ESC Songcheck (1): „World“ von Lindita

Unser ESC-Songcheck 2017 startet mit Albanien. Lindita Halimi gewann im Dezember das Festivali i Këngës mit einer landestypischen Ballade und stand somit als erster Song der Saison fest. In Kiew tritt sie in einer revampten englischen Fassung an. Kann sie nach mehreren Pleiten in den letzten Jahren Albanien zurück ins Finale singen?

Lindita Halimi ist 28 Jahre alt und stammt aus dem Kosovo. Schon in jungen Jahren nahm sie an diversen Festivals teil, gewann 2006 Top Fest und wurde 2009 bei Kënga Magijke als beste Rock-Sängerin prämiert. Sie wurde bei ihrem Debüt 2014 im Festivali i Këngës Dritte mit einem aufsehenerregenden Auftritt mit dem Song Stë fal.

Lindita gilt als ausdrucksstark und stimmgewaltig, singt Rock und Pop auf Englisch und Albanisch und lebt seit 2013 in den USA. Dort war sie Kandidatin bei der Castingshow American Idols und erregte im TV großes Aufsehen, weil sie zuvor mehr als 60 Kilo (!) abgenommen hatte, danach ihren Fitnesstrainer ehelichte und auf dem Cover des People Magazines abgebildet war.

Ihren Nachnamen hat sie mittlerweile abgelegt. Sie war als Autorin des englischen Textes von Elhaida Danis I’m Alive bereits 2015 mit dem ESC verbunden. Da sie im Dezember 2016 das Festivali i Këngës mit ihrem Song Botë (deutsch: Welt) gewann (Live-Blog hier) vertritt sie nun auch als Sängerin Albanien beim Eurovision Song Contest.

 

Der Song

Da das als ESC-Vorentscheid an Sanremo angelehnte Festivali i Këngës albanisch gesungene Lieder vorschreibt und eine Länge von deutlich mehr als 3 Minuten zulässt, muss jeder Siegertitel für den ESC revampt werden. So wurde aus Botë mit neuem Arrangement World.

Der Song ist eine klassische sphärische Power-Ballade, ein Genre, in dem sich Lindita zweifellos sehr zu Hause fühlt. Es beginnt recht zahm mit zwei Strophen, in denen man einen leichten s-Fehler (Lispeln) zu hören glaubt. Nach einer Minute folgt die Bridge, bevor bei 1:25 erstmals der Refrain zu hören ist, der sich nicht sehr stark von den Strophen absetzt und den spannungsgeladenen Anlauf nicht ganz rechtfertigt. Es gibt viele lange Töne und Ad-Libbing (Stimmmodulationen) a la Mariah Carey. Der Refrain wird nach einem etwas wirren Intermezzo vom Chor wiederholt und dann ein drittes Mal von Lindita bis zum langen Schlusston gesungen.

Der Song wirkt zwar organisch, aber nicht sonderlich eingängig, eher wie ein angenehm-kraftvoller Klangteppich. World zielt allein auf die Persönlichkeit, die Ausstrahlung und vor allem auf die erhebliche Stimmkraft der Interpretin ab. Während der Chor den Refrain zum zweiten Mal singt, setzt Lindita bei 2:11 zu einem Ton an, den sie zumindest in der Studioversion unglaubliche 19 Sekunden lang (!) hält und am Ende noch modulieren kann – das ist schon Streisand-Niveau und dürfte einen Rekord im ESC darstellen (Paula Seling lag 2014 bei 18 Sekunden).

Komponist ist Klodian Qafoku, der bereits viele Beiträge für das Festivali i Këngës  verfasst hat, auch Albaniens ESC-Beitrag Zjarr e ftohtë für Luis Ejlli. Den Text von World hat Lindita selbst zusammen mit Big Basta geschrieben. Inhaltlich ist World ein klassischer Lasst-uns-alle-in-Frieden-leben-Song. Die Sängerin, die selbst ein Flüchtling während des Kosovo-Krieges war, ist müde und verängstigt, sie versteht Kriege nicht und fragt nach den Kosten eines Lebens in dieser Welt. Textauszug gefällig:

Does anybody care? I’m weak and I’m afraid
Wondering if I will make it through this day
For the life of me I refuse to be anything but free
But I’m tired of all the battling
Ohhh

What’s the fight all for?
What’s the cost of life in this world?
Almost impossible
Is to let the love unite us all

Albanien 2017 – Lindita: Botë (vor dem Revamp)

Albanien 2017 – Lindita: World (nach dem Revamp)

 

Die Präsentation

Müde und verängstigt, was der Text nahelegt, wird man Lindita sicher nicht erleben. Die  Sängerin ist ein Energiebündel. Im Festivali i Këngës gibt es ähnlich wie in Sanremo keine Choreographie, hier zählt allein die Live-Stimme und das Interagieren mit dem Live-Orchester. Bei ihrem ersten Auftritt dort in 2015 präsentierte Lindita allerdings ein recht laszives Outfit und die dazugehörigen Bewegungen.

Das würde zur Intention dieses Liedes eher weniger passen. Da müsste sie vielleicht eher als Überlebende der Apokalypse in einem Endzeit-Setting à la Georgien 2015 (Die Welt geht unter) auftreten. Auch Tänzer oder andere Elemente (Artisten) scheinen mir einfach nicht angebracht. Hier steht schließlich eine kleine große Diva, ein „Superstar in the making“ (so zumindest eine Aussage auf einem ihrer Social Media Accounts).

Also: Spot allein auf Lindita, das Outfit sollte zu ihr passen und eher Richtung natürlich-stilvoll-sexy (nicht billig!) gehen, aber nicht so künstlich-kalt-golden wie im letzten Jahr. Albanien muss alles auf eine Karte setzen – und darauf stehen die Live-Präsenz und die großartige Stimme von Lindita. Effektvolle eingesetzte Pyro-Explosionen insbesondere gegen Ende (der lange Ton ist ein Asset!) könnten einen Wow-Effekt hervorrufen.

Lindita startet etwas ungünstig in der ersten Hälfte des ersten Semifinals an Startposition 4 hinter Australien und vor Belgien und muss unbedingt in Erinnerung bleiben, insbesondere weil einige Konkurrenten (Georgien) im gleichen Teich fischen. Man sollte daher nicht Kleckern, sondern richtig Klotzen. Nach Wettquoten und Prognosen hat kaum jemand Albanien auf der Rechnung, daher hat sie nichts zu verlieren. Lass es krachen, Lindita!

 

Was PRINZ-Blogger darüber denken

BennyBenny: Eigentlich eine klassische Ballade, die durch die Instrumentierung gleichzeitig aber überhaupt nicht altbacken klingt. Könnte funktionieren, hat in diesem Semi aber starke Konkurrenz.

DJ Ohrmeister: Das ist mir wieder zu düster, und der Revamp und das Englisch hilft da auch nicht mehr. In meinen Augen ist es jedes Jahr dasselbe Trauerspiel beim FiK – so viele schöne Songs, und dann wählen sie immer so einen depressiven Murks.

DouzePoints: Manchmal frage ich mich, ob das das albanische Lied vom letzten Jahr ist. Oder dem davor. Berührt mich überhaupt nicht.

Matthias: Ich kriege meist Ausschlag bei Schrei-Elsen vom Balkan, die die Töne ständig langziehen. Auch hier. Dabei hat „World“ durchaus spannende Elemente, vor allem in der zweiten Hälfte – wenn nur Lindita nicht wäre.

OLiver: Einer der Titel, bei denen die Komposition extrem auf die Stimmkraft der Interpretin vertraut, die ganz herausragend ist. Was bei Georgien eher nervt, funktioniert hier bei mir. Der albanische Revamp ist zudem endlich einmal gelungen.

Jeder ESC-Titel wird im Songcheck von allen PRINZ-Bloggern nach ihrem persönlichen Gusto auf einer 11-stufigen Skala (12-10-8-7-6-5-4-3-2-1-0) bewertet, wobei 12 die höchste Wertung darstellt. Die Wertungen werden addiert. Unser persönliches subjektives Gesamtbild:

 

Die Prognose der PRINZ-Blogger

Hier geht es nicht um das persönliche Gefallen, sondern um eine Prognose. Albanien hat nach Einschätzung aller PRINZ-Blogger eine Qualifikationschance von 33 Prozent und landet damit nur auf Platz 17 in Semifinale 1. Hier geht es zur Prognose der PRINZ-Blogger für das erste Semifinale.

 

Was PrinzBlog-Leser darüber denken

Paule: Glaube, dass es sich um eine Wiedergutmach-Aktion für S’te fal handelt 😀 Der Song schlägt melodisch am Ende immer gefühlt die etwas falschen Haken. Aushaltbar aber aus Albanien eben schon tausendfach gehört.

Mona: Was hat der revamp gebracht?? Jetzt singt sie auf Englisch und versteht trotzdem kein Wort, weil sie nur am schreien ist 🙂 ich hasse Schreiballaden.

biobanane: Albanien gefällt mir sehr gut, weil der Refrain eben nicht typisch amerikanisch gestaltet ist, sondern eher zurückhaltend. Das Lied baut einen mächtigen Druck auf der dann in den langen Tönen endet. Und da ich schon mehrfach erklärt habe, was Schreien ist, denke ich wirklich, es haben hier einige einfach ein Problem mit Frauenstimmen. Wenn Männer emotional singen wird das als große Kunst (Kula) angehimmelt.

togravus: Auf meiner Liste hat Albanien einen Absturz erlebt. Was früher ziemlich nervtötend war, aber wenigstens halbwegs interessant klang, ist jetzt nur noch nervtötend: Viel Geschrei über einem belanglosen Klangteppich, der sich west-, zentral- und nordeuropäischen Hörgewohnheiten anbiedert. Ab in die Tonne!

Kontrapunkt: Das neue Arrangement ist eigentlich ganz cool, ich finde nur die Abmischung misslungen, weil das Arrangement im Vergleich zu Linditas Stimme zu laut ist und sie die ganze Zeit dagegen anschreien muss, was dazu führt, dass man oft gar nicht versteht, was sie da eigentlich singt (traurig, wo das Lied sowieso so wenig Text hat). Das kreide ich jetzt allerdings nicht dem Lied selbst an, in der Live-Version kann das dann wieder ganz anders sein. Ansonsten gibt’s da nichts zu meckern. Sie haben eigentlich alle Elemente beibehalten, die das „Original“ (im Sinne von 1. Veröffentlichung) gut gemacht haben. Dadurch bleibt Albanien sogar meine Nummer 1.

 

Social Media

Lindita ist bei facebook, besitzt einen youtube-Kanal und unterhält einen Account bei twitter. Auf Instagram hat Lindita mehr als 60.000 Abonnenten.

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Vorschau: Marc bespricht als nächstes den Skelett-Beitrag aus Aserbaidschan.