ESC-Songcheck (39): „L’amore è femmina“ von Nina Zilli

Italien kehrte 2011 nach 14jähriger Abwesenheit zum Eurovision Song Contest zurück und belegte auf Anhieb einen sensationellen zweiten Platz. Die RAI bleibt ihrer Linie treu und entsendet mit Nina Zilli eine relativ etablierte Interpretin mit einem unterhaltsamen überwiegend in Englisch gesungenen Canzone nach Baku. OLiver fürchtet indes, dass trotz einer hervorragenden Ausgangsposition noch einiges schieflaufen könnte.  

Seit einigen Jahren kann man das Phänomen beobachten, dass in internen oder in TV-Vorentscheidungen bestimmte Titel für den Eurovision Song Contest pronto wieder geändert werden. Nicht etwa, weil es sich um Plagiate handelt, sondern weil der Titel nicht besonders gut ankommt, politische Interessen mit hineinspielen oder der TV-Sender plötzlich seine Meinung ändert. In diesem Jahr zählt neben Weißrussland auch Italien zu den Ländern mit Liedtausch in letzter Minute, was zu einem kollektiven Aufstöhnen bei vielen Fans geführt hat.

Doch zurück zum Anfang. Die RAI nutzte wie im vergangenen Jahr erneut das renommierte und praktischerweise im Februar stattfindende Sanremo-Festival als Auswahlplattform für den ESC (Link zu unserem Live-Blog des Sanremo-Auftaktes). Eine Fachjury des Senders bestimmte während des fünftägigen Wettbewerbs unter den 22 Interpreten einen Repräsentanten für Baku (Link zu allen 22 Sanremo-Songs 2012).

Die Wahl fiel unter allgemeiner nationaler wie internationaler Zustimmung auf die 32-jährige Maria Chiara Fraschetta alias Nina Zilli, die man in Italien seit ihren fulminanten Sanremo-Debüt zwei Jahre zuvor kennt und schätzt. Die Sängerin wurde in Piacenza geboren, verfügt über eine klassische Gesangsausbildung und hat mehrere Jahre in Irland und den USA gelebt, daher spricht sie fließend Englisch.

Maria Chiara (ihr Künstlername resultiert aus ihrer Verehrung für Nina Simone, ergänzt um den Mädchennamen ihrer Mutter) arbeitete als Fernsehmoderatorin für Tele Monte Carlo, als Videojockey für MTV Italia und sang mit ihrer Band Chiara e gli Scuri, bevor sie 2009 zu Nina Zilli wurde und einen Vertrag mit Universal abschloss.

Nach erster Aufmerksamkeit mit der Single „50mila“ (mit Giuliano Palma) trat Nina Zilli in der Nachwuchssektion (Giovani) des Sanremo-Festivals 2010 an. Mit „L’uomo che amave le donne„, einem äußerst eingängigen und schlichtweg hervorragend interpretierten Retro-Schlager im Stil der 50er-Jahre wurde sie auf Anhieb Dritte, räumte den nach Mia Martini benannten Kritikerpreis ab und erzielte einen großen Hit (die Single wurde mit Gold prämiert, das Album gewann Platin).

Nina Zilli – L‘ uomo che amave le donne (Videoclip)

Optisch war La Zilli in 2010 noch etwas gewöhnungsbedürftig: im Video stieg Nina wenig damenhaft in den Boxring und schien sich eher am Styling der Almodovar-Schauspielerin Rossy de Palma zu orientieren. Doch zwei Jahre später kehrte sie mit Bella Figura und wesentlich ansprechender Haarpracht ins Festival zurück. „Per sempre“ (Für immer), ein getragenes, sich leicht steigerndes Chanson belegte am Ende Platz 7. Später wurde bekannt, dass Nina den zweiten Abend, an dem eine demoskopische Jury (ein Panel von im Saal anwesenden TV-Zuschauern) gewertet hatte, sogar gewonnen hatte.

Sanremo 2012: Nina Zilli – Per sempre. Der Titel, der ihr das Ticket nach Baku einbrachte

Der größte Sieg indes war die Ankündigung der RAI, die Künstlerin zum Eurofestival, dem Eurovision Song Contest, nach Baku zu entsenden (Link zum Sanremo-Liveblog des Finalabends mit der von Ell & Nikki überbrachten Ankündigung). Zunächst hieß es, vermutlich werde „Per sempre“ – um mehr als eine Minute gekürzt – Italiens ESC-Beitrag werden und eventuell ins Englische übersetzt. Der Titel erhielt sofort sehr viele Vorschusslorbeeren von Fans wie Experten in diversen Foren und Ninas Talent wurde wohlwollend mit den musikalischen Fähigkeiten einer Amy Winehouse verglichen.

Dann der Schock: Kurz vor Veröffentlichung ihres neuen Albums und kurz vor der Deadline der EBU, gab die Plattenfirma Universal bekannt, dass Nina statt „Per sempre“ den Titeltrack ihres neuen Albums „L’amore e femmina“ (Die Liebe ist weiblich) singen werde.

Der neue Titel ist ebenfalls (sogar noch stärker) retro angehaucht, im Unterschied zu „Per sempre“ aber sehr viel flotter, souliger, generell eingängiger und besitzt mehr „instant appeal“. Damit soll wohl einerseits das Album promotet werden, andererseits erhofft man sich – insbesondere im Televoting – einen größeren Effekt. Und: Der Titel ist bereits exakt 3 Minuten lang.

„L’amore e femmina“ entstammt der Feder eines renommierten Teams von Songwritern der Universal Music: Christian Rabb, Kristoofer Sjökvist, Frida Molander und Charlie Mason. Letzterer hatte schon Songs in den irischen und deutschen (Monrose) Vorentscheidungen. Nina Zilli hat zudem am Text mitgearbeitet.

In Baku wird Nina jedoch nicht die italienische Albumversion singen, sondern eine neue Fassung, in der lediglich neben der Titelzeile der letzte Refrain italienisch bleibt, der Rest des Refrains und die Strophen werden auf Englisch (mit leichten Akzent) gesungen.

Mittlerweile haben sich die Fan-Proteste beruhigt, Italien hat bei den Buchmachern einen Satz nach vorn gemacht und zählt nun neben Schweden, Russland, Großbritannien und Serbien zu den absoluten Favoriten auf den Sieg. Und das, obwohl bei der RAI zumindest in den späten 80er- und 90er-Jahren ein ESC-Sieg wegen der Mühen der Ausrichtung alles andere als erwünscht war…

Ecco: Eine attraktive, charismatische Interpretin mit einem unverwechselbaren, eingängigen Song. Blendende Aussichten also. Was also kann noch schiefgehen? Einiges, denn wir wissen, dass Fanfavoriten (ebenso wie Buchmacher-Favoriten) gerne noch stürzen, wenn es entweder live nicht so hinhaut (Amaury Vasili 2011) oder die Präsentation enttäuscht (Kati Wolf 2011). Live singen kann Nina Zilli ausgezeichnet, das Staging von „L’amore e femmina“ könnte indes problematisch werden.

Hier ein kürzlicher Live-Auftritt aus einer italienischen TV-Show:

Nina Zillis uninspirierte Live-Performance (Italienische Version)

Sollte die RAI den Titel so inszenieren, kann man die Top 5, vielleicht auch die Top 10 abhaken. Mag sein, dass Nina keinen guten Tag hatte und gelangweilt bis uninspiriert rüberkam, nur am Mikro stehen und ein paar manierierte Handbewegungen werden in Baku sicher nicht reichen, um ganz oben zu landen.

Anders als der Jazztitel von Raphael Gualazzi (der am Klavier klebte) erfordert das flotte „L’amore e femmina“ schnellere Kameraschnitte und einen gewissen Pfiff in der Umsetzung, der sich nicht nur in besonders hübschen 50er-Jahre-Kleidchen der Backgroundsängerinnen erschöpfen darf, die sie wegen der ESC-Live-Regel auch für Backing Vocals in Baku dabei haben muss.

Doch eine pfiffige Inszenierung ist genau das, was in Italien nicht üblich ist – erstaunlicherweise, denn südlich der Alpen haben Fernsehballetts am längsten überlebt und Tanznummern waren in vielen italienischen TV-Shows lange Zeit unverzichtbar. Doch wenn es um den Gesang geht, in Sanremo etwa, treten die Interpreten ans Mikro und singen einfach, basta. Es zählt die pure Stimme, die Musik. Die wenigsten Sänger(innen) machen Tanzschritte. Heather Parisi war in den 80ern eine beachtliche Ausnahme, allerdings konnte sie wesentlich besser tanzen als singen.

Extras also meistens Fehlanzeige. Tänzer, gewitzte Choreographien, Gimmicks mit Props (riesigen Requisiten) wie beim ESC seit Jahren üblich kennt man in Sanremo kaum (was wohl auch an der begrenzten Fläche im Teatro Ariston liegt). Allenfalls werden mal mehrere Dutzend Chorsänger zur Untermalung auf die Bühne gestellt (etwa bei Giorgia 2001, Anna Oxa 2006, Milva 2007) oder – recht außergewöhnlich – ein Pärchen tanzt dezent Tango im Hintergrund (Iva Zanicchi 2003).

Bitte nicht missverstehen: Ich plädiere KEINESFALLS für ein überproduziertes Chaos mit allerlei Schnickschnack, Kostümwechseln, Konfettikanonen und Feuerwerk wie es etwa Daria Kinzer aus Kroatien im letzten Jahr in Düsseldorf (zu Recht erfolglos) zelebrierte. So etwas hat Italien (eigentlich niemals) nötig, zu diesen Mitteln wird meist gegriffen, wenn die Qualität des Titels oder die Möglichkeiten des Sängers begrenzt sind und man den Act für den ESC anderweitig aufbürsten muss.

Es wäre Nina Zilli aber dennoch zu wünschen, wenn sich ihr Team NICHT ALLEIN auf die Musik verließe und zumindest eine dezente, aber dennoch pfiffige Choreographie entwickeln würde, die das Lied optimal unterstützt und Nina mit der Kamera spielen lässt (viele Close-ups!). Denn der ESC 2012 folgt anderen Regeln als der Grand Prix 1968. Das HEUTE veröffentlichte Video zur italienischen Fassung (siehe unten) weist da einiges an Ideen auf und stimmt hoffungsvoll. Dann könnte es durchaus heißen: Benvenuto a Roma al Eurofestival 2013. Meine Stimme hat Signorina Zilli in jedem Fall sicher.

Italien 2012: Nina Zilli – L’amore è femmina (Englisch-Italienisch)

Italien 2012: Nina Zilli – L’amore è femmina (Italienisch)

Link zu Ninas Facebook-Seite
Link zur Website (Sito Ufficiale)

PRINZ-Blog-Urteil

Songqualität: 9/10
Interpretation: 8/10