ESC Songcheck (28): „Dying To Try“ von Brendan Murray

Irland setzt wieder auf Boyband-Material – obwohl es im vorigen Jahr beim ESC in Stockholm mit Westlife-Boy Nicky Byrne nicht mit dem Finaleinzug geklappt hatte. Jetzt soll es Brendan Murray, bis vor Kurzem noch Teil der Combo Hometown, besser machen.

Brendan wurde 1996 geboren, also in dem Jahr, in dem Irland zum bisher letzten Mal den Eurovision Song Contest gewonnen hat. Der 20-Jährige stammt aus Galway, ganz im Westen der grünen Insel. Dort wurde er mit 17 von dem berühmten, allerdings durchaus umstrittenen Produzenten Louis Walsh, der auch schon Boyzone und Westlife gemanagt hatte, für die Boygroup Hometown gecastet.

Die sechsköpfige Combo hatte mit „Where I Belong“ und „Cry For Help“ zwei Nummer-eins-Hits in Irland. Ende 2016 verkündete die Band eine Pause – und kurz danach präsentierte RTÉ im Rahmen der Late Late Show Brendan Murray als intern ausgewählten Vertreter Irlands beim 62. Eurovision Song Contest in Kiew (hier unser Bericht). Kein Wunder, hatte RTÉ doch schließlich Walsh beauftragt, einen geeigneten ESC-Kandidaten zu finden. Bis Mitte Januar konnten dann Lieder für Murray eingereicht werden, und die Wahl fiel dann intern auf „Dying To Try“, das am 10. März kurz vor 13 Uhr in Nicky Byrnes Radioshow auf RTÉ2 erstmals gespielt wurde (hier unser Bericht).

 

Der Song

Man stelle sich die berühmte Szene aus „Titanic“ vor: Leonardo DiCaprio und Kate Winslet stehen gemeinsam an der höchsten Stelle des Kreuzfahrtdampfers, es fällt der berühmte Satz „Ich fliege, Jack!“ – und dazu laufen sanft im Hintergrund die Klänge von „Dying To Try“. Würde ebenso gut funktionieren wie das kleine Instrumental von „My Heart Will Go On“. Zumal der junge Ire inhaltlich eine frisch sprießende Liebe besingt, die noch nicht auf festen Beinen steht: „There ain’t no guarantee that you and me won’t fail“. Und mit der Zeile „Cause no one can promise that love will ever learn how to fly“ würde Brendans Nummer sogar perfekt zu Kate Winslets Ausruf passen.

Die Schmuseballade wäre eben ideales Hollywood-Blockbuster-Material. Damit ist eigentlich schon alles gesagt über den Stil des irischen Contest-Liedes. Ein bisschen nach Irland klingt es irgendwie auch – auch wenn hinter „Dying To Try“ kein Ire steckt, sondern Jörgen Elofsson. Also ein weiterer Schwede im ESC-Rennen. Der 55-Jährige ist ein alter Hase im Musikgeschäft, hat unter anderem für Carola, Britney Spears, Westlife, Agnetha und Eric Saade geschrieben. Aus seiner Feder stammen ähnlich schnulzige Liebeslieder wie „Right Here, Right Now“ (Agnes), „What My Heart Wants To Say“ (Gareth Gates), „A Moment Like This“ (Kelly Clarkson) und natürlich „When You Tell the World You’re Mine“, die Schnulze von Björn Skifs und Agnes zur Hochzeit von Kronprinzessin Victoria und Daniel Westling im Sommer 2010.

Genau in diese Reihe passt auch „Dying To Try“. Das bedeutet aber zugleich, dass das Lied dem klassischen Aufbau solcher Balladen folgt und wenig überraschend daherkommt. Das muss nicht zwingend schlecht sein. Man weiß, was man bekommt. Und das ist eine ganze Menge. Ein softer Einstieg, der Brendans ungewöhnlich hohe Stimme in den Fokus nimmt – dann eine vorhersehbare Bridge, die zum Refrain hinführt, mit berechenbaren Melodieverläufen. Auch die Bombast-Steigerung und der große hymnische Chor kommen genau dann, wenn man sie erwartet. Musik vom Reißbrett. Nicht innovativ, aber schön.

Irland 2017 – Brendan Murray: Dying To Try

 

Die Präsentation

Das Musikvideo zu „Dying To Try“ setzt vor allem auf die irische Küstenlandschaft. Gut, das könnte man auch in Kiew auf den LED-Screen übertragen. Hat zwar mit dem Inhalt des Liedes nichts zu tun, aber würde zur Stimmung des Liedes passen. Ich würde dennoch nicht dazu raten, es lenkt eventuell zu sehr ab. Da das Lied ganz sanft anfängt, empfiehlt sich zu Beginn eine dunkle Bühne mit einem Spotlight auf Brendan. Mit der Bridge zum ersten Refrain könnte die Bühne heller werden, anschließend genügt ein schlichtes Bühnenbild in warmen Farben, etwa wie 2015 beim norwegischen Beitrag.

Das große Plus von Brendan Murrays Ballade ist allerdings ihr größtes Problem: der hymnische Chor, der in der letzten Minute einsetzt. Er transportiert die ganz großen Gefühle – doch das strenge ESC-Reglement lässt ihn zumindest auf der Bühne nicht zu. Neben oder hinter Brendan ist nur mehr Platz für fünf Leute. Das reicht höchstens für einen Minichor, der schnell lächerlich wirken könnte. Ohne den aber das Lied erst recht nicht auskommt.

Darum: Brendan plus fünf ist im Grunde gesetzt. Tänzer braucht „Dying To Try“ ohnehin nicht. Um die Bombast-Wirkung mit dem Chor zu unterstreichen, bietet sich passend zur Steigerung ab 2:00 Min. Pyrotechnik ein: ein Goldregen, der von der Decke fällt (siehe „Running Scared“).

 

Was PRINZ-Blogger darüber denken

BennyBenny: Irland sollte mal bei Bulgarien nachfragen, wie man einen jungen Interpreten beim ESC richtig platziert. Mit diesem Song leider nicht. Gut gefallen mir aber die Kelly-Family-Anleihen.

Douze Points: Ok, ich geb’s zu, ich habe einen Weak Spot für irischen (Boyband-)Pop. Aber pubertierendes Gewimmer im Schunkelsound ist mir dann doch etwas zu viel.

Matthias: Hach, bei solchen Balladen geht mir das Herz auf. Natürlich sind die Komposition und die Struktur vollkommen durchschaubar, und solche Jörgen-Elofsson-Nummern hat man schon x-fach gehört. Aber irgendwie zieht es doch. Zumindest bei mir. Spätestens wenn nach zwei Dritteln der Chor einsetzt und „Dying To Try“ nochmal draufsattelt, verdrücke ich doch fast ein Tränchen.

Peter: Brendan gehört zu den stimmlich stärksten und unverwechselbarsten Teilnehmern in diesem Jahr. Das verbindet ihn neben seinem jugendlichen Alter und seinem One-Boy-Boyband-Look mit Kristian aus Bulgarien. Auch die Titel sind etwa gleichstark. Dying to Try hat diesen wunderbar pathetischen Chor und der Song passt musikalisch und hinsichtlich seiner Inszenierung im Video perfekt zum Absenderland, diese Glaubwürdigkeit ist ein weiteres Plus.

Tjabe: Ein sehr einsames Lied. Auf der einen Seite gefällt es, aber auf der anderen Seite gerät eine so klassische Ballade vorgetragen durch eine kindliche Stimme schnell wieder in Vergessenheit.

Jeder ESC-Titel wird im Songcheck von allen PRINZ-Bloggern nach ihrem persönlichen Gusto auf einer 11-stufigen Skala (12-10-8-7-6-5-4-3-2-1-0) bewertet, wobei 12 die höchste Wertung darstellt. Die Wertungen werden addiert. Unser persönliches subjektives Gesamtbild:

 

Die Prognose der PRINZ-Blogger

Hier geht es nicht um das persönliche Gefallen, sondern um eine Prognose. Irland hat nach Einschätzung aller PRINZ-Blogger eine Qualifikationschance von 36 Prozent und landet damit auf Platz 15 in Semifinale 2. Hier geht es zur Prognose der PRINZ-Blogger für das zweite Semifinale.

 

Was PrinzBlog-Leser darüber denken

Aussie: Wunderschöner Song! Man hört Jörgen Elofssons Handschrift klar raus. Der weiß, wie man hymnische Balladen schreibt. Finde, der Song passt gut zu Irland und drücke dem Bengel die Daumen für eine Finalqualfikation.

ESCNOW: Hmmmh, so la la. Mich fesselt da nix. Als dieser Chor einsetzte und es bombastisch wird, dachte ich, Siegel hätte mitgemischt. Aber in dem Fall im negativen Sinn (denn er hat ja durchaus auch Interessantes geschaffen). Es ist in der Tat ein nettes Liedchen. Aber nett allein reicht eben nicht. Vielleicht nicht mal für’s Finale. Da bin ich mal gespannt auf die Proben.

benne: Ja, finde ich gut. Seine Stimme klingt sehr angenehm und fällt auf. In Kiew wirds schwer werden, dazu eine kurzweilige Show daraus zu machen. Chor ist ja nicht möglich, Tänzer wären auch unpassend. Insofern muss man den kompletten Fokus auf seine besondere Stimme legen, sonst wird das im Mittelmaß untergehen (vielleicht sogar schon im Halbfinale)

Usain: Oh je, klingt wie eingeschlafene Füße…

Ray: Ich finds immer großartiger. Die Stimme ist genial und erinnert mich an einen der besten Sänger der letzten Jahre: Den leider viel zu früh verstorbenen Boyzone Sänger Steven Gately. Irland spielt um den Sieg mit.

 

Social Media

Brendan Murray freut sich schon auf Kiew und tut das über Twitter kund. Viele schöne Fotos (und Videos mit seinem neuen Kumpel Nathan Trent) gibt’s bei Brendan auf Instagram – oder in seinem Facebook-Account.

 

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Vorschau: Morgen besucht Tjabe die Mini-Republik San Marino und geht der Frage nach, ob es Valentina Monetta (diesmal im Duett) ein zweites Mal mit einer Ralph-Siegel-Nummer gelingen könnte, ins ESC-Finale einzuziehen.

 

Bereits erschienen:

Semifinal 1:
(1) Albanien: „World“ von Lindita
(2) Aserbaidschan: „Skeletons“ von DiHaj
(3) Australien: „Don’t come easy“ von Isaiah
(4) Belgien: „City Lights“ von Blanche
(5) Finnland: „Blackbird“ von Norma John
(6) Georgien: „Keep the faith“ von Tamara Gachechiladze
(7) Montenegro: „Space“ von Slavko Kalezić
(8) Portugal: „Amar pelos dois“ von Salvador Sobral
(9) Schweden: „I can’t go on“ von Robin Bengtsson
(10) Griechenland: „This is love“ von Demy
(11) Polen: „Flashlight“ von Kasia Moś
(12) Moldawien: „Hey Mamma!“ von SunStroke Project
(13) Island: „Paper“ von Svala
(14) Tschechien: „My turn“ von Martina Bárta
(15) Zypern: „Gravity“ von Hovig
(16) Armenien: „Fly with me“ von Artsvik
(17) Slowenien: „On my way“ von Omar Naber
(18) Lettland: „Line“ von Triana Park

Semifinal 2:
(19) Serbien: „In too deep“ von Tijana Bogićević
(20) Österreich: „Running on air“ von Nathan Trent
(21) Russland: „Flame is burning“ von Yulia Samoylova
(22) Mazedonien: „Dance alone“ von Jana Burčeska
(23) Malta: „Breathlessly“ von Claudia Faniello
(24) Rumänien: „Yodel It!“ von Ilinca ft. Alex Florea
(25) Niederlande: „Lights and Shadows“ von OG3NE
(26) Ungarn: „Origo“ von Joci Pápai
(27) Dänemark: „Where I am“ von Anja