ESC-Songcheck (24): „Goodbye (Shelter)“ von Sanja Vučić ZAA

Sanja Vucic ZAA Serbien 2016

Heute geht es zunächst einmal wieder auf den Balkan. Der bisher erfolgreichste post-jugoslawische Staat beim Eurovision Song Contest ist Serbien. Und auch in diesem Jahr kann man dort durchaus mit einem guten Resultat liebäugeln. Der Grund dafür liegt in einer kongenialen Verbindung zwischen Song und Interpretin.

Singen wird in Stockholm für Serbien die erst 22-jährige Sanja Vučić ZAA. Sanja kommt aus dem kleinen Städtchen Kruševac und ist in ihrer Heimat eigentlich gar nicht besonders bekannt. Umso überraschender, dass das serbische TV sie direkt für Stockholm nominiert hat.

Seit frühester Kindheit lässt Sanja ihre Stimme schulen und weiter entwickeln. Durch ihre Eltern kam sie zur Musik und wollte eigentlich auch nie etwas anderes machen. Seit ein paar Jahren fungiert Sanja als Leadsängerin der Band ZAA, die allerdings eher im alternativen Reggae-Milieu anzusiedeln ist denn in der mainstreamigen Popszene.

Für den bereits fertigen Song „Goodbye“ musste das serbische Fernsehen eine passende Sängerin finden und da fiel die Wahl – im Nachhinein eigentlich kaum überraschend – auf die fast unbekannte Sanja. Denn ihre Stimme verfügt über etwas, das für diesen Song und seine Botschaft einfach unerlässlich ist – Unverwechselbarkeit sowie Kraft und Nachdruck.

 

Der Song

Komponiert wurde der Song von Ivana Peters, selbst eine sehr populäre Sängerin in ihrer Heimat. Sie war wohl eigentlich auch die Favoritin des serbischen Fernsehens für die Direktnominierung. Selbst singen wollte sie zwar nicht, aber einen Song zu schreiben – dagegen hatte sie gar nichts einzuwenden. Und so entstand „Goodbye“,  ein melodramatisches Werk zum Thema „Missbrauch von Frauen“.

Aus der Sicht einer Betroffenen wird der ständige Kampf zwischen der Ausweglosigkeit und der Hoffnung beschrieben, dass man sich endlich aus der gewaltsamen Beziehung befreien kann. Nie will es gelingen – aber den Kampf, es eines Tages doch zu schaffen, will man auch nicht aufgeben. Schwere Kost natürlich für so einen Anlass wie den ESC. Andererseits bietet eine solche Thematik auch viele besondere Möglichkeiten auf unterschiedlichen Ebenen.

Serbien 2016 Vucic ZAA Sanja

Musikalisch lässt sich der Song in drei Teile aufsplitten. Der erste Teil verläuft in Strophe und Refrain eher ruhig mit reiner Klavierbegleitung. Das Ganze wiederholt sich in Teil 2 – nach ein paar unvermeidlichen serbischen Flötentönen – mit unterlegtem Beat. Es folgt eine Bridge, an deren Ende ein fast befreiender Schrei aus der Kehle der Sängerin zu vernehmen ist, bevor dann nach einem amtlichen Key-Change noch einmal der Refrain erklingt und Sanja wirklich alles zeigen kann, was sie gesanglich so drauf hat. Der erste Teil dokumentiert die Ausweglosigkeit, in Teil 2 entwickelt sich der innere Kampf, der sich dann in Teil 3 geradezu kraftvoll und trotzig Bahn bricht.

 

Die Präsentation

Sanja muss im zweiten Stockholmer Halbfinale als Sechste auf die Bühne. Das ist sicher weder ein Vorteil noch ein Nachteil. Mit ihrem Song hat sie musikalisch, stilistisch, inhaltlich und vermutlich auch in der Art der Präsentation ohnehin ein absolutes Alleinstellungsmerkmal und würde an jeder Position auffallen.

Viele Fans bemängeln ja, dass Sanja im Preview-Video herumzappelt und mit ihrem Körper unorthodoxe Bewegungen vollführt. Diese Attitüde sollte sie sich meines Erachtens aber unbedingt für Stockholm bewahren. Natürlich wird das nicht jedem gefallen, aber es hat in meinen Augen etwas absolut Authentisches. Wenn auf diese Weise die Emotionen aus ihr herauskommen, dann ist das eben so.

Es eignet sich eben auch nicht Jede zur singenden „Eiskunstläuferin“. Was wir eigentlich alle doch noch mehr lieben (sollten) als die Perfektion sind die Ecken und Kanten. Austauschbares gibt es beim ESC ansonsten nun wirklich schon genug, würde ich sagen.

Vucic Serbien ZAA Sanja  2016

Bei der Präsentation auf der Stockholmer Bühne muss sie vielleicht nicht ganz so „aufgedonnert“ antreten wie im Video. Ihre Körpersprache und Bühnenpräsenz sind so beeindruckend, dass eine ausufernde Nutzung diverser Kosmetikprodukte nicht im Mittelpunkt stehen sollte.

Der Chor sollte dezent im Hintergrund bleiben, der Fokus muss eigentlich zu 99% auf Sanja liegen (in dem Interview mit uns sprach sie davon, dass sie alleine auf der Bühne zu sehen sein wird). Mit geschicktem Kameraeinsatz kann sichergestellt werden, dass nicht nur mit Hilfe ihrer stimmlichen sondern auch ihrer mimischen Kapazitäten der Kampf der gepeinigten, flehenden und dennoch aufrechten Frau über den Bildschirm an den Mann gebracht werden kann.

Auf jegliche Gimmicks wird hoffentlich verzichtet – seien es nun  Props, Pyros oder ganze Spielfilme auf der LED-Wand – alles unnötig, dieser Song braucht keinerlei Ablenkung!

 

Was PRINZ-Blogger darüber denken

Armen: Das ist der Hammer! Große Stimme und coole Ballade. Hoffentlich ändert sie jedoch ihr Erscheinungsbild ein wenig, sie erinnert zu sehr an eine Amy Winehouse für Arme. 7/10

BennyBenny: Solche Songs gibt es heute wirklich nur noch beim ESC. Mit gefällt’s, aber ich glaube nicht, dass es für eine vordere Platzierung reicht. 7/10

Douze Points: Wären da nicht die obligatorischen traditionellen Flöten wäre das der perfekte Nachfolge-Hit von Ann Sophie. Schön gesungen, aber irgendwie egal. 4/10

Matthias: Optisch eine Art Amy Winehouse Serbiens… nur singt Sanja Vučić hier nichts, was Amy gesungen hätte – der Refrain ist sogar recht schlagerharmonisch-banal. Da hilft dann auch das Geflöte nicht viel weiter. Sanjas übertriebene Mimik und Gestik irritiert zusätzlich. Dass das Lied bei den Buchmachern in den Top10 gehandelt wird, kann ich nicht recht nachvollziehen. Kein Lied, das ich nach Mitte Mai noch häufig hören werde. 3/10

OLiver: Großartig eigenständiges Konzept fern vom schwedischen ESC-Einheitsbrei. Extrem talentierte junge und stimmgewaltige Sängerin mit klassischem ESC-Dramensong und toller Präsenz. Genau meine Kragenweite. Meine Favoritin. 10/10

Jeder ESC-Titel wird im Songcheck von 5 Prinz-Bloggern nach ihrem persönlichen Gusto bewertet. Im Durchschnitt erhält Serbien hier einen Wert von 6,2/10 Punkten. Dies ist vorerst im zweiten Semifinale Rang 2 im Blogger-Wunschranking.
Zwischenstand: 1. Lettland 7,2, 2. Serbien 6,2, 3. Israel 6,0, 4. Polen 5,8, 5. Schweiz 5,0, 6. Weißrussland 4,8.

In der Blogger-Prognose belegt Serbien mit einer Qualifikations-Wahrscheinlichkeit von 74,5 Prozent Rang 4.

 

Was PrinzBlog-Leser darüber denken

osg93: Wow, das ist richtig gut. Ein bisschen generisch vielleicht, aber eingängig, toll gesungen, und das Orchester bringt etwas Power rein. Interessant wäre hier, zu hören, wie später die Studioversion klingt; hoffentlich ähnlich. Irgendwie strahlt hier alles Professionalität aus, und das ist in diesem Jahrgang schon viel wert.

CRMBLWSM: Sowas hat man zwar schon öfter gehört, aber ich finde die Interpretin sympathisch und mag ihren Stil und ihre Art.

Wenzel: Das Format kaufe ich ihr aber nicht ab. Der Präsentierteller wirkt auf mich mit Charisma, Ausdruckskraft und divenhaftem Geziere unglaubwürdig-überladen – und deswegen unauthentisch-aufgesetzt. Beim Stimmenfang wäre das ein Kardinalfehler, es sei denn, das wird als unbedingter Teil der zu erzählenden Geschichte und “part of the show” wahrgenommen. Den Song sollte man nicht separieren und subjektiv Siegchancen einräumen, verkauft wird immer ein Gesamtpaket. Dank der mäßigen Konkurrenz ist er durchaus Top10 würdig, dank Art der Interpretation in jedem Fall eine Bereicherung.

eurohawk: Gratulation für die Entscheidung die Nummer auf englisch zu singen. Der Titel verliert dadurch seine Beliebigkeit. Gestik und Mimik muß sie in der Tat beibehalten. Man sollte auffallen (wie auch immer) um zu gewinnen. Ansonsten gibt es doch viel “schlechteres” in diesem Jahr zu finden. Also top! 🙂

Jorge: Im Intro gab es kurz diesen Amy Winehouse Moment, da dachte ich – super interessant. Und dann kommt er wieder, der dramatische Streichereinsatz, der Orchesterteppich, diese Sigmund-Freud-Explosion des weiblichen “Es”. Das ist irgendwo zwischen James Bond, Chr. Aguilera und der Optik einer Kartenlegerin. Ich mag es nicht ganz abschreiben, da sind ja noch einige spannende Elemente drin, aber das Lied hat einen extremen Klirrfaktor und sie stirbt am Ende den plötzlichen Tod durch Eigenstrangulation. 

 

Social Media

Sanja ist unterwegs auf Instagram und auf Facebook. Auch twittern gehört offenbar zu ihren Hobbies. Songs von Sanja mit ihrer Gruppe ZAA findet man auf einem eigenen Youtube-Kanal.

 

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Vorschau: Heute Nachmittag wird sich DJ Ohrmeister mit Ex-Westlife-Boybander Nicky Byrne und seinem Song für Rekordsieger Irland befassen.

 

Bereits erschienen – erstes Semifinale:

(1) Armenien: „LoveWave“ von Iveta Mukuchyan
(2) Finnland: „Sing it away“ von Sandhja
(3) Griechenland: „Utopian Land“ von Argo
(4) Kroatien: „Lighthouse“ von Nina Kraljić
(5) Moldawien: „Falling Stars“ von Lidia Isac
(6) Niederlande: „Slow down“ von Douwe Bob
(7) Russland: „You are the only one“ von Sergej Lazarev
(8) San Marino: „I didn’t know“ von Serhat
(9) Ungarn: „Pioneer“ von Freddie
(10) Aserbaidschan: „Miracle“ von Samra
(11) Bosnien-Herzegowina: “Ljubav je” von Deen & Dalal feat. Ana Rucner & Jala
(12) Estland: “Play” von Jüri Pootsmann
(13) Island: “Hear them calling” von Greta Salóme
(14) Malta: “Walk on Water” von Ira Losco
(15) Montenegro: „Highway“ von The Real Thing
(16) Österreich: „Loin d’ici“ von ZOË
(17) Tschechien: „I Stand“ von Gabriela Gunčíková
(18) Zypern: „Alter ego“ von Minus One

Bereits erschienen – zweites Semifinale:

(19) Lettland: „Heartbeat“ von Justs
(20) Polen: „Color of your life“ von Michał Szpak
(21) Schweiz: „The last of our kind“ von Rykka
(22) Israel: „Made of stars“ von Hovi Star
(23) Weißrussland: „Help you fly“ von Ivan