ESC-Songcheck (36): „Love Is Blind“ von Donny Montell

Der Litauer Donny Montell darf das zweite Semifinale am 24. Mai beenden. Die späte Startnummer könnte eventuell helfen – denn sein eher belangloses, zwischen Ballade und Seichtpop mäanderndes Liedchen würde, weiter vorn am Start, im Feld wohl gnadenlos untergehen. Eine kräftige, gute Stimme allein reicht eben nicht.

Liebe ist blind, singt Donatas Montvydas, der sich – einer erhofften internationalen Karriere zuliebe – den global leichter aussprechbaren Namen Donny Montell gegeben hat. Nun ja, die Liebe mag blind sein, aber wir sind nicht taub, und da müssen wir konstatieren: Das wird eher nix in Baku.

Dazu ist das Lied, das Donny trällert, dann doch ein wenig zu harmlos, zu durchschnittlich. Zudem arbeitet es mit einer Konstruktion, die beim Song Contest selten erfolgreich ist: „Love Is Blind“ beginnt als Ballade, um dann in ein Midtempo-Poplied überzugehen. Mit solchen Zwitter-Songs gingen schon andere baden, etwa der Schweizer Paolo Meneguzzi 2008.

Immerhin haben die Litauer einen Vorteil herausgeschlagen: Sie durften ihren Startplatz im zweiten Semifinale am 24. Mai wählen und entschieden sich für die Nummer 18, also die letzte Startposition. Damit bleibt der Song den Zuschauern noch frisch im Gedächtnis haften; deutlich weiter vorn dürften die Chancen, ins Finale zu kommen, für „Love Is Blind“ erheblich geringer gewesen sein. Allerdings ist auch die letzte Startnummer keine Garantie für den Finaleinzug – fragt nur mal die Toppers

Doch zurück zu Donny Montell. Was er auf der Habenseite auf jeden Fall verbuchen kann, ist sein Gesangstalent. Bei „Eurovision in Concert“ in Amsterdam (hier unser Behind-the-Scenes-Bericht mit vielen Fotos) konnte man sich davon überzeugen: Der 24-Jährige (am 22. Oktober 1987 in Litauens Hauptstadt Vilnius geboren) sang sein Lied ohne Patzer, und zwischendurch blieb noch Zeit, ein Rad zu schlagen. Er weiß, dass er eine kräftige, gute Stimme hat, und das lässt ihn auf der Bühne einigermaßen souverän wirken.

Donny Montell live in Amsterdam

Doch trotz Donnys recht guter Stimme ist mir vor allem der poppige zweite Teil des Songs viel zu schlicht. Der Melodieverlauf ist uninspiriert und einfach nur langweilig. Das hat offensichtlich sogar Donny selbst gemerkt, denn er versucht das wettzumachen, indem er einige Schnörkel einbaut und zum Beispiel bei „win back your heart“ die Stimme nach oben schraubt und später das „stay“ in die Länge zieht. Aber das allein macht das Lied leider noch nicht stärker. Naja, immerhin passt die eher öde Melodei zu dem völlig abgedroschenen Bild der blinden Liebe, das man im Titel des Liedes bemüht.

Der Komponist, Brandon Stone, stammt aus Georgien und gewann laut eigener Homepage schon mit 13 einen Liederwettbewerb in seiner Heimat. Ende der 1990er Jahre studierte er an der Berliner Musikhochschule „Hans Eisler“. Später soll er demnach Erfolge beim New-Wave-Contest („osteuropäischer Grand-Prix“) errungen haben, unter anderem mit einer Komposition für Tina Karol (das Funkenmariechen aus der Ukraine beim ESC 2006). In Osteuropa sei Brandon ein Star, heißt es, und er habe bereits an die 2 Millionen Tonträger mit seinen Songs verkauft. Beim ESC war er bisher nicht – obwohl es 2010 fast geklappt hätte. Von ihm stammte „I love you“, das Vasyl Lazarovich in Oslo für die Ukraine singen sollte. Bis das Lied zurückgezogen und durch „Sweet People“ ersetzt wurde.

Dieses Schicksal ereilte Herrn Stone und seinen Zögling Donny in Litauen nicht. Beide gewannen souverän den Vorentscheid (hier unser Live-Blog des litauischen Finales). Eine Jury, bestehend aus fünf Leuten, hielt nach jedem der 14 Beiträge Punktetäfelchen hoch – und bei Donny, der als Vorletzter startete, war es fünf Mal die Höchstpunktzahl. Hielt ich schon damals für übertrieben, und tue das bis heute. Doch auch die Zuschauer stimmten im Televoting ziemlich eindeutig für Donny (15.664 Stimmen, vor der Gruppe DAR mit 11.004). Damit war es auch keine Überraschung mehr, dass Donny auch im Superfinale der besten Drei das Rennen machte.

Der Auftritt in Baku wird sich gegenüber dem in der Vorentscheidung wohl kaum ändern. Im Mittelpunkt steht Donny mit seiner kräftigen Stimme, und das um die Augen gebundene Tuch – auf das er bei seiner Performance in Amsterdam verzichtet hat – werden wir am 24. Mai wohl wieder sehen. Nettes Gimmick, aber so harmlos wie das Lied.

Donny Montell: Love Is Blind

Hier gibt es Donny Montell auf Facebook (scheint aber nicht wirklich gepflegt zu werden), eine offizielle Internet-Seite hat er nicht. Spricht nicht gerade dafür, dass man eine große internationale Karriere anstrebt…

PRINZ-Blog-Urteil

Songqualität: 3/10
Interpretation: 5/10
Chancen auf Finaleinzug: 42 Prozent nach Ansicht der Blogger im zweiten Halbfinale (Platz 12)