ESC-Songcheck (23): „Help you fly“ von Ivan

Ivan

Der heutige Song gehörte wie üblich mit Weißrussland zu den ersten feststehenden Beiträgen der ESC-Saison. Der 21jährige Interpret heißt bürgerlich Aljaxandr Ivanov und lag von Anfang an nicht weit oben in der Gunst der ESC Community. Vor kurzem kündigte er für seine Stockholmer Performance bisher Nicht-Dagewesenes an, doch auch das konnte die Gemüter bisher nicht über Gebühr begeistern. Was scheint so schwierig zu sein an Ivan und seinem „Help you fly“?

Ivan macht schon seit 7 Jahren Musik in seiner eigenen Band Ivanov und zog für die musikalische Leidenschaft bereits als Teenager ins benachbarte Russland nach St. Petersburg. Er hat einiges an Wettbewerbserfahrung dort sammeln können, was ihm zuletzt auch Tür und Tor öffnete für die Zusammenarbeit mit seinem aktuellen Produzenten-Team. Auf eurovision.tv wird er zitiert mit der Aussage „I dreamed of becoming a guitarist but failed“ – und so versucht er es mit dem Singen. Sein erstes Solo-Album steht 2016 an. Hört man in einige der Songs rein, so geht es um unauffälligen, gleichwohl ganz angenehmen Gitarren-Pop, der mich stellenweise an James Morrison erinnert hat. Klingt eigentlich nicht so verkehrt, oder?

Ivan

 

Der Song

Der Song „Help you fly“, mit dem er den Vorentscheid in Minsk gewann (hier der Liveblog dazu) ist im Vergleich eher rockig. Ganz unvoreingenommen betrachtet finde ich ihn sehr eingängig und gar nicht mal schlecht gesungen – sein Englisch in Interviews ist da weniger gut verständlich -, auch wenn die Kollegen von Wiwibloggs Ivan schon als „a poor man’s Nickelback“ bezeichnet haben.

Komponist Victor Drobysh sowie die Texter Alexander Ivanov, Timofei Leontiev und Mary Susane Applegate zeichnen verantwortlich für einen Beitrag, der die Freiheit beschwört und dabei Mut machen soll – ein nicht grade ungewöhnliches Sujet für einen ESC-Song. Bei einem Interview mit ESC+Plus sagte Ivan erst kürzlich: „My song is about freedom and hope. In this song, I aim to inspire and help people who feel despair and who have lost their true selves. Overall, my song has a positive message for people which drives them to a bearing sense, but which is so pleasant for the listening at the same time. It is a very interesting song, rock with a little bit of ethnic tune“.

Team Ivan beim Postkartendreh

Mit dem ethnischen Element meint er wohl das eingeflochtene Wolfsheulen und die Gitarrenpassagen, die tatsächlich ein wenig klingen, als wären sie von einer irischen oder schottischen Band eingespielt worden. Der Aufbau ist denkbar simpel und verlangt vom Zuschauer nichts ab – Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, Überleitung zum letzten Refrain, und nach dem ist dann auch Schluss. Mit ebenso simplen Tricks wird der Text akustisch untermalt – eine leicht düstere Stimmung in den Strophen der Verlorenheit und des Schmerzes, eine sich öffnende Melodie bei der Aufforderung sich zu befreien, und eine ansteigende Tonfolge zum gedanklichen Flug in die Freiheit.

Mit den Worten des Künstlers gesagt:

„…I know that you’ve been the hunted
I want to free you…again

It’s time you released yourself
Before you can let go

I will help you learn how to fly, how to fly-y
Free, leave all the madness behind, far behind…“

Ja, die Message kommt direkt an. Weshalb der Song so miserabel abschneidet in den Polls, ist mir nicht klar. Vermutlich schreckt einige Voter unterbewusst der etwas farblose Teint und die zauselige Langhaarfrise ab. Was, wenn der Song von einem Måns-Klon aus Norwegen oder Island performt würde?

 

Die Präsentation

Doch der Paukenschlag beim weißrussischen Act hat eher was mit der Darbietung an sich zu tun. Bereits im Video des Liveauftritts werden animierte Wölfe und riesenhafte Adlerschwingen auf der Videowall gezeigt. Leider wirkt das dort sehr kalt und leblos und eher abstoßend. In jedem Fall müsste das wesentlich lebendiger, wärmer, zugänglicher gestaltet werden.

Kurz vor Ostern wurde in den Medien berichtet, Ivan beabsichtige, nackt mit lebendigen Wölfen auf der Bühne aufzutreten, was natürlich gegen die Regeln des ESC wäre.

Ivan mit Wölfen Ivan mit Wölfen Ivan mit Wölfen
„Wir haben keinen Plan B. Sollte unsere Idee nicht akzeptiert werden, würde das Publikum einen großen Auftritt verpassen“, heißt es von Ivan hierzu. Zwei Dinge sollen wohl mit diesem originellen Vorschlag verdeutlicht werden: Ivans Naturverbundenheit und die Tatsache, dass etwas Wildes auch durchaus zähmbar ist.

Anfang April wurde in Minsk die Postkarte gedreht. Darin spaziert Ivan mit einem echten Wolf durch den Wald. Weiße aufgemalte Streifen auf seinem Gesicht zollen den Vorfahren und ihren Ritualen Tribut und sollten nicht mit Kampfbemalung verwechselt werden.

Ivan
Doch was davon kann er tatsächlich mit auf die Bühne bringen? Die Anfrage zu den echten Tieren ist Stand heute offiziell noch offen… obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass die EBU darauf eingehen würde. Weshalb auch? Sie müssten dann vermutlich auch festlegen, wieviele. Zählt ein Wolf wie ein Mensch? Also maximal fünf Wölfe und er? Und wenn später mal andere Tiere angefragt würden? Ist ein Wolf = zwei Schafe? Und ein Wolf im Schafspelz? Fragen über Fragen…

Ivan hat bisher Folgendes verlauten lassen: Es wird eine mystische Atmosphäre geben und ein unerwarteter Akteur wird sich zu ihm auf die Bühne gesellen. Wir dürfen gespannt sein.

 

Was PRINZ-Blogger darüber denken

Jan: Warum um Himmels Willen sollten Wölfe fliegen? Egal – der Song lässt mich ohnehin ziemlich kalt. Zwar ist der Refrain ziemlich dynamisch, auch hier fehlt ein Höhepunkt im Song. Und für Ivan gibt es optische Minuspunkte – insgesamt 3/10

Marc: „Help you fly“ ist für mich durchaus hörbarer Pop-Rock. Bauchschmerzen bereitet mir die Inszenierung – inbesondere ein nackter Ivan oder Wölfe klingen für mich eher furchterregend. 5/10

Matthias: Mich nervt der lächerliche Promo-Versuch, sich mit der Idee, nackt mit Wolf aufzutreten, im Gespräch zu halten. Das wirkt auf eine gewisse Art verzweifelt – glaubt das weißrussische Team nicht an seinen Song? Den finde ich nämlich gar nicht so schlecht. Statt am Wildtier sollte man eher an der Optik des Künstlers arbeiten. „Help You Fly“ ist ein Kandidat für einen knappen Finaleinzug. 5/10

OLiver: Ivan hat in Minsk den Vorentscheid zurecht gewonnen, ein solider sicher gesungener Beitrag, aber ich zweifle daran, dass diese überdrehten Ideen als Mogli aus den weißrussischen Wäldern für die Präsentation dem Lied einen Gefallen tun. 6/10

Peter: Ivan ist ein cooler Typ mit toller Stimme. Aber der Titel ist für ihn zu brav und zu beliebig. Weil ich Ivan mag, habe ich mir (auch) das schöngehört, aber alles in allem ist das nur B-Ware – leider, leider. Und beim Absenderland tue ich mich schwerer mit Gefälligkeitspunkten. 5/10

Jeder ESC-Titel wird im Songcheck von 5 Prinz-Bloggern nach ihrem persönlichen Gusto bewertet. Im Durchschnitt erhält Weißrussland hier einen Wert von 4,8/10 Punkten. Dies ist im zweiten Semifinale Rang 5 im Blogger-Wunschranking.
Zwischenstand: 1. Lettland 7,2, 2. Israel 6,0, 3. Polen 5,8, 4. Schweiz 5,0, 5. Weißrussland 4,8

In der Blogger-Prognose belegt Weißrussland mit einer Qualifikations-Wahrscheinlichkeit von 24,5 Prozent den vorletzten Rang 18.

 

Was PrinzBlog-Leser darüber denken

Geschi: Steffi Graf ist wohl langweilig geworden in Las Vegas, wusste nicht, dass sie singen kann … Ganz gut der Song

Kontrapunkt: Für ein Lied dieser Art ist es gar nicht schlecht, hat was. Seine Stimme finde ich aber gewöhnungsbedürftig und sein Look ist unfreiwillig komisch. Einerseits so ne Rockermähne, aber ein Bubi-Gesicht. Ob das beim ESC was reißen kann, muss man mal abwarten. Grundsätzlich hat es so eine Art von Musik ja eher schwer und bleibt meistens im Halbfinale hängen. Das ist allerdings auch besser als das, was wir sonst aus der Stilrichtung angeboten kriegen. Ist auf jeden Fall besser als Belgien und Irland.

Festivalknüller: Nicht der Kitsch sondern miefiger Ostblock-Rock gewinnt. Wird wohl im Semi hängenbleiben.

DerMoment1608: Gefällt mir auch erstaunlich gut. Sehr eingängiger Refrain und es hat so einen versteckten Camp-Rock-Charme, der nur darauf wartet ausgegraben zu werden. Eine gute Inszenierung und andere Klamotten, vielleicht noch ein kleiner Revamp, und das könnte gut ziemlich gut rüberkommen.

roxy: gesangstechnisch eine zumutung. und der song ist auch schwach.

Ivan mit Wolf


Social Media

Ivan hat eine Website, wo man auch ein paar andere Songs hören kann (und eine russische Site extra), daneben eine Fanpage bei facebook (und ein öffentliches Profil) sowie Accounts bei Instagram und Twitter. Bald also nackte Tatsachen und Wölfe auf allen Kanälen?

 

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Vorschau: Morgen früh kümmert sich Jan um Serbien und das stimmgewaltig vorgetragene „Goodbye“.

 

Bereits erschienen – erstes Semifinale:

(1) Armenien: „LoveWave“ von Iveta Mukuchyan
(2) Finnland: „Sing it away“ von Sandhja
(3) Griechenland: „Utopian Land“ von Argo
(4) Kroatien: „Lighthouse“ von Nina Kraljić
(5) Moldawien: „Falling Stars“ von Lidia Isac
(6) Niederlande: „Slow down“ von Douwe Bob
(7) Russland: „You are the only one“ von Sergej Lazarev
(8) San Marino: „I didn’t know“ von Serhat
(9) Ungarn: „Pioneer“ von Freddie
(10) Aserbaidschan: „Miracle“ von Samra
(11) Bosnien-Herzegowina: “Ljubav je” von Deen & Dalal feat. Ana Rucner & Jala
(12) Estland: “Play” von Jüri Pootsmann
(13) Island: “Hear them calling” von Greta Salóme
(14) Malta: “Walk on Water” von Ira Losco
(15) Montenegro: „Highway“ von The Real Thing
(16) Österreich: „Loin d’ici“ von ZOË
(17) Tschechien: „I Stand“ von Gabriela Gunčíková
(18) Zypern: „Alter ego“ von Minus One

Bereits erschienen – zweites Semifinale:

(19) Lettland: „Heartbeat“ von Justs
(20) Polen: „Color of your life“ von Michał Szpak
(21) Schweiz: „The last of our kind“ von Rykka
(22) Israel: „Made of stars“ von Hovi Star