ESC-Songcheck (21): „Higher Ground“ von Rasmussen

Optisch spielen die Dänen beim Song Contest in diesem Jahr mit ihrer Wikinger-Vergangenheit, und auch inhaltlich ließ man sich von einer mittelalterlichen Saga inspirieren. Beim Vorentscheid genügte das schon, dass die Zuschauer dem bis dato in Dänemark noch weitgehend unbekannten Rasmussen und seinem „Higher Ground“ ihre Stimme gaben. Wie gut stehen die Chancen auf internationalem Parkett?

 

Der Interpret

Zunächst mal: Rasmussen ist der Nachname des Sängers, eigentlich heißt er Jonas Flodager Rasmussen. Jonas hat einen Uniabschluss in Musikwissenschaft und Dramaturgie – das könnte ihm bei seinem Engagement in Lissabon weiterhelfen. Der 32-Jährige stammt aus Viborg, das so ziemlich in der Mitte Dänemarks auf dem Festland liegt.

Vor seiner Teilnahme am Vorentscheid ist er ESC-technisch nicht in Erscheinung getreten. Er macht aber schon länger Musik, u.a. als Frontmann einer Coverband (Hair Metal Heröes…. Moment mal, Heroes…. ist das etwa ein Zeichen?). 2014 war er im Backgroundchor für die Rolling Stones beim berühmten Roskilde-Festival, außerdem spielte er in Musicals. Mit seiner Wikinger-Truppe gewann Jonas den Dansk Melodi Grand Prix 2018 am 10. Februar mit 50% der Stimmen, er galt schon im Vorfeld als Favorit (hier unser Live-Blog zum Nachlesen).

 

Der Song

„Higher Ground“ stammt aus schwedischer Feder: Hinter dem Lied stecken Niclas Arn und Karl Eurén. Karl schrieb zusammen mit seinem Bruder Gustav z.B. „Kom“ von Timoteij (Melodifestivalen 2010); Karl, Gustav und Niclas sind die Autoren von „En gång för alla“ (Melodifestivalen 2004); die drei stecken auch hinter „Värsta schlagern“ von Markoolio und Linda Bengtzing. Also ein durchaus erfahrenes und erfolgreiches Autorenteam.

Das Lied für Dänemark ist relativ schlicht aufgebaut und besteht hauptsächlich aus Refrain. Schon nach einer kurzen Strophe und einer Bridge kommt der Refrain, dann folgt eine zweite Vierzeilen-Strophe, danach wieder der Refrain, der mit neuem Text wiederholt wird. Nach einem kurzen Zwischenteil mit Trommeln und Chorgesang wird der Refrain mit einer Tonrückung wieder aufgenommen.

Inhaltlich soll „Higher Ground“, so heißt es, auf der Sage um Magnus Erlendsson beruhen. Der lebte im 12. Jahrhundert auf den damals von den Wikingern beherrschten Orknay-Inseln und wurde im Zuge einer Fehde, bei der er sich zu kämpfen weigerte, hingerichtet. Magnus wurde Ende des 19. Jahrhunderts vom Papst heiliggesprochen. Passend zum Thema sieht Rasmussen mit seinen langen zotteligen Haaren und dem Vollbart aus wie die Reinkarnation von Magnus dem Heiligen.

Allerdings wird Magnus im Text nicht erwähnt, und dieser bleibt überhaupt vage. Der Refrain etwa besteht nur aus Aufforderungen („Freeze the arrow in the air“, „Make your mark and leave it hanging there“) an eine Person, von der man nicht weiß, wer sie sein soll. Offenbar geht es aber um die Besiedlung eines unbekannten Landes, nachdem man weit übers Meer gefahren ist – das allerdings hätte meines Wissens wenig mit der Magnus-Saga zu tun.

Dänemark 2018: Rasmussen – Higher Ground

 

Die Präsentation

Zusammen mit seinen düsteren Gesellen erzeugte Jonas Rasmussen beim Vorentscheid in Aalborg eine mystische Stimmung, ganz passend zu Lied und Text. Benny beschrieb im Live-Blog das Lied ja als „eine Mischung aus Game of Thrones und Emmelie de Forest“. Und ein bisschen was von GoT hat die Magnus-Saga ja auch.

Nicht allen gefiel diese eher blau-dunkle Inszenierung mit den wenig ausgeleuchteten Background-Leuten. Ich fand es aber durchaus stimmig. Und nachdem ich Jonas in London gesehen habe, muss ich sagen: Besser auch in Lissabon an der Beleuchtung sparen. Denn im hellen Licht sieht Jonas trotz Zottelbart und langen Haaren halt überhaupt nicht furchterregend aus, und diese Kreuzung aus Wikinger, Fluch der Karibik und GoT wäre dann komplett flöten.

Da es in Lissabon ja keine kunstvollen Backdrops gibt wie in den vergangenen Jahren, bleibt den Dänen nur, entweder die symbolisierten weißen Segel vom Vorentscheid mit nach Portugal zu nehmen oder die im Lied angedeutete Überfahrt gar nicht auf die Bühne zu bringen. Bei richtigen LED Walls hätte man ja durchaus ein großes Wikingerschiff, auf Nebeln aufsteigend, hinter Rasmussen und Co. platzieren können. Für ein echtes dürfte die erlaubte Umbauzeit auf der Bühne zu kurz sein. Dann doch besser die Segel recyceln.

Kurzum: Ich würde an der Düster-Performance, die den Song dramatischer macht als er eigentlich ist, nichts groß ändern. Pyrotechnik erscheint mir bei dem Lied eher unpassend. Wabender Bodennebel und eine ordentliche Windmaschine reichen – und nicht allzu viele Close-Ups. Man muss Rasmussen nicht aus nächster Nähe sehen. Zum Song passt, dass der Sänger auch irgendwie geheimnisvoll bleibt. Allerdings: Die Schritt-/Marschbewegungen sollten die Jungs noch etwas üben, oder notfalls auf sie weitgehend verzichten. Sonst bekommt das Ganze bei dem fahlen Licht schnell etwas von „Walking Dead“ – und mit Zombies will man Jonas und seine wilden Kerle ja nicht assoziieren.

 

Was PRINZ-Blogger darüber denken

BennyBenny: Gefiel mir beim dänischen Vorentscheid nicht so richtig, weil ich die Bühne viel zu dunkel und die zerfetzen Segel billig fand. Ich muss das Gesicht eines Künstlers sehen, damit der Song transportiert wird. „Higher Ground“ selbst ist mit der Zeit aber in meiner Gunst gestiegen und ich hoffe, dass die Dänen den Song gut auf die Bühne bringen – dann könnte uns das Ergebnis sogar überraschen.

Jan: Klingt wie eine Soft-Version eines Hits von Santiano. Und da aus Schweden kommend, schwebte den Komponisten sicher jemand wie Roger Pontare als Interpret vor. Rasmussen macht das aber gut. Die Stimme wirkt im Refrain zwar etwas dünn und angestrengt und passt irgendwie so gar nicht zu diesem vollbärtigen Wikinger. Der Song ist aber sehr eingängig und sollte weiterkommen.

Matthias: „Higher Ground“ lebt von der düsteren Wikinger-meets-Game-of-Thrones-Inszenierung. Hört man nur den Song, bleibt lediglich ein mittelmäßiges Poplied mit einem unspektakulären Refrain. Die Trommeln gefallen mir. Insgesamt ist das Lied aber zu harmlos, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Salman: Der Wikinger am Start für Dänemark – wie klischeehaft! Mein Fall ist der Song nicht unbedingt, aber er wird mit Sicherheit seine Liebhaber finden. Finale sicher!

Jeder ESC-Titel wird im Songcheck von allen PRINZ-Bloggern nach ihrem persönlichen Gusto auf einer 11-stufigen Skala (12-10-8-7-6-5-4-3-2-1-0) bewertet, wobei 12 die höchste Wertung darstellt. Die Wertungen werden addiert. Unser persönliches subjektives Gesamtbild:

Die gelbe Markierung zeigt an, dass dieser Beitrag der Favorit des Bloggers unter allen Beiträgen ist.

 

Die Prognose der PRINZ-Blogger

Hier geht es nicht um das persönliche Gefallen, sondern um eine Prognose. Dänemark hat nach Einschätzung aller PRINZ-Blogger eine Qualifikationschance von 70 Prozent und landet damit auf Platz 6 in Semifinale 2. Hier geht es zur Prognose der PRINZ-Blogger für das zweite Semifinale.

 

Social Media

Jonas postet auf Instagram fleißig Fotos (etwa auch von sich und Benjamin Ingrosso vor der berühmten Londoner Goldtapete). Auf Facebook ist er auch zu finden.


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Vorschau: Als nächstes ist der moldawische Beitrag an der Reihe – Douze Points widmet sich morgen der Frage, ob für die DoReDos im Mai der „Lucky Day“ kommt.

 

Bereits erschienen:

Semifinale 1
(1) Albanien: „Mall“ von Eugent Bushpepa
(2) Aserbaidschan: „X My Heart“ von Aisel
(3) Belgien: „A Matter Of Time“ von Sennek
(4) Bulgarien: „Bones“ von Equinox
(5) Estland: „La Forza“ von Elina Nechayeva
(6) Island: „Our Choice“ von Ari Ólafsson
(7) Israel: „Toy“ von Netta Barzilai
(8) Litauen: „When we’re old“ von Ieva Zasimauskaitė
(9) Tschechien: „Lie to Me“ von Mikolas Josef
(10) Weißrussland: „Forever“ von Alekseev
(11) Armenien: Qami von Sevak Khanagyan
(12) Finnland: „Monsters“ von Saara Aalto
(13) Griechenland: „Oneiro Mou“ von Yianna Terzi
(14) Irland: „Together“ von Ryan O’Shaughnessy
(15) Kroatien: „Crazy“ von Franka
(16) Mazedonien: „Lost and found“ von Eye Cue
(17) Österreich: „Nobody but you“ von Cesár Sampson
(18) Schweiz: „Stones“ von ZiBBZ
(19) Zypern: „Fuego“ von Eleni Foureira

Semifinale 2
(20) Australien: „We Got Love“ von Jessica Mauboy