vågar jag“ jag heißt einer von Sanna Nielsens sieben Versuchen, Schweden beim Eurovision Song Contest zu vertreten. Wagst Du es, wage ich es wäre auch ein passendes Motto für Teile meiner journalistischen Tätigkeit in Kopenhagen für stern.de gewesen. Bei einem dieser Einsätze machte mich die schwedische Helene Fischer im besten Sinne atemsprachlos.

Der Eurovision Song Contest 2014 war das vierte Jahr meiner journalistischen Arbeit für stern.de. Angefangen hatte alles mit Lenas Versuch der Titelverteidigung in Düsseldorf, als ich den stern.de-Redakteur Jens Maier bei seiner Arbeit unterstützt und über den Event gebloggt hatte. In Baku und Malmö ging’s dann weiter, immer schön hinter der Kamera oder an der Tastatur und ohne selbst visuell präsent zu sein.

Das änderte sich in diesem Jahr. Ein neuer Ansatz wurde gesucht – und mit Jens vs. Lars – das große ESC-Battle gefunden. Joko und Klaas des Grand Prix, wie manche sagten. Mag sein. Ich habe noch keine Sendung von den beiden gesehen (ungelogen!). Insofern konnte ich frei agieren, ohne zu kopieren oder vermeiden zu vermeiden, eine Kopie zu sein.

Bereits weit vor Kopenhagen ersannen wir die verschiedenen Battles. Sie sollten sich um den ESC, das Gastgeberland Dänemark und das ESC-Fan-Verhalten drehen. Schnell waren das Mein-Star-und-ich-Selfie-Battle am Roten Teppich beim Bürgermeisterempfang, die Achterbahnfahrt im Tivoli, bei der ElaizasIs it right“ zu singen war, und die Aufgabe, aus Lego-Bausteinen die B&W Hallen nachzubauen, geboren.

Außerdem war klar, dass wir auch die ESC-Stars integrieren wollten. Nur sollten die bei uns keines der immer gleichen Interviews geben, sondern mit uns spielen. Neben Elaiza und Conchita Wurst hatten wir auch einen Termin mit Sanna Nielsen bekommen. Meine Aufgabe: Sanna Nielsen, die entfernt an Helene Fischer erinnert, überzeugen, „Atemlos durch die Nacht“ zu singen.

Der Dreh mit Sanna war unser erster überhaupt in diesem Jahr. Am späten Nachmittag des 1. Mai fuhren wir zu ihrem Hotel ganz in der Nähe des Nyhavn. Draußen in der Sonne nahmen wir unseren Aufsager auf. Dann ging’s ins Hotel, wo uns Sanna und ihre PR-Verantwortliche begrüßten.

Sanna Nielsen DJ Douze Points
Während wir einen Platz in der Lobby suchten, sagten wir Sanna – die Trotz ihrer Größe unanständig hohe Highheels trug – dass wir uns für sie etwas ganz Besonderes und Kreatives ausgedacht hatten. Damit hatte sie nicht gerechnet – und war auf einmal auch ein ganz bisschen aufgeregt.

Wir begannen mit einem „Is it right“-Quiz. Ich stellte fünf Behauptungen auf und sie musste jeweils sagen, ob die Aussage richtig oder falsch war. Sie war fit und geistig hellwach, konnte aber nicht glauben, dass Österreich 1982 wirklich nur einen einzigen Punkt an Nicole gegeben hatte.

Nach diesem Quiz, das niemals veröffentlicht wurde, schritt ich zur Tat. Jetzt galt es: Ich musste Sanna zum Singen bringen – und dann auch noch auf Deutsch! Rhetorisch geschickt begann ich mit Komplimenten, dass sie aussehe wie Helene Fischer, die derzeit erfolgreichste deutsche Künstlerin. Obwohl Sanna noch nichts von Helene gehört hatte, fühlte sie sich gebauchpinselt. Sehr gut.

Jetzt musste ich sie an den Gedanken heranführen, auf Deutsch zu singen. Wenn ich besser vorbereitet gewesen wäre, hätte ich mir gar keine Sorgen machen müssen. Denn kaum hatte ich die magischen Wörter „sing … in German“ gesagt, erzählte sie, dass sie einen ihrer Songs (ich meine es war „Till en fågel“) auch auf Deutsch eingesungen hatte – und begann sofort, diesen in der Hotellobby zu singen.

Nun war es nur noch ein kleiner Schritt bis zu „Atemlos durch die Nacht“. Sanna hatte sofort Lust, das Singen auszuprobieren. Sie bekam den Text auf einem iPad und den Sound aus meinem Smartphone. In kürzester Zeit hatte sie die Melodiefolge erfasst und las den Text parallel dazu mit, zum Teil bereits singend. Nach dem ersten Durchgang (nur eine Strophe und der Refrain) folgte noch ein zweiter Test. Sanna war hochkonzentriert bei der Sache und bekam nicht einmal mit, dass Edward af Sillén (der schwedische TV-Kommentator und Regisseur des ESC in Malmö) zeitweise bei uns stand und irritiert schaute.

Dann folgte die Aufzeichnung. Sanna war wieder zuckersüß und brachte Höchstleistung. Ich hingegen – nunja. Ich hatte kein Mikrofon zum Festhalten, Sanna schaute nicht in die Kamera. Die Zuschauer brauchten aber Augenfutter. Was würden Joko und Klaas in so einer Situation tun? Hätte ich mal bloß deren Sendung geschaut! Also tat ich das naheliegendste und gab mich ganz dem Fan- und Rampensaudasein hin. Mitwippen, lip-syncing und Spaß haben. Klingt gay? Aber hallo!

Noch gayer wurde es, als Sanna fertig war. Keiner applaudierte. Weder Jens hinter der Kamera, keiner aus Sannas Team, niemand in der Lobby.  Also warf ich meine Hände unkontrolliert zusammen. Und freute mich, dass das gerade „totally, totally“ war. Ein passendes Adjektiv dazu wollte mir partout nicht einfallen. Erst recht nicht mehr als Sanna auch meinte, dass es „totally“ gewesen wäre.

Ob’s nur PR-Sprech war oder wirklich von Herzen kam: Sanna hatte Spaß an unserer kleinen Aktion. Wir bedankten uns, sie bedankte sich – und wir bekamen auch noch eine Widmung auf ihr PR-Geschenk. Einen schöneren Auftakt zu unserer Video-Battle-Reihe konnte es nicht geben. Totally!

Hier geht’s zum Video auf stern.de.

Sanna PR Geschenk

 

 

Vorschau: In der nächsten Folge philosophiert WM über den ESC und was sich davon am Tag des Finales in einem Intercity nach Kopenhagen widerspiegelt.

Bisher in der Serie Kaleidoskop Kopenhagen erschienen:

(1) Warten auf Elaiza (OLiver)
(2) Undankbares DJ Set im Eurovision Village (Douze Points)
(3) How I met Pernille (DJ Ohrmeister)
(4) Peeing in the rain, the rain, the rain (Douze Points)
(5) „Kommen Sie auch zur Fütterung?“ (OLiver)
(6) Mit Ralph Siegel auf dem Klo (Armen)
(7) Wiedersehen mit Chiara (Marc)
(8) Durch die Hintertür ins Rathaus (DJ Ohrmeister)