ESC Songcheck (30): „My friend“ von Jacques Houdek

Nach viermaligem Halbfinal-Aus in den Jahren 2010-2013 und anschließender zweijähriger Pause kehrte Kroatien 2015 zum ESC zurück und zog mit „Lighthouse“ immerhin direkt wieder ins Finale ein. Das soll in diesem Jahr Jacques Houdek mit seinem Song „My Friend“ nachmachen.

Jacques Houdek ist 36 Jahre alt und wurde in der Nähe von Zagreb geboren. Sein eigentlicher Name ist Željko Houdek und er ist kein Unbekannter in Sachen ESC: Sage und schreibe sechsmal hat er bislang versucht für Kroatien zum ESC zu fahren. Bloggerkollege Jan hat an anderer Stelle bereits einen entsprechenden Überblick erstellt.

Dieses Jahr wurde Jacques ohne Vorentscheidung für den ESC nominiert und das kroatische Fernsehen hat sich damit einen richtigen Superstar an Land gezogen: 13 Alben, mehrfache Auszeichnungen und zahlreiche Konzerte gehen auf sein Konto. Außerdem sitzt er seit zwei Jahren in der Jury von The Voice of Croatia. Die unrühmliche Seite: Jacques wurde 2005 als Homophober des Jahres ausgezeichnet und außerdem als Homophober des Jahrzehnts nominiert.

 

Der Song

Anfang März wurde „My Friend“, Jacques‘ Song für Kiew, veröffentlicht. Geschrieben wurde er von Ines Prajo, Arjana Kunštek, Fabrizio Laucella, Siniša Reljić, Tony Malm und Jacques selbst. Ines und Arjana hatten bereits 2003 den Song „Could It Be“ für Bosnien-Herzegowina im ESC-Rennen. Tony Malm hatte 2015 „Jag Är Fri“ von Jon Henrik Fjällgren mitgeschrieben, das beim Melodifestivalen den zweiten Platz belegte.

Der Song beginnt zunächst mit einem Klavier- und Geigenintro, das schon sehr auf eine klassische Ballade schließen lässt. Bevor jedoch die erste Strophe losgeht, rezitiert Jacques erstmal noch ein Einstein-Zitat:

There are only two ways to live your life.
One is as though nothing is a miracle.
The other is as though everything is a miracle

Solche gesprochenen Passagen wirken allerdings in den meisten Fällen eher etwas albern, so auch in diesem Fall. Weiter geht es mit einer sehr pathetisch gesungenen Strophe, die zunächst an einen DSDS-Siegersong erinnert: Ziemlich gute Stimme, mieser Text, eingängige Melodie.

Dann der Bruch: Nach vier Zeilen wechselt Jacques ohne erkennbaren Grund plötzlich vom Englischen ins Italienische und wechselt außerdem von seiner poppigen Stimmfarbe zu einer voluminösen Opernstimme. Dieses Spiel treibt er dann auch fleißig weiter, wechselt seine Stimmfarbe manchmal nach nur einer Zeile und wieder zurück, Sätze werden in einer Sprache begonnen und in einer anderen beendet.

After the rain,
Nasce il sole!

I pray you’ll see the light and find your way.
La forza del destino che è in te.

So zieht sich das nicht nur durch die Strophe, sondern auch durch den folgenden Refrain. Den Gedanken, hier unterschiedliche Facetten zu zeigen, kann ich verstehen, aber meiner Meinung nach geht das komplett nach hinten los und wirkt einfach nur gewollt. Außerdem macht es auch den Song kaputt, weil man sich nicht auf ihn einlassen kann und ständig wieder aus einer Stimmung gerissen und in die nächste geschmissen wird.

Do your best, take a chance!
Dare to dream and make it real!
Segui la verità
Via della libertà!
My friend, my friend.

Und als wären Stimm- und Sprachenwechsel noch nicht genug, ändert sich dann noch in siegelscher Manier plötzlich das Tempo, um dann in einem besonders dramatischen Refrain zu enden. Meiner Meinung nach ist Kroatien mit dieser Nummer ziemlich über das Ziel hinaus geschossen und ich kann mir – vor allem unter Berücksichtigung der Jury – nicht vorstellen, dass das ins Finale kommt.


Kroatien 2017 – Jacques Houdek: My Friend

 

Die Präsentation

Ich bin ziemlich ratlos, was die mögliche Präsentation in Kiew angeht. Im Video konnte man es wenigstens noch einigermaßen so aussehen lassen, als würde Jacques zwei Persönlichkeiten verkörpern. Nun wird er sich auf der Bühne aber wohl kaum in Sekundenbruchteilen umziehen und umschminken können. Eine Lösung dafür ist mir noch nicht eingefallen – oder sehen wir am Ende vielleicht doch zwei Jacques auf der Bühne? Hologramme sind in der letzten Zeit ja mehr und mehr zum Renner geworden.

Ich hoffe, dass die Schmalzigkeit des Liedes nicht noch durch eine kitschige Bühnenshow unterstrichen wird. In seinem Akustik-Video etwa greift Jacques auf die immer wieder gern gesehene Gebärdensprache zurück. Die hatte ihre Hochzeit dann aber doch eher vor zehn Jahren, deshalb sollte er das in Kiew besser lassen. Auch Opern- und Musicalreferenzen (Kerzenleuchter, Masken) wären wirklich zu viel des Guten.

Möge die kroatische Delegation bessere Ideen haben als ich. Aber nachdem diese sogar „Lighthouse“ im vergangenen Jahr an die Wand gefahren hat, weiß ich nicht, ob wir uns da allzu viele Hoffnungen machen sollten.

 

Was PRINZ-Blogger darüber denken

BennyBenny: Einfach nur albern. Und dann noch dieser siegelsche Tempowechsel am Ende. Schlimm.

DJ Ohrmeister: Ja, der polarisiert natürlich mit am meisten in diesem Jahr, und teilweise ist das Ding ja auch zum Fremdschämen, gerade vom Text her. Aber wie dieser einsame Dialog auf der Bühne aussehen wird, interessiert mich brennend. Ich finde, das hat was.

Jan: Ich finde das total konstruiert und super-altbacken. Solche Musik existiert abseits des ESC nirgendwo. In einem Wort: GRAUENHAFT!!!

Matthias: Was hat sich Herr Houdek dabei nur gedacht?!? Dieses Duett mit sich selbst ist hochgradig irritierend. Der schmalzige Disney-Sound und der aus abgenutzten ESC-Stanzen zusammengeschraubte Text (das Wunder, das jeden Tag geschieht; „hold out your hand“; nach dem Regen folgt Sonnenschein; „take a chance, dare to dream“) machen es auch nicht besser. Überflüssiger ESC-Kitsch.

Peter: Das ist so tacky wie wir es seit „Flying the flag“ nicht mehr hatten. You either love it or leave it. Ich habe mich für ersteres erschienen. Ein Titel wie er auch aus dem Siegel-Stable kommen könnte. Über Jacques Akzeptanzverhalten liest mir nicht nur liebevolles, das kann ich leider nicht ausblenden. Aber dann muß ich schnell wieder über diesen Zuckerguß-Trivial-Trash-Text schmunzeln und warte mal ab, wie die Kroaten diesen Song auf die Bühne heben.

Jeder ESC-Titel wird im Songcheck von allen PRINZ-Bloggern nach ihrem persönlichen Gusto auf einer 11-stufigen Skala (12-10-8-7-6-5-4-3-2-1-0) bewertet, wobei 12 die höchste Wertung darstellt. Die Wertungen werden addiert. Unser persönliches subjektives Gesamtbild:

 

Die Prognose der PRINZ-Blogger

Hier geht es nicht um das persönliche Gefallen, sondern um eine Prognose. Kroatien hat nach Einschätzung aller PRINZ-Blogger eine Qualifikationschance von 34 Prozent und landet damit auf Platz 16 in Semifinale 2. Hier geht es zur Prognose der PRINZ-Blogger für das zweite Semifinale.

 

Was PrinzBlog-Leser darüber denken

as: Interessant. Finde ich, warum auch immer, gar nicht so schlecht. Kitsch auf höchst unterhaltsamem Niveau. Also ich sehs im Finale.

Feli: Großes Like für den Mut Kroatiens. Sehr gut.

Inge Periotte: Albern! Jemanden alleine ein Duett singen lassen und damit punkten zu wollen: Ooooch guckt mal, was der alles kann! Ja, sicher kann der toll singen, wäre ja auch grundsätzlich schön, wenn das jemand auf einer großen internationalen Bühne dann auch tut. Aber mit sich selbst ein Duett singen? Nee, also bislang wirkt das auf mich überhaupt nicht wie anständiger Trash – den ich ja noch ganz erfrischend finden würde. An sich ein halbwegs ordentlicher Schmachtfetzen, da kann ich mich wie die meisten hier nur zurücklehnen und warten, wie man das auf die Bühne bringen will.

Bandido: Sowas kann ich ja auf den Tod nicht leiden: wenn mit irgendwelchen Operetten-Elementen versucht wird, einer seichten Schulze voller Platitüden irgendeinen Pseudo-Anspruch zu verleihen. Schlimm genug dass sich immer noch genügend Leute von dem Käse blenden lassen. Weil ich hier oft lese „ist wenigstens mal was Anderes“: Obstsalat mit Chappi ist auch „mal was Anderes“. Schmeckt trotzdem gottserbärmlich.

Hans: Ich lese hier albern, arrogant und völlig überschätzt. Also ich finde das Lied schwierig zu singen und warum sollte ein Sänger nicht zeigen was er kann? Auch wenn viele der Meinung sind, dass das Lied nur beim Televoting eine Chance hat (wenn überhaupt), denke ich, dass die Jury das Lied eher auszeichnen wird als die Zuschauer. Denn in der Jury sitzen Fachleute und diese wissen genau über welches Können man verfügen muss, um das Lied zu bewältigen. Vorausgesetzt Houdek bekommt es live hin.

 

Social Media

Hier findet sich Jacques‘ Webseite. Er ist außerdem auf Facebook, Twitter, YouTube und Instagram aktiv.

 

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Vorschau: Morgen stellt Salman den norwegischen Beitrag „Grab the Moment“ von JOWST vor.

Bereits erschienen:

Semifinal 1:
(1) Albanien: „World“ von Lindita
(2) Aserbaidschan: „Skeletons“ von DiHaj
(3) Australien: „Don’t come easy“ von Isaiah
(4) Belgien: „City Lights“ von Blanche
(5) Finnland: „Blackbird“ von Norma John
(6) Georgien: „Keep the faith“ von Tamara Gachechiladze
(7) Montenegro: „Space“ von Slavko Kalezić
(8) Portugal: „Amar pelos dois“ von Salvador Sobral
(9) Schweden: „I can’t go on“ von Robin Bengtsson
(10) Griechenland: „This is love“ von Demy
(11) Polen: „Flashlight“ von Kasia Moś
(12) Moldawien: „Hey Mamma!“ von SunStroke Project
(13) Island: „Paper“ von Svala
(14) Tschechien: „My turn“ von Martina Bárta
(15) Zypern: „Gravity“ von Hovig
(16) Armenien: „Fly with me“ von Artsvik
(17) Slowenien: „On my way“ von Omar Naber
(18) Lettland: „Line“ von Triana Park

Semifinal 2:
(19) Serbien: „In too deep“ von Tijana Bogićević
(20) Österreich: „Running on air“ von Nathan Trent
(21) Russland: „Flame is burning“ von Yulia Samoylova
(22) Mazedonien: „Dance alone“ von Jana Burčeska
(23) Malta: „Breathlessly“ von Claudia Faniello
(24) Rumänien: „Yodel It!“ von Ilinca ft. Alex Florea
(25) Niederlande: „Lights and Shadows“ von OG3NE
(26) Ungarn: „Origo“ von Joci Pápai
(27) Dänemark: „Where I am“ von Anja
(28) Irland: „Dying to Try“ von Brendan Murray
(29) San Marino: „Spirit of the Night“ von Valentina Monetta & Jimmie Wilson