ESC-Songcheck (38): „Echo (You and I)“ von Anggun


Man kann nicht sagen, dass die Franzosen in jüngster Zeit nicht investiert hätten. Mit Sebastien Tellier (2008), Patricia Kaas (2009), Jessy Matador (2010) und Amaury Vassili (2011) wurden in den letzten vier Jahren Künstler zum ESC geschickt, die in ihrem jeweiligen Genre (Electro-Dance-Pop, Chanson, Zouk-Reggae-Dance-Hall-Party-Pop und Crossover-Classic) in Frankreich und zum Teil darüber hinaus durchaus einen hübschen, in einem Fall sogar riesengroßen, Bekanntheitsgrad genießen. Allein – so richtig genützt hat es nicht. Die letzte Topplatzierung für La Grande Nation liegt genau 10 Jahre zurück. Richten soll es in diesem Jahr auch wieder eine bekannte Künstlerin: Anggun. Ihre Genre: Pop mit einem Hauch Experimentierlust.

Die in Indonesien geborene und dort besonders populäre Sängerin schickte sich Mitte der 90er an, auch Europa zu erobern. Bis auf Frankreich (einschließlich der französischen Schweiz und dem französischen Teil Belgiens) biss jedoch kein Land so recht an, obwohl „Snow on the Sahara“ durchaus ein Achtungserfolg in verschiedenen Ländern wurde.

Bis heute gelingen der 38jährigen immer wieder kleinere Hits an Seine und Loire, auch ihre Alben laufen dort ordentlich. So wundert es nicht, das der TV-Sender France 3 bei der schönen Sängerin anklopfte, um sie um eine Eurovisonsteilnahme für Frankreich zu bitten. Madame hat wohl „Oui“ gesagt, denn Anggun singt nun in Baku.

„Echo (You and I)“ heißt ihr Lied. Ein flotter Popsong, der mit allerlei kleinen Soundspäßen garniert ist und dadurch an Komplexität gewinnt. Jetzt schon legendär: die Soundkurbel am Anfang und der „Pfiff“, der sich durch das ganze Lied zieht. Trotz dieser Spielereien gelang es dem Song zunächst nicht, in Fankreisen 100%ig zu überzeugen. Inzwischen gibt es aber einige Verehrer. Schöngehört?

Vielleicht hat dieser mangelnde Instant Appeal die gute Anggun ein wenig erschreckt, denn kurz nach der Songvorstellung begann sie ihre Reise kreuz und quer durch die Vorentscheidungen in Europa. Sie war wirklich überall – von Baku bis Bulgarien, von Moskau bis Malta, von Sofia bis Slowenien, immer wenn hinter der Bühne Punkte und Telefonstimmen ausgezählt wurden, tönte „Echo“ durch den Saal. Zumeist trug sie dazu – den doch kühlen Temperaturen des europäischen Frühlings angemessen – oberschenkelhohe Stiefel in hellschlamm. Hier ihr Auftritt aus der ukrainischen Vorentscheidung:

Mit Siebenmeilenstiefeln durch Europa – Anggun on Eurovisiontour.

Übrigens hat Anggun während ihrer Europareise auch die ein oder andere Freundschaft geschlossen. Mit Fabrizio-Schwester Claudia Faniello, wohl eine Bekanntschaft vom Februartrip nach Malta, entstand bereits eine Duettversion von „Echo“. Ihre Kontaktbereitschaft passt zu ihrem bisherigen Oeuvre, denn immer mal wieder sang Anggun gern im Duett, im Trio oder in der Großgruppe. So hatte sie ihre größten Charterfolge in Frankriech mit karitativen All-Star-Singles, unter anderem mit dem Projekt Voix de l’espoir im Jahre 2001.

Es gibt keine wissenschaftlich validen Aussagen über den Wert dieses VE-Tourismus. Viele haben es schon (wenn auch nicht so exzessiv) betrieben und dann beim ESC weder gewonnen noch verloren. Anggun hat bei ihren vielen VE-Auftritten aber auch keine wissenschaftlich valide Aussage über den Wert ihrer Stimme abgelegt, denn ihr bester Freund dabei (neben den Stiefeln) war das Vollplayback.

So war die große Frage in Fankreisen: wie klingt die Dame eigentlich live? Nach Ende ihrer Reise wurde das Geheimnis gelüftet: in einer französischen TV-Show sang Anggun ihr Lied tatsächlich unter Einsatz von Kehlkopf, Stimmlippen und Atemstütze – und das sehr gut!

Anggun in echt und ohne Stiefel.

Dennoch bleiben Zweifel: „Echo“ ist sehr gut gemachte und auch durchaus originelle Popmusik, das Lied nimmt aber einfach nicht so richtig für sich ein. Anggun legt sich sehr ins Zeug, wirkt dabei aber immer ein wenig kühl. Die Prognosen sind sehr, sehr unterschiedlich, zwischen Platz 5 und Platz 25 scheint alles möglich und wird alles getippt. Aber vielleicht überzeugt die Indonesifranzösin ja bereits in der Probenwoche alle Zweifler, wenn sie ihre vielfach angekündigte spektakuläre Bühnenshow präsentiert.

Das offizielle Video, Stiefel inklusive – lässt es Spektakuläres für Baku erahnen?

Anggun ist bei Facebook, dort aber nicht mit Valentina Monetta befreundet.
Sie hat eine eigene Website und auch wir haben ihren Beitrag selbstverständlich bereits vorgestellt.

PRINZ-Blog-Urteil

Songqualität: 5/10
Interpretation: 6/10