ESC Songcheck (26): „Origo“ von Joci Pápai

Ethnische Klänge mit einer Prise Rap gibt es dieses Jahr aus Ungarn. Der 35-jährige Roma Joci Pápai gewann überraschend die mehrstufige ungarische Vorentscheidung  A Dal. Sein Titel „Origo“ ist einer der bisher wenigen ungarischen Beiträge auf Landessprache und bietet alles, was das Herz jedes klassischen „Grand Prix“ Fans begehrt.

Joci Pápai gehört zur ethnischen Minderheit der Roma in Ungarn. Bereits im Alter von vier Jahren fing er an Gitarre zu spielen und Lieder zu schreiben. Schon in der Jugend nahm er an mehreren Musikwettbewerben teil und gewann auch zahlreiche von ihnen. Parallel zur Musik war er auch ein erfolgreicher Basketballspieler, entschied sich aber später eher für die musikalische Karriere.

Diese startete so richtig im Jahr 2005 mit der Teilnahme an der ungarischen Talentshow Megasztár. Denn im Anschluss erhielt er einen Vertrag vom Plattenlabel Magneoton und veröffentlichte sein erstes Album. In den folgenden Jahren wurde es etwas still um Joci, bevor er ab 2012 wieder anfing neue Songs zu veröffentlichen. Den größten Erfolg in seiner Heimat landete er 2015 gemeinsam mit dem Rapper Majka. Der Song „Mikor a test örexik“ eroberte die ungarischen Charts:

 

In der Folgezeit folgten auch Kooperationen gemeinsam mit anderen ungarischen Künstern, u.a auch dem Rapper Caramel, der in diesem Jahr Teil der A Dal Jury war. Am 8. Dezember 2016 wurde bekanntgegeben, dass Joci Pápai einer der 30 Kandidaten bei der ungarischen Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest sein würde. Überraschend setzte er sich in dem mehrstufigen Entscheidungsprozess gegen die starke Konkurrenz (u.a auch András Kállay-Saunders, dem ungarischen Teilnehmer vom ESC 2014) durch.

 

Der Song

„Origo“ heißt Ursprung und wurde von Joci Pápai selbst komponiert. Dabei hat er seine ethnisch-kulturellen Wurzeln stark in den Song einfließen lassen, denn dieser enthält viele Elemente der Roma Musik. Auch inhaltlich handelt er von dem nicht immer leichten Leben dieser Minderheit in Ungarn. Es geht im Song um ernste Themen wie ethnische Diskriminierung und Vorurteile. Anbei einige Stellen des Textes von Origo auf englisch:

Why did you lie to me
That the color of skin doesn’t matter?
You know that I have brown eyes,
This never changes

God spoke to me when I was 4 years old.
He put a real gun in my hand
I knew only He can take care of me
I practised more than a samurai
I can trust Him, He always tells the truth
I cry with Him but he shows me the way
This alliance will last forever
It’s not expendable, He is the most supreme treasure

Mysterious forces were in the child
They were afraid of him, it shows in their eyes
My strings are attached, the body cries
You defend yourself in vain – the instrument is poisoned
I soak the people with music
You hear my melody, you know my name
The road is long, I have sores on my back
Tears of a thousand people are played on my guitar

Es geht folglich darum, auch wenn man in einer schwierigen Situation ist, nicht den Glauben an Gott zu verlieren. Joci singt davon, wie er in seinem Leben gelitten hat und sein Glaube an Gott ihm immer wieder geholfen hat stark zu bleiben. Menschen, die ihn nicht akzeptieren, sollen fernbleiben, denn er braucht sie nicht. Sein Lied soll das Schicksal tausender Menschen, die in Minderheiten leben, repräsentieren und ihnen auch Mut geben.

Wenn man den Inhalt nicht kennt, kommt der Song einem viel fröhlicher vor. Das ist die Kehrseite der Medaille, dass der Song auf ungarisch bleibt und nicht übersetzt wird. Denn die Botschaft, die Joci transportieren möchte, wird wohl nur von den Landsleuten verstanden werden. Für den Rest wird es einfach ein schöner Ethnosong sein, zu dem sie im Euroclub tanzen und Spass haben werden.

Im Gegensatz dazu wird die ernste Thematik des Songs im Musikvideo recht deutlich. Da wird das traurige Leben eines Romakindes gezeigt, der Trost in der Musik durch seine Gitarre findet. Vieles deutet darauf hin, dass damit Jocis eigene Kindheit dargestellt wird.

Ungarn 2017 – Joci Pápai: Origo

 

Die Präsentation

Nach drei Vorrunden und zwei Semifinals fand das Finale von A Dal am 18. Februar in Budapest statt. Joci Pápai hatte die Startnummer 7.

Anfangs steht er im Dunkeln und ist nur alleine zu sehen. Er hat ein blaues Hemd mit Goldapplikationen und einer schwarzen Lederjacke an. Schon nach dem ersten Vers taucht im Refrain eine Romatänzerin in bauchfreier weißer Kleidung  mit traditionellem Muster auf. Diese ist im gesamten weiteren Auftritt sehr präsent. Es folgt ein Instrumentalteil, in dem eine Streicherin dazukommt und Joci ein traditionelles Instrument (man erinnere sich an Love-Love-Peace-Peace *zwinker*) spielt.

Im zweiten Vers bewegt sich die Tänzerin heftiger und dadurch wirkt der Song wie schon erwähnt sehr fröhlich. Sie dreht sich mehrfach im Kreis und schwingt den Rockzipfel. Im darauffolgenden Refrain kommen sich dann Joci und die Tänzerin immer näher, bevor sie dann anfangen für eine kurze Zeit gemeinsam zu tanzen.

Danach folgt der Rapteil, während die Tänzerin einen Bauchtanz aufführt und sich um ihn herum bewegt. Nach Ende des Raps fällt die Tänzerin auf den Boden. Man sieht in ihrem Gesicht Traurigkeit und Verzweiflung. Doch sie steht wieder auf und fängt wieder an zu tanzen. Hier wird die Botschaft des Songs sehr schön vermittelt, dass man auch in schwierigen Situationen die Hoffnung bewahren sollte. Die schwierige Beziehung zwischen Sänger und Tänzerin scheint ein Happy End zu haben, denn am Schluss umarmt sie ihn und sie scheinen vereint.

Mit dieser Darbietung überzeugte Joci nicht nur die Jury (34 von 40 Punkten) sondern er gewann auch das Televoting bestehend aus SMS, Mobile App und Online Voting.

 

Der Auftritt ist in sich sehr stimmig. Deshalb würde ich in Kiew nicht viel verändern. Um die Botschaft des Songs klarer rüberzubringen, könnten – wie im Musikvideo – deutlicher Elemente des schwierigen Romalebens und der Kindheit gezeigt werden. Auch wäre eine Überlegung, dass er statt der Lederjacke auch ein traditionelleres Gewand wie die Tänzerin anzieht. Vielleicht soll aber gerade der Kontrast (schwarz und weiss) die schwierige Beziehung zwischen beiden Personen zeigen.

Da „Origo“ einer der wenigen ethnischen Songs in diesem Jahr ist, wird er meiner Meinung nach herausstechen, und ich sehe Ungarn recht sicher im Finale, wenn nicht sogar in den Top 10.

 

Was PRINZ-Blogger darüber denken

DJ Ohrmeister: Noch so was Ausgefallenes, was für eine Überraschung sorgen könnte. Der Beitrag polarisiert, und das ist ja meist ein gutes Zeichen für das Abschneiden beim ESC. Eine erneute Finalqualifikation halte ich für gut möglich. Hoffentlich verpassen sie ihm keine allzu lahme Bühneninszenierung.

Jan: Eigentlich mag ich Ethno, aber das hier holt mich überhaupt nicht ab. Ich finde es sogar unglaublich anstrengend, den Song zu Ende zu hören. Sympathisch wirkt das auf mich auch nicht, von daher muss ich hier den Daumen absenken.

Matthias: Die Folklore, die beim ESC nicht fehlen darf, kommt in diesem Jahr aus Ungarn. An sich habe ich nichts gegen solche Musik. Und Respekt, dass Ungarn mit Joci dem Motto „Celebrate Diversity“ Ehre erweist. Aber seine Stimme ist mir zu weinerlich, und das Gejammer ist über 3 Minuten kaum zu ertragen. Da skippe ich schnell weiter.

Salman: Traditionelle Töne aus Ungarn in der Landessprache. Die Grand-Prix-Liebhaber werden diesen Beitrag lieben. Ich denke der Song hat gute Chancen in die Top 10 zu kommen. Bin sehr gespannt wie es in Kiew auf der Bühne inszeniert wird.

Tjabe: Das Land bleibt sich treu und schickt wieder ein besonderes Lied ins Rennen. Einige der kleineren Länder besinnen sich wieder auf Qualität. Zudem ist Ungarn eines der vier rein nicht englischsprachigen Lieder, was auch zu honorieren ist.

Jeder ESC-Titel wird im Songcheck von allen PRINZ-Bloggern nach ihrem persönlichen Gusto auf einer 11-stufigen Skala (12-10-8-7-6-5-4-3-2-1-0) bewertet, wobei 12 die höchste Wertung darstellt. Die Wertungen werden addiert. Unser persönliches subjektives Gesamtbild:

 

Die Prognose der PRINZ-Blogger

Hier geht es nicht um das persönliche Gefallen, sondern um eine Prognose. Ungarn hat nach Einschätzung aller PRINZ-Blogger eine Qualifikationschance von 70 Prozent und landet damit auf Platz 3 in Semifinale 2. Hier geht es zur Prognose der PRINZ-Blogger für das zweite Semifinale.

 

Was PrinzBlog-Leser darüber denken

Schnüdel: Brilliant Ungarn! Die eigene Kultur, Sprache und Musik sehr toll verpackt in einem zeitgemäßen Song.

Mariposa: Es wird auf jedenfalls in Kiew in Ungarisch/Romani gesungen, um so die Botschaft glaubwürdig rüberbringen zu können. Joci Papai hat es in einem Interview so verlauten lassen, daß er auch nicht in Englisch und mit einer Übersetzerin geführt hat (beherrscht die Sprache anscheinend nicht). Hier wird die diesjährige Botschaft „Celebrate diversity“ authentisch gelebt – weiter so !!! Man muß „Origo“ nicht unbedingt möge, aber eines steht fest: Es ist kein altbackener Folkloreschlager sondern klingt eindeutig nach 2017.

Benne: Puh, da reiht sich Papai Joci in meiner Liste ganz hinten ein. Die furchtbare Kitschigkeit der Inszenierung (trommelt der auf einer Milchkanne?) wird nur durch den noch schlimmeren Rapteil übertroffen.

roxy: Eine schöne Entwicklung, dass es wieder mehr Beiträge in der Landessprache gibt. Leider hat der Song keine Ohrwurmqualitäten und die Präsentation war wirklich miserabel. Könnte mir vorstellen, dass es Ungarn heuer nicht ins Finale schafft.

DerMoment1608: Das ist so ein Track, den ich im „normalen Leben“ kaum hören würde, der mir aber im Rahmen des ESC richtig gut gefällt und wofür ich den ESC auch liebe. Ethnoelement und Muttersprache. Außerdem schafft es der Song traditionell und durch die Eletrospuren trotzdem modern zu wirken. Den Rap mag ich auch – aber mir gefallen Rap-Parts in Sprachen, die ich nicht verstehe, erstaunlicherweise fast immer. An der Präsentation muss aber noch gearbeitet werden. Das wirkt wie sämtliche Ethno-Klischee-Elemente zusammengeschmissen, aber das total zusammenhanglos und ohne roten Faden. Und auch stimmlich finde ich ihn live etwas quäkig, das klingt in der Studioversion viel besser.

 

Social Media

Mehr Infos über Joci Pápai gibt es auf Facebook, Twitter und Instagram.

 

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Vorschau: Im nächsten Soundcheck wird sich BennyBenny heute Abend mit dem dänischen Beitrag „Where I am“ von Anja Nissen beschäftigen.

 

Bereits erschienen:

Semifinal 1:
(1) Albanien: „World“ von Lindita
(2) Aserbaidschan: „Skeletons“ von DiHaj
(3) Australien: „Don’t come easy“ von Isaiah
(4) Belgien: „City Lights“ von Blanche
(5) Finnland: „Blackbird“ von Norma John
(6) Georgien: „Keep the faith“ von Tamara Gachechiladze
(7) Montenegro: „Space“ von Slavko Kalezić
(8) Portugal: „Amar pelos dois“ von Salvador Sobral
(9) Schweden: „I can’t go on“ von Robin Bengtsson
(10) Griechenland: „This is love“ von Demy
(11) Polen: „Flashlight“ von Kasia Moś
(12) Moldawien: „Hey Mamma!“ von SunStroke Project
(13) Island: „Paper“ von Svala
(14) Tschechien: „My turn“ von Martina Bárta
(15) Zypern: „Gravity“ von Hovig
(16) Armenien: „Fly with me“ von Artsvik
(17) Slowenien: „On my way“ von Omar Naber
(18) Lettland: „Line“ von Triana Park

Semifinal 2:
(19) Serbien: „In too deep“ von Tijana Bogićević
(20) Österreich: „Running on air“ von Nathan Trent
(21) Russland: „Flame is burning“ von Yulia Samoylova
(22) Mazedonien: „Dance alone“ von Jana Burčeska
(23) Malta: „Breathlessly“ von Claudia Faniello
(24) Rumänien: „Yodel It!“ von Ilinca ft. Alex Florea
(25) Niederlande: „Lights and Shadows“ von OG3NE