ESC Songcheck (4): „City Lights“ von Blanche


Aber hallo!! Belgien hat in den letzten Jahren die Kurve gekriegt beim ESC. Der wallonische Landesteil, der 2017 wieder an der Reihe ist, knüpft mit Blanche locker an seinen letzten Vertreter Loïc Nottet an. Musikalisch in jedem Fall. Auch, was die Platzierung im Wettbewerb betrifft?

Vor zwei Jahren war RTBF, der öffentlich-rechtliche TV-Sender der französischsprachigen belgischen Region Wallonien, ziemlich konsequent: Man wählte intern keinen geringeren als einen Finalisten von „The Voice Belgique“, Loïc Nottet. Für dieses Jahr griff man zwar wieder auf den Kreis der Casting-Teilnehmer zurück, doch Ellie Delvaux kam in der fünften Staffel der TV-Show im Frühjahr 2016 nicht mal in die Nähe des Finales. Kurzes Runzeln der Stirn also im November 2016, als RTBF schon mal Ellie als Kandidatin für Kiew angekündigt.

Egal. Offenbar überzeugte die am 10. Juni 1999 Geborene intern. Das verwundert nicht, denn das, was RTBF dann Wochen später – genauer gesagt am 7. März 2017 – präsentierte, konnte sich durchaus hören lassen. Da stellte der Sender nämlich Ellies Song für Kiew, „City Lights“, offiziell vor, und da zeigte sich die interessante Breite von Ellies Stimme. Deren Besitzerin allerdings nun plötzlich Blanche hieß. Wie es zum Namenswechsel kam, konnte ich leider nicht herausfinden.

 

Der Song

Zwischen „Voice Belgique“ und der ESC-Nominierung arbeitete Ellie vor allem mit der belgischen Elektro-Indiepopband Roscoe, die von Beobachtern gern mit The xx verglichen wird. Und wer Blanches „City Lights“ etwa mit „Hands Off“ von Roscoe vergleicht, stellt die Parallelen schnell fest. Kein Wunder: „City Lights“ wurde von Blanche und Roscoe-Frontmann Pierre Dumoulin geschrieben und ist ähnlich melancholisch, verbunden mit elektronischen Klängen, die zusammen mit der ziemlich reduzierten Instrumentalisierung eine unheimlich atmosphärische Stimmung erzeugen.

Ähnlich schlicht und doch eingängig ist der Text. „All alone in the danger zone / Are you ready to take my hand?“, das lässt sich schnell merken und mitsingen. Worum geht es? Tja, das bleibt recht verrätselt. Offenbar um eine Zweierbeziehung, um „Zwei gegen den Rest der Welt“, aber auch um Zweifel, ob das Liebesband hält und Bestand hat. Lyrisch verknappt, Andeutungen müssen genügen.

Das Lied setzt in den ersten 10 Sekunden ein wie eine Ballade: Blanches dunkles Timbre zu schlichten Klavierakkorden, doch nach 11 Sekunden setzt erst ein Clap-Beat ein, ehe 9 Sekunden später der Elektrobeat startet, der uns bis ans Liedende führen wird und nach gut einer Minute sogar noch verstärkt wird, so dass der Beat noch treibender wirkt. Bei 1:48 wechselt der Sound wieder ein wenig, wird „schwebender“, ehe bei 2:01 der Beat kurz aussetzt, um in einem Zwischenteil den Klavierakkorden wieder mehr Platz einzuräumen, ehe es elektrobeatlastig ans Ende geht. Der Aufbau funktioniert, man hört gespannt zu. Interessant ist auch, wie Blanche mit ihrer Stimme spielt und in dem ruhigen Zwischenteil plötzlich kurzzeitig in eine Kopfstimme wechselt. Das Stück ist wunderbar konzipiert – und im Musikvideo toll umgesetzt.

Belgien 2017 – Blanche: City Lights

 

Die Präsentation

Mangels Vorentscheid und öffentlicher Präsentation bleibt die Gretchenfrage: Wie wird das alles live klingen, auf einer Bühne? Wird Blanche dem gerecht werden, was im Video zu hören ist? So stürzen sich Fans natürlich auf das wenige, dessen sie habhaft werden können. Schnell kursierte etwa auf Facebook ein ziemlich schlecht mit einem Smartphone gedrehter Clip, ein kurzer Ausschnitt eines Liveauftritts, bei dem Blanche „City Lights“ singt. Der Sound ist schlecht, zu sehen ist auch nicht viel – keine vernünftige Grundlage für ernsthaftere Spekulationen.

Nahe liegt jedenfalls, sich am Musikvideo zu orientieren. Warum sollte nicht auch auf der Bühne auf der Leinwand hinter Blanche ein großer Leuchtball durch ein dunkles Stadtviertel fliegen? Ganz schlicht – nur einfarbiger Hintergrund – sollte es besser nicht sein. Pyro braucht das Lied indes nicht, und auf Tänzer kann man auch verzichten. Bloß keine Experimente mit irgendwelchen (Ballett)tänzern, die sich an der Bühnenseite zur Musik bewegen! Das ist meist Quatsch und entweder lenkt es ab oder droht einen Beitrag der Lächerlichkeit preiszugeben.

Die Kameras sollten sich ohnehin auf die Sängerin konzentrieren, ein Großteil der drei Minuten sollte aus Halbnahe- und Nahe-Einstellungen aus verschiedenen Blickrichtungen bestehen. Wichtig ist – das wissen gerade wir Deutsche dank des Jamie-Lee-Debakels – dass Optik und Lied zusammenpassen müssen. „City Lights“ lebt von der melancholischen, eher kalten Stimmung. Entsprechend muss Blanche aussehen. Mir kommt da spontan der Vergleich mit Lena 2011 in Düsseldorf in den Sinn. Vielleicht nicht ganz so „morbide“ geschminkt, aber in diese Richtung sollte es bei Blanche schon gehen. Sprich: Auf keinen (!!) Fall so wie auf dem folgenden Foto. Schon das Kleid würde nicht zu „City Lights“ passen.

 

Was PRINZ-Blogger darüber denken

DJ Ohrmeister: Drittes Jahr in Folge ein supercooler Beitrag aus dem Land der Moules frites, das freut mich sehr! Die Verwandlung vom Casting-Sternchen Ellie Delvaux hin zu Blanche, der coolsten Sau von Kiew, nimmt man ihr zwar nicht ganz ab, aber die nicht-belgischen Zuschauer wissen das im Mai ja nicht. Mit die coolste Stimme dieses Jahr, Respekt!

Jan: Beeindruckender Gegensatz zwischen fesselndem Song und einer Art „Sabine von nebenan“. Kann eine Top-Platzierung geben oder der große FFF werden.

Marc: Verspüre von der ersten Sekunde des Songs an Gänsehaut und bin fasziniert von diesem düsteren, melancholischen und avantgardistisch anmutenden Werk. Damit schwimmt Belgien weiter auf der Welle des Erfolgs.

Matthias: Ein großartiger Beitrag! Ich liebe dieses kühle Lanadelreyhafte, dazu die Schlichtheit der Instrumentierung, die den Beat ins Zentrum rückt. Ich hoffe, Blanche bringt das Lied und seine Stimmung auch live gut rüber.

Tjabe: Das Land, insbesondere die Wallonie, wagt sich in den letzten Jahren an originelle Beiträge. Wie schon Loïc Nottet hätte Blanche rein von qualitativen Gesichtspunkten den Sieg verdient.

Jeder ESC-Titel wird im Songcheck von allen PRINZ-Bloggern nach ihrem persönlichen Gusto auf einer 11-stufigen Skala (12-10-8-7-6-5-4-3-2-1-0) bewertet, wobei 12 die höchste Wertung darstellt. Die Wertungen werden addiert. Unser persönliches subjektives Gesamtbild:

Die Sonne steht dafür, dass dieser Beitrag der Favorit des Bloggers unter allen ESC-Titeln dieses Jahres ist.

 

Die Prognose der PRINZ-Blogger

Hier geht es nicht um das persönliche Gefallen, sondern um eine Prognose. Belgien hat nach Einschätzung aller PRINZ-Blogger eine Qualifikationschance von 83 Prozent und landet damit auf Platz 3 in Semifinale 1. Hier geht es zur Prognose der PRINZ-Blogger für das erste Semifinale.

 

Was PrinzBlog-Leser darüber denken

Alexander: Ich kann nur sagen, dass ich den Song liebe! Er läuft bei mir in Dauerschleife, ich habe ihn meinen Freunden gezeigt und hoffe einfach, dass er in die Top3 kommt. Verdient wäre es in jedem Fall. Ich lehne mich sogar soweit aus dem Fenster und behaupte, dass wir dieses Lied nach dem ESC im Radio hören werden – und das nicht zu wenig. City Lights ist das neue Sorry.

escfan05: Ich weiß gar nicht, was die Leute an diesem langweiligen Quark haben. Da ist ja unser Song besser. Der Song ist einfach nur monoton und langweilig. Da war Belgien 2015 und 2016 besser, das wird ein großer Absturz im Halbfinale.

kleenerstef: Top Song, top Sängerin. Elektropop vom Feinsten. Platz 1 auf dem Siegertreppchen wäre meiner Meinung nach – bis jetzt – mehr als verdient. Gefällt mir inzwischen besser als der italienische Beitrag. A propos Elektropop: Wenn man bedenkt, dass wir mit Marie Marie 2014 die Möglichkeit gehabt hätten, einen ähnlichen Beitrag ins Rennen zu schicken…

Jorge: Herzsong ohne balladeske Melodiebögen, tiefgründig, geheimnisvoll gebrochene Stimme (mir fällt spontan erstmal Imany ein) mit urbanem flavour. Mit allem Drum und Dran, was moderner Pop braucht. Bin hin und weg!

DerMoment1608: Ich habe dem Song jetzt mehrere Chancen gegeben. Denn eigentlich bin ich da absolute Zielgruppe. Elektro-Pop mit vielen Soundeffekten und eine dunkle, eigenständige Stimme. Aber ich komme einfach nicht über ein „find ich ganz gut“ hinaus. Die Melodie läuft so an mir vorbei. Irgendwie das genaue Gegenteil von Verona und Yodel it. Da ist die ganze Verpackung schrecklich, aber die Melodie frisst sich bei mir fest. Und bei Belgien stimmt jetzt die Verpackung, aber die Melodie ist ungreifbar. Irgendwie läuft dieses Jahr was schief, dauernd gefallen mir die Songs, die mir gefallen sollten, nicht so richtig *grummel*

 

Social Media

Ellie/Blanche hat ihre eigene Website und ist auch in den sozialen Medien präsent: auf Facebook, Instagram und Twitter könnt ihr der gebürtigen Brüsselerin folgen.

 

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Vorschau: Jan bespricht morgen den düsteren Vogel aus Finnland.

 

Bereits erschienen:

(1) Albanien: „World“ von Lindita
(2) Aserbaidschan: „Skeletons“ vn DiHaj
(3) Australien: „Don’t come easy“ von Isaiah