ESC-Songcheck (26): „I won’t break“ von Julia Samoylova

Über kaum einen der diesjährigen ESC-Künstler ist auf dem Blog ähnlich viel geschrieben worden, wie über die Russin Julia Samoylova (vielleicht mit Ausnahme von Alexander Rybak und Michael Schulte). Beim zweiten Anlauf darf sie nun also wirklich ran und für ihr Heimatland singen. Wie im Vorjahr sind die Stimmen zum Beitrag verhalten, was sicher nicht nur mit dem Lied und der Künstlerin zu tun hat.

Die Interpretin

Die zwischenzeitlich 29-jährige Julia Samoylova (auf dem Foto unten mit ihrem Lebenspartner Alexei Taran) haben wir bereits beim Songcheck im letzten Jahr vorgestellt. Kurz darauf wurde bekanntgegeben, dass keine Lösung gefunden werden konnte, mit der die Sängerin am ESC in Kiew hätte teilnehmen können. Vom russischen Fernsehen wurde ihr damals jedoch signalisiert, dafür 2018 für Russland beim Wettstreit singen zu dürfen. So kam es dann auch. Ende Januar 2018 wurde sie als offizielle Vertreterin benannt, Mitte März dann ihr Beitrag „I won’t break“ veröffentlicht.

Julia Samoylova ist in der (westeuropäisch-dominierten) ESC-Bubble nicht unumstritten. Das hat zum einem grundsätzlich mit ihrem Herkunftsland Russland zu tun, das weltpolitisch seit geraumer Zeit nicht besonders gut gelitten ist. Dazu kommen die ESC-Vorkommnisse des letzten Jahres: zu abgekartet sah es aus, dass ausgerechnet in jenem Jahr eine körperlich stark eingeschränkte Künstlerin Russland in der Ukraine vertreten sollte, während beide Länder in militärische Auseinandersetzungen verwickelt sind. Außerdem war bereits bei Julias Nominierung absehbar, dass die Ukraine die Künstlerin wegen eines früheren Auftritts auf der Krim wohl nicht ins Land lassen würde. Der Ukraine konnte man so hervorragend den Schwarzen Peter für den gescheiterten ESC-Auftritt Russland zuschieben.

Hätte man die Künstlerin ob der Ereignisse in Schutz nehmen können, verhielt sie sich im Nachgang wie ein diplomatischer Tölpel und reiste erneut über Russland auf die Krim und trat dort während der ESC-Zeit auf. Mit dieser Aktion verlor sie weitere Sympathien bei den Fans für sich. Womöglich auch im Bewusstsein dieser ausgesprochen negativen Vorschusslorbeeren nahm Samoylova zwar am Pre-ESC-Event in Moskau teil, nicht aber in London, Israel oder Amsterdam.

Der Song

„I Won’t Break“ ist eine recht modern instrumentierte, ruhige, zum Teil kraftvolle Pop-Ballade, die Hoffnung und Mut vermitteln soll. Der Einstieg in die erste Strophe erfolgt zurückhaltend. Die Überleitung zum ersten Refrain ist schon etwas stärker instrumentiert. Der Hauptrefrain besteht aus der Wiederholung der Zeile „I won’t break“, wobei das „break“ unnatürlich in die Länge gezogen wird. Der zweite Teile des Refrains umfasst vier normal gesungene Zeilen, die sich um Oceans, Motions und Emotions drehen.

Russland 2018: Julia Samoylova – I Won’t Break (offizielles Video)

Nach dem zweiten Refrain schließt sich eine Brücke an, in der die Künstlerin immer wieder darauf hinweist, dass sie auch der größten Dunkelheit trotzen wird. Dort hinein wird dann noch mal ein „I won’t break“ geworfen, bevor das Lied endet.

Inhaltlich geht es in dem Song also um die Zuversicht, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und auch bei den größten Herausforderungen nicht aufzugeben. Geschrieben ist es von Netta Nimrodi, Leonid Gutkin und Arie Burshtein, die auch hinter dem disqualifizierten Vorjahresbeitrag “Flame is Burning” standen.

Die Präsentation

Aufgrund der gesundheitlichen Situation der Sängerin wird die Performance sehr statisch und auf sie ausgerichtet sein. Typischerweise sitzt Julia Samoylova bei ihren Auftritten in einem Rollstuhl, der von einem ausufernden Kleid weitgehend umhüllt wird. Bewegungen des Stuhls und auch der Künstlerin selbst scheinen ausgeschlossen.

Gleichzeitig bietet eine so reduzierte Präsentation den Zuschauern die Möglichkeit, sich mit der Künstlerin auseinanderzusetzen, sie kennenzulernen und sich in das hineinzuversetzen, was sie singt. Dies erfordert einen intimen Rahmen, der aber nachhaltig wirken kann.

Es ist davon auszugehen, dass Julia von mehreren Backgroundsängerinnen und -sängern unterstützt werden wird. Das sollte helfen, ihre gesangliche Schwächen zu übertünchen. Im Gespräch dafür war angeblich auch Polina Gagarina, die 2015 für Russland beim ESC antrat (Foto unten mit Julia Samoylova).

 

Was PRINZ-Blogger darüber denken

DJ Ohrmeister: Was für ein nervig-klebriger Soundfilm, ich halte keine 30 Sekunden durch. Und dann immer diese auf unschuldig gemünzten Selbstinszenierungen mit Texten wie „I won’t break“ oder „What if“. Wenn diese Songs zumindest vom russischen TV-Publikum in Vorentscheiden ausgewählt würden, stattdessen wird das Video von Julia gerade von russischen Usern auf YouTube runtergemacht. Sollten lieber wieder eine Babushka schicken, die von Frühlingsblumen oder Haferkeksen singt.

Douze Points: Julias zweiter Anlauf ist weniger schlimm als er von vielen Fans gemacht wird. Wäre ein anderes Land der Absender und die Sängerin eine andere, wären die Wertungen vermutlich weniger vernichtend. Pop-Ballade, die anständig produziert ist, mich aber trotz allem nicht erreicht.

Marc: Als Audio und Video erreicht mich „I won’t break“ leider überhaupt nicht. Das ist Radiopop von der sehr belanglosen Sorte. Wenn Russland da nicht mit einer herausragenden Inszenierung aufwartet, könnte es die schwächste russische Platzierung der vergangenen Jahre werden.

Peter: Naja, was soll ich dazu sagen? Boooooring. Ich finde ja gut, dass Julia Samoylova jetzt noch mal eine Chance bekommt, aber dieser Track rockt auf keiner Ebene. Was für ein Abstieg, nachdem Polina Gagarina in 2015 für Russland noch den – aus meiner Sicht – besten Song des gesamten Wettbewerbs abgeliefert hat. Hier stört mich auch, wie synthetisch photoshopped Julia im Video aussieht.

Jeder ESC-Titel wird im Songcheck von allen PRINZ-Bloggern nach ihrem persönlichen Gusto auf einer 11-stufigen Skala (12-10-8-7-6-5-4-3-2-1-0) bewertet, wobei 12 die höchste Wertung darstellt. Die Wertungen werden addiert. Unser persönliches subjektives Gesamtbild:

Die Prognose der PRINZ-Blogger

Hier geht es nicht um das persönliche Gefallen, sondern um eine Prognose. Russland hat nach Einschätzung aller PRINZ-Blogger eine Qualifikationschance von 72 Prozent und landet damit auf Platz 5 in Semifinale 2. Hier geht es zur Prognose der PRINZ-Blogger für das zweite Semifinale.

Social Media

Julia ist auf Twitter, facebook und auch auf Instagram zu finden.

Vorschau: Morgen blickt DJ Ohrmeister nach San Marino, also eigentlich überall hin, nur nicht nach San Marino. Hat das aufwändige neue Suchverfahren etwas gebracht?

 

Bereits erschienen:

Semifinale 1
(1) Albanien: „Mall“ von Eugent Bushpepa
(2) Aserbaidschan: „X My Heart“ von Aisel
(3) Belgien: „A Matter Of Time“ von Sennek
(4) Bulgarien: „Bones“ von Equinox
(5) Estland: „La Forza“ von Elina Nechayeva
(6) Island: „Our Choice“ von Ari Ólafsson
(7) Israel: „Toy“ von Netta Barzilai
(8) Litauen: „When we’re old“ von Ieva Zasimauskaitė
(9) Tschechien: „Lie to Me“ von Mikolas Josef
(10) Weißrussland: „Forever“ von Alekseev
(11) Armenien: Qami von Sevak Khanagyan
(12) Finnland: „Monsters“ von Saara Aalto
(13) Griechenland: „Oneiro Mou“ von Yianna Terzi
(14) Irland: „Together“ von Ryan O’Shaughnessy
(15) Kroatien: „Crazy“ von Franka
(16) Mazedonien: „Lost and found“ von Eye Cue
(17) Österreich: „Nobody but you“ von Cesár Sampson
(18) Schweiz: „Stones“ von ZiBBZ
(19) Zypern: „Fuego“ von Eleni Foureira

Semifinale 2
(20) Australien: „We Got Love“ von Jessica Mauboy
(21) Dänemark: „Higher Ground“ von Rasmussen
(22) Moldawien: „My Lucky Day“ von DoReDos
(23) Niederlande: „Outlaw in ´Em“ von Waylon
(24) Norwegen: „That’s How You Write a Song“ von Alexander Rybak
(25) Rumänien: Goodbye von The Humans