ESC-Songcheck (4): „Bones“ von Equinox

Zu fast nachtschlafender Zeit gegen halb acht Uhr morgens am 12. März wurde der vorletzte Beitrag für den ESC 2018 online vorgestellt. Wer sich aufgrund der Vorjahre Hoffnungen auf einen chartstauglichen Mainstream-Song gemacht hatte, wurde eventuell enttäuscht. Der diesjährige bulgarische Beitrag ist eine eher düstere Angelegenheit.

 

Die Interpreten

Und dabei stammt das Werk aus demselben Symphonix-International-Stall wie auch die beiden überaus erfolgreichen Vorgänger. In ähnlicher Besetzung wie zuletzt zeichnen heuer Borislav Milanov, Trey Campbell, Joacim Persson und Dag Lundberg verantwortlich für den Song vom Goldstrand. Wobei dieses Jahr nicht nur das Autoren- und Produzententeam international besetzt ist, sondern auch ein Teil des Acts selber.

Equinox nennt sich das Quintett, das keine organisch gewachsene Band ist, sondern eine vor wenigen Monaten zusammengestellte „Supergroup“ – will sagen: fünf bisherige Einzelkämpfer, die sich eigens zu diesem Projekt zusammengetan haben. Drei von ihnen stammen aus Bulgarien selber, zwei sind Amerikaner.

Darunter auch einer der Autoren, Trey Campbell. Die anderen sind Zhana Bergendorff, Georgi Simeonov, Vlado Mihailov sowie Johnny Manuel aus Michigan. Jeder von ihnen hat schon ein paar Järchen Karriere und Bekanntheit zu verbuchen, teilweise über Casting-Formate, als Bandleader oder einfach als erfolgreicher Songwriter.

Equinox entstanden eher zufällig, als Producer Boris Milanov den Song „Bones“ Georgi Simeonov gab und man begann, mit verschiedenen Stimmen zu experimentieren. So kam eines zum anderen und ein Projektmitglied nach dem anderen kam an Bord. So spannend das auch klingen mag, sicherlich ist es auch ein Risiko zu versuchen, einen so bunt zusammengewürfelten Haufen zu einer überzeugenden Einheit wachsen zu lassen. Und Authentizität und Ausstrahlung sind nun mal das A&O bei diesem medialen Großevent.

 

Der Song

„Bones“ klingt als Titel zunächst mal martialisch, und ohne etwas Hintergrundrecherche hinsichtlich der Botschaft des Textes lässt einen der düstere Charakter dieses Midtempo-Stücks beim ersten Hinhören eher frösteln, als dass es einem warm ums Herz wird. Wer sich das Ganze gleich als Video angeschaut hat, wird die maximal schwarz-dominierte Stimmung spontan irgendwo zwischen mystisch-spannend und depressiv einordnen.

Solo-Strophen wechseln sich mit choralen Hinführungen und Refrains ab. Die Stimmen der farbigen Sänger legen sich sehr wohltuend über einfache moderne Beats, während beim Einsatz Zhannas und der andern sehr vielschichtige Klänge erzeugt werden. Spontan fühlte es sich wie eine Mischung aus The Weeknd und Enya an, erinnert mich stellenweise auch an die (fabelhafte) Band The Christians aus den 80ern – kennt die noch wer?

Richtig knallig ist das aber eben nicht, und wenn man sich nicht voll drauf einlässt, sondern bunte Pop-Harmonien oder klassische Balladendramatik erwartet, könnte man es auch als dahinplätschernd oder eintönig empfinden. Zumal man sich mit den Strophen Zeit lässt, so dass es hinten raus „nur“ noch für ein Outro reicht.

Textlich ist das Ganze wesentlich warmherziger gemeint – passend zur Tag-und-Nacht-Gleiche (=Equinox) am 20. März erschienen einige Statements der Künstler, die die Botschaft erläutern: Liebe muss gerade heutzutage über das physische – versinnbildlicht durch die Knochen („Bones“) – hinausgehen, um vollkommen zu sein. Oder über Grenzen gehen, wie die Band selber. Oder – und das fand ich die interessanteste, weil überraschendste Erklärung –  der Text spricht von der Toleranz und Weltoffenheit Bulgariens.

Bulgarien 2018: Equinox – Bones

 

Die Präsentation

Das Video gibt zunächst kaum eindeutige Hinweise, wohin diese Reise optisch konkret gehen wird. Zu dunkel, zu statisch, um eine mitreißende Bühnenperformance zu umreißen. Die mystische Stimmung wird sicherlich durch eine dunkle Grundoptik mit regelmäßigen Wechseln zu Lichteinfall und durchschimmernden Farben gut wiedergegeben. Das könnte ich mir auch in Lissabon gut vorstellen.

In jeden Fall sollten aber die – sehr unterschiedlichen, und sehr ausdrucksstarken – Gesichter der fünf Protagonisten deutlicher gezeigt werden, damit auch Gestik sichtbar wird. Und hier liegt auch das schon angedeutete Risiko. Die fünf müssen in ihrer Unterschiedlichkeit die Message des Songs überzeugend als Gruppe rüberbringen, und nicht als getrennte Einzelkämpfer, die sich einander das Wasser abgraben. Das könnte eine Herausforderung werden, was aber einem Choreographen-Kaliber wie Sacha Jean Baptiste sicherlich eine willkommene Aufgabe sein wird. Letztes Jahr hatte die Schwedin gleich vier Acts des ESC 2017 zur Bühnenreife verholfen.

Verglichen wurde „Bones“ im Netz übrigens mit „Skeletons“ (Aserbaidschan 2017), aber auch mit „Nobody but you“ (Österreich 2018), wobei Letzteres aber das eher heitere Geschwisterchen der Knochen-Hymne sein dürfte. Ganz so überinszenieren wie die Azeris mit dem Pferdekopf würde ich Equinox allerdings nicht. Am Ende soll dem Zuschauer klar werden, dass die Liebe im Übergang von Dunkelheit zur Helligkeit liegt (womit man bei Equinox wirbt), und keine tausend Fragezeichen im Kopf herumschwirren…

Wie gesagt, das wird spannend. In der Semi-Prognose habe ich dem Paket allerdings nur 40 Prozent Qualifikationschance eingeräumt.

 

Was PRINZ-Blogger darüber denken

DJ Ohrmeister: Klar, da war erstmal ein Raunen in der Bubble, weil „Bones“ so gar nicht in die Reihe der gefälligen bulgarischen Beiträge der letzten Zeit passen mag. Es ist zwar ziemlich simpel, aber wenn dieses Zusammenspiel der Stimmen live so klappt wie im Video, kann das richtig einschlagen. Oder als Platz 16 im Semi rausgehen, hier ist wirklich alles möglich.

Marc: Die Band Equinox wird es schwer haben, in die extrem erfolgreichen Fußstapfen von Poli & Kristian zu treten. Trotzdem hat ihr düsterer und spiritueller Sound etwas Magisches und könnte bei entsprechender Inszenierung positiv auffallen.

Matthias: „Bones“ ist zwar ein gut produzierter Popsong, er kommt mir leider ein wenig zu kühl und ohne Gefühl daher. Musik wie von „boneless“ Robotern gemacht – dabei soll die doch durch Haut und Knochen gehen. Musik wie Teflon, da bleibt nix haften.

Peter: Was habe ich auf diese Veröffentlichung hingefiebert?! Symphonix International haben die Spekulation auf einen Megasong schließlich tüchtig angereizt. Am Ende war ich ein bissel enttäuscht. „Bones“ ist gut, klar, aber längst nicht so gut wie Bulgariens Output der letzten beiden Jahre. Nicht so catchy, nicht so kraftvoll wie erwartet. Cesars Song von SI finde ich da viel, viel besser.

Jeder ESC-Titel wird im Songcheck von allen PRINZ-Bloggern nach ihrem persönlichen Gusto auf einer 11-stufigen Skala (12-10-8-7-6-5-4-3-2-1-0) bewertet, wobei 12 die höchste Wertung darstellt. Die Wertungen werden addiert. Unser persönliches subjektives Gesamtbild:

 

Die Prognose der PRINZ-Blogger

Hier geht es nicht um das persönliche Gefallen, sondern um eine Prognose. Bulgarien hat nach Einschätzung aller PRINZ-Blogger eine Qualifikationschance von 68 Prozent und landet damit auf Platz 8 in Semifinale 1. Hier geht es zur Prognose der PRINZ-Blogger für das erste Semifinale.

 

Social Media

Equinox haben sich flugs einen Account bei Twitter und bei Facebook zugelegt.

 

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Vorschau: Heute Nachmittag macht sich BennyBenny Gedanken über die estnische Opernlady.

 

Bereits erschienen:

Semifinale 1
(1) Albanien: „Mall“ von Eugent Bushpepa
(
2) Aserbaidschan: „X My Heart“ von Aisel
(3) Belgien: „A Matter Of Time“ von Sennek