ESC-Songcheck (40): „When the music dies“ von Sabina Babayeva

Das Gastgeberland im Eurovision Song Contest zu vertreten, ist niemals eine einfache Aufgabe, erst recht nicht, wenn man an einer außergewöhnlichen Erfolgsbilanz und an übersteigerten Erwartungen gemessen wird. Sabina Babayeva wird für die Azeris in Baku „When the music dies„, eine moderne, an RnB und Soul orientierte, professionell produzierte Power-Ballade schmettern. Und dennoch, etwas scheint diesmal zu fehlen. 

Wie in den letzten Jahren traktierte das aserbaidschanische Fernsehen Ictimai seine Zuschauer mit einer unsäglichen und nahezu unendlichen Castingshow, in deren Verlauf begrenzt talentierte Teenies und Twens Songs des Eurovision Song Contest und andere Pop- und Rock-Klassiker abschlachteten. Der Prinz-Blog stieg wohlweislich erst zum Finale ein, für das man starke Nerven brauchte (hier unser Live-Blog) und das wie üblich ohne einen Siegersong endete. Die fünf hoffnungsvollen Interpreten mussten zunächst ein traditionelles Volkslied, dann zwei moderne Hits singen.

Das TV-Publikum hatte nichts zu sagen, es gab kein Televoting. Eine Fachjury entschied sich für Sabina Babayeva, die unter anderem einen Whitney-Houston-Tribut mit „The greatest love of all“ gesungen hatte – der Tag der Vorentscheidung war zeitgleich der Tag der Trauerfeier der US-Diva. Über die Qualität mag man sich hier selbst ein Bild machen:

Sabina sings Whitney (Bless her)

Sabina Babayeva (der Name ist anders als bei vielen ihrer ESC-Sangeskollegen echt) hatte seit dem ESC-Debüt ihres Landes 2008 in JEDER Vorentscheidung teilgenommen, größter Erfolg war 2011 der dritte Platz, sie scheint also einfach auch mal dran gewesen zu sein.

Die 32-Jährige schloss das Asaf Zeynally Musik College mit einem Abschluss in Vocal Arts ab und betreibt seitdem ihre Sangeskarriere. In Aserbaidschan kennt man sie bislang vor allem als Interpretin von „Roya kimi“, einem Titelsong der populären TV-serie „Bayaz hayat„.

Zumindest einem ihrer aktuellen ESC-Konkurrenten ist Sabina auch schon näher gekommen, wenn auch nicht so biblisch züngelnd wie Eva Rivas vom Lieblingsnachbarfeind Armenien. Mit Anri Jokhadze hatte Sabina bereits vor ihrer Nominierung ein etwas zähes Duett aufgenommen (siehe unten), logisch, dass sie auch Gast in der georgischen Vorentscheidung war und das dortige musikalische Niveau durch ihren Auftritt sichtlich anhob.

Sabina im Duett mit „Jocker“ Anri – Sikhvarulis tamashi

Selbstverständlich besuchte Sabina als musikalische Dauer-Botschafterin von Baku respektive Aserbaidschan einige Vorentscheidungen (auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch gar kein ESC-Lied hatte), traf ihre Konkurrenz etwa in Ungarn und Malta und fuhr später auch zu den ESC Preview Concerts nach Amsterdam und London. Ihre zahlreichen Aktivitäten werden von ihrer eigenen Homepage ebenso wie von eurovision.az verfolgt und fan-gerecht aufbereitet.

Sabinas Auftritt in Amsterdam: Der ESC-Song in Englisch/Azeri (mutmaßlich Playback)

Zum Wettbewerbstitel: Wie immer ließ Aserbaidschan den ESC-Beitrag im Ausland fertigen. „When the music dies“ ist eine dramatische Ballade, die entfernt an Beyonce, Whitney Houston oder auch an Mariah Carey erinnert und wurde vom gleichen schwedischen Erfolgsteam geschrieben, das für Ell & Nikkis Erfolg in Düsseldorf mit „Running scared“ verantwortlich war.

Stefan Örn und Sandra Bjurman sowie Johan Kronlund und Anders Bagge schneiderten „When the music dies“ Sabina praktisch auf den Leib, denn der Titel reizt ihre vorhandenen stimmlichen Fähigkeiten gut, manche meinen erschöpfend, aus. Für das Preview-Video, das äußerst kühl und stylish daherkommt, scheinen keine Kosten und Mühen gescheut worden zu sein – aber das gilt ja praktisch für die komplette ESC-Organisation in Baku, soweit bekannt.

Mir persönlich haben bislang alle aserbaidschanischen Titel ausnehmend gut gefallen, am besten Safuras „Drip Drop“. Ich drücke es mal so aus: Ich möchte „When the music dies“ wirklich herausragend finden, aber so recht funktioniert das nicht. Ich finde, Sabina kam bislang in Interviews und auch beim Auftritt in Amsterdam leider recht künstlich und maniriert rüber (sie mokierte sich über unseren Gastblogger Chris, der ihr zugegebenermaßen etwas provokant mit einem T-Shirt in den armenischen Farben unter die Augen trat).

Um auf die eingangs gestellte Frage (Was fehlt?) zurückzukehren, lautet meine Antwort: Herz(blut) und Authentizität. Letztlich kann ich Sabina Babayeva das Gefühl, das das Lied erfordert und vermitteln soll, einfach nicht richtig abnehmen. Das ist schade, denn „When the music dies“ ist clever produziert und hat als erster aserbaidschanischer Beitrag so etwas wie eine nationale Note: Es wurden landestypische Traditionsinstrumente wie das Streichinstrument Kamancha, die Doppelrohrblatt-Flöte Balaban sowie Davul and Ghawal, spezielle Trommeln, bei den Aufnahmen verwendet. Und: Alim Qasimov, eine Legende des sogenannten Mugham-Musikstils, hatte offenbar auch seine Finger im Spiel.Wir wollen mal hoffen, das dieser Teil der Musikkultur des Landes beim Finalauftritt in Baku auch zu sehen sein wird und nicht etwa schwedischen Backgroundsängerinnen geopfert wird.

Bei den Buchmachern ist das erfolgsverwöhnte Aserbaidschan diesmal nicht bei den Topfavoriten. In der aktuellen Wettquoten-Übersicht steht Sabina lediglich auf Rang 15 (!) mit Quoten von 1:25 bis 1:66 für einen Sieg. So schlimm wird es wohl nicht kommen, die Top Ten sollten wohl möglich sein, das Treppchen halte ich aber angesichts der sehr viel charismatischeren Konkurrenz aus Schweden, Italien, Russland, Serbien und Spanien für praktisch ausgeschlossen.

Aserbaidschan 2012: Sabina Babayeva – When the music dies (Offizieller Videoclip)

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Link zum Live-Blog des aserbaidschanischen Finals
Link zur Präsentation von „When the music dies“

PRINZ-Blog-Urteil

Songqualität: 8/10
Interpretation: 5/10