ESC Songcheck (42): „Perfect Life“ von Levina

Sie soll(te) Lena 2 werden und Deutschland wieder auf den Erfolgspfad beim Eurovision Song Contest bringen: Isabella „Levina“ Lueen. Der NDR kopierte dafür mehr oder weniger das Vorentscheidformat von 2010. Ob mit der Künstlerin und ihrem Song „Perfect Life“ der perfekte Beitrag gefunden wurde, überprüfen wir mit diesem Songcheck.

Levina ist ganz sicher keine Lena 2. Sie ist älter, hat eine ganz spezielle Stimme und ist musikalisch viel erfahrener als es Lena Meyer-Landrut seinerzeit war. Schon früh verfolgte die heute 25-Jährige ihren Plan A: die musikalische Karriere. Als Kind hatte sie erste Gesangsauftritte, gewann mit zehn Jahren Jugend musiziert, schrieb eigene Musik und studierte Gesang und Komposition in London. Mit ihrem aktuellen Studium des Musikmanagements rundet sie ihre Ausbildung ab.

Im Herbst 2016 folgte Levina dem Aufruf von LenaTim Bendzko und Florian Silbereisen und bewarb sich für den deutschen ESC-Vorentscheid 2017. Sie kam unter die letzten 33 und wurde schließlich als eine von fünf Kandidaten für die Live-Show am 9. Februar in Köln ausgewählt. Mit ihrer Performance von „When We Were Young“ in der ersten Runde überzeugte sie bereits Zuschauer und Jury und war schließlich nicht mehr zu stoppen. Im Finale trat sie mit den beiden zur Wahl stehenden Titeln gegen sich selbst an.

Mittlerweile hat Levina eine umfangreiche Promotion-Tour absolviert. Sie bereiste kleinere Länder vor allem auf dem Balkan und im Kaukasus. Darüber hinaus war sie bei mehreren Pre-ESC-Events dabei. Heute erscheint ihr zwischenzeitlich produziertes Album „Unexpected“.

Der Song

Dem offiziellen Marketing-Sprech folgend ist „Perfect Life“ eine ansteckende, grenzüberschreitende Pophymne für ein modernes Europa. Umgangssprachlicher ist es ein Mid-Tempo-Popsong mit einem aktivierenden Intro, anständiger Melodieführung und einem schwachen Refrain.

Das stakkatohafte Intro ließ nach der Veröffentlichung Plagiatsvorwürfe aufkommen, weil mancher darin „Titanium“ von David Guetta feat. Sia, andere hingegen Wolfgang Petrys „Wahnsinn (Hölle, Hölle, Hölle)“ zu erkennen meinten. Gerade die Ähnlichkeiten zu „Titanium“ wurden in der gerevampten („verdichteten“) Fassung durch einen stärkeren Einsatz von Streichern abgeschwächt.

Gegen das starke Intro, das Spannung auf einen energiegeladenen Refrain aufkommen lässt, fällt der Refrain deutlich ab. Entgegen der Erwartung wird das Tempo gedrosselt und die Instrumentierung reduziert. Das lässt beim ersten Hören eine Art Brücke erwarten, die dann jedoch nur wieder nicht zum Refrain führt. Stattdessen ist es tatsächlich der Refrain, der von der zweiten Strophe gefolgt wird.

Nach dem zweiten Refrain würde man womöglich wieder eine Brücke erwarten, die zum Finale führt. Doch weit gefehlt. Es folgt derselbe Refrain ohne Änderung, ohne spürbare zusätzliche Elemente bevor das Lied ausfadet. Der Liedaufbau ist damit konservativer als ein konservativer ESC-Song, von dem man eben eine Brücke, eine Steigerung zum Refrain und/oder eine Rückung erwarten würde. Doch all das bleibt aus, wodurch die anfängliche Aktivierung der Hörer durch das Intro verpufft.

Inhaltlich ist das Lied eine Aufforderung, seinen Träumen zu folgen und sich von Rückschlägen oder Fehlern nicht entmutigen zu lassen. Schließlich sei es „sometimes … wrong before it’s right“. Geschrieben wurde es von den US-Amerikanern Lindy Robbins, Dave Bassett und Lindsey Ray, womit der NDR wieder einmal nicht auf heimische Autoren setzt. Lindy Robbins ist seit 20 Jahren erfolgreiche Liedschreiberin und hat mit ihrem Team u. a. Anastacia, die Backstreet Boys, Jason Derulo sowie Olly Murs mit Liedgut versorgt.

Deutschland 2017 – Levina: „Perfect Life“ (Vorentscheid-Version)

Deutschland 2017 – Levina: „Perfect Life“ (Offizielles Video)

Die Präsentation

Beim Vorentscheid stand Levina vergleichsweise statisch auf der Bühne. Geplant waren höchstens ein paar Handbewegungen. Den Rest musste ihr Charisma besorgen. Da der NDR aus den Problemen der letzten Jahre gelernt hat, wurde für dieses Jahr ein Choreograf engagiert: der Österreicher Marvin Dietmann soll den Beitrag entwickeln. Wie Levina in Gesprächen berichtete, gab es von ihm zwei Vorschläge, von denen man sich auf einen verständigt habe. Dieser sei zwar reduziert, soll aber trotzdem geeignet sein, um zwischen den anderen ESC-Beiträgen aufzufallen.

Gefühlt würde ich für das genaue Gegenteil plädieren: Visuelle Effekte sollten den Charakter der Liedpassagen unterstreichen, gleichzeitig aber auch den vergleichsweise schwachen Instant Appeal des Songs ausgleichen. Mit anderen Worten: her mit den Männern in Hamsterrädern, her mit den Klavieren, die brennen oder aus denen sich eine Ballerina schält, her mit Sandmalern und Dreifachtrickkleidern. Wir brauchen überraschende Momente, die den Zuschauer bei Laune halten und bestenfalls in Staunen versetzen. Natürlich ist eine visuelle Trennung zwischen Strophen und Refrain machbar, z. B. über Farben. Und wenn schon der Song keinen Höhepunkt hat, muss zumindest der Pyro-Vorhang her.

Vermutlich kommt es ganz anders und Levina wird als sympathische, bodenständige Frau inszeniert, die patent ihr Leben meistert und das dann als perfekt ansieht.

 

Was PRINZ-Blogger darüber denken

BennyBenny: Eigentlich ein schöner Song, wenn nur dieses unausgegorene Arrangement nicht wäre. Schade, denn nach dem Vorentscheid wäre genug Zeit gewesen, hier noch zu korrigieren.

Douze Points: Ein Lied, dessen Refrain wie eine Brücke klingt, hat es schwer beim ESC. Mal schauen, was das professionelle Polieren noch rausholen kann.

OLiver: Die Interpretin kann so viel mehr als das Lied ihr erlaubt zu zeigen. Mich erinnert der radiogängige Song an die Nummer der No Angels aus 2008, die ich mir auch heute noch gerne anhöre. Ich fürchte nur, „Perfect Life“ ist ähnlich schwierig erinnerungswürdig und markant auf der Bühne umzusetzen und hoffe dennoch, dass es diesmal anders ausgeht wie üblich.

Peter: Levina hat eine der besten Stimmen im Wettbewerb, mit ihren langen Beinen sieht sie einfach toll aus und hat eine sympathische Ausstrahlung. Leider ist der Song mäßig und verspricht in den ersten 60 Sekunden viel mehr als er in den weiteren 120 Sekunden tatsächlich liefert. Es ist nicht gut, dass es keinen spürbareren Revamp gab, der Titel hat mehr Potential. Seit Spanien so an Zuspruch gewinnt, fällt mir kein einziger Song ein, den wir im Finale klar schlagen werden.

Tjabe: Eigentlich mag ich das Lied und die Stimme der Interpretin, aber wenn man beim Schnelldurchlauf sich nicht entsinnen kann, dass man den deutschen Beitrag gehört hat, macht einen das schon nachdenklich. Trotzdem drücke ich Levina die Daumen.

Jeder ESC-Titel wird im Songcheck von allen PRINZ-Bloggern nach ihrem persönlichen Gusto auf einer 11-stufigen Skala (12-10-8-7-6-5-4-3-2-1-0) bewertet, wobei 12 die höchste Wertung darstellt. Die Wertungen werden addiert. Unser persönliches subjektives Gesamtbild:

Die Prognose der PRINZ-Blogger

Hier geht es nicht um das persönliche Gefallen, sondern um eine Prognose. Deutschland landet nach Einschätzung der PRINZ-Blogger auf den Rängen 21 bis 26 im Finale. Hier geht es zur Prognose der PRINZ-Blogger für die BIG 5 und den Gastgeber Ukraine.

 

Was PrinzBlog-Leser darüber denken

MichaHH: Ich glaube, mit Levina haben wir eine Künstlerin mit ganz viel Potenzial am Start. Soviel zum positiven Teil. Der Song? Nett, wirklich nett. Nur, nett ist ja bekanntlich die kleine Schwester von….  Perfect Life plätschert so dahin – besonders im letzten Drittel fehlt mir da der Aha-Effekt – irgendein wie auch immer gearteter Höhepunkt. Wie so viele Kompositionen der letzten Jahre, ist für mich ein wenig lieblos dahin produziert. Schade, sehr schade. Das arme Mädel wird viel mit ihrer Bühnenpräsenz und ihrem Gesang herausholen müssen. Aber vielleicht kommt ja auch alles ganz anders…

Markosinus: Oje , das wird wieder kein Sieg für Germany. Dachte eigentlich, dass es heuer einen Favoriten Song geben wird, aber dieses lied ist echt so belanglos. Tut nicht weh, ist aber auch nicht überwältigend. Leider hat Levina eine unsympathische Bühnenausstrahlung für mich, genauso wie Ann Sophie damals. Sorry, das wird wieder mal ein hinterer Platz.

Little Imp: Levinas Stimme definitiv mit Wiedererkennungswert und der richtige Song hat gewonnen. In ihrer derzeitigen Aufmachung finde ich ihre Ausstrahlung allerdings noch sehr deutsch und wenig international.

GEF: Das wird wohl leider wieder nix. Der Song – wie auch Wildfire – ist einfach leider total belanglos. Nicht total schlecht, aber ohne wirklichen Höhepunkt. Dazu fehlen eben auch sämtliche Ecken und Kanten sowie irgendetwas, dass überhaupt hängenbleiben könnte. Schade…. Ich hätte mir mehr Mut gwünscht. Warum müssen es überhaupt immer Einzelinterpreten mit fremden Songs sein? Warum diese unnatürliche Cating-Entscheidungen? Und warum gibt es dann überhaupt nur 2 Songs und dann solche schwachen?

FB: Jaaaa! Perfect Life ist super! Gerade nochmal bei Spotify angehört. Sehr starker Song!! Ihr werdet schon sehen, das wird nicht letzter. Beim ESC schauen eben nicht nur Fans zu, die nur das Gehör für Plastikpop haben. Und wenn es dann sooo eindeutig gegen das hochgejubelte Wildfire gewinnt, dass im Refrain ganz schon lahm ist, dann ist das doch ein gutes Zeichen. Damit müssen wir uns nicht verstecken.

 

Social Media

Levina ist auf allen wesentlichen Social-Media-Kanälen aktiv: eigene Website, Facebook, Twitter, Instagram sowie YouTube.

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Vorschau: Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss, konkret der übergroße Favorit Francesco Gabbani aus Italien. Ob Occidentali’s Karma den Erwartungen gerecht werden kann oder wir den großen Fan-Favorite-Fail aller Zeiten erleben, prüft Jan im letzten Songcheck dieser ESC-Saison. 

 

Bereits erschienen:

Semifinal 1:
(1) Albanien: „World“ von Lindita
(2) Aserbaidschan: „Skeletons“ von DiHaj
(3) Australien: „Don’t come easy“ von Isaiah
(4) Belgien: „City Lights“ von Blanche
(5) Finnland: „Blackbird“ von Norma John
(6) Georgien: „Keep the faith“ von Tamara Gachechiladze
(7) Montenegro: „Space“ von Slavko Kalezić
(8) Portugal: „Amar pelos dois“ von Salvador Sobral
(9) Schweden: „I can’t go on“ von Robin Bengtsson
(10) Griechenland: „This is love“ von Demy
(11) Polen: „Flashlight“ von Kasia Moś
(12) Moldawien: „Hey Mamma!“ von SunStroke Project
(13) Island: „Paper“ von Svala
(14) Tschechien: „My turn“ von Martina Bárta
(15) Zypern: „Gravity“ von Hovig
(16) Armenien: „Fly with me“ von Artsvik
(17) Slowenien: „On my way“ von Omar Naber
(18) Lettland: „Line“ von Triana Park

Semifinal 2:
(19) Serbien: „In too deep“ von Tijana Bogićević
(20) Österreich: „Running on air“ von Nathan Trent
(21) Russland: „Flame is burning“ von Yulia Samoylova
(22) Mazedonien: „Dance alone“ von Jana Burčeska
(23) Malta: „Breathlessly“ von Claudia Faniello
(24) Rumänien: „Yodel It!“ von Ilinca ft. Alex Florea
(25) Niederlande: „Lights and Shadows“ von OG3NE
(26) Ungarn: „Origo“ von Joci Pápai
(27) Dänemark: „Where I am“ von Anja
(28) Irland: „Dying to Try“ von Brendan Murray
(29) San Marino: „Spirit of the Night“ von Valentina Monetta & Jimmie Wilson
(30) Kroatien: „My Friend“ von Jacques Houdek
(31) Norwegen: „Grab the Moment“ von JOWST
(32) Schweiz: „Apollo“ von Timebelle
(33) Weißrussland: „Historyja majho žyccia“ von NAVI Band
(34) Bulgarien: „Beautiful mess“ von Kristian Kostov
(35) Litauen: „Rain of Revolution“ von Fusedmarc
(36) Estland: „Lost in Verona“ von Koit Toome & Laura
(37) Israel: „I feel alive“ von IMRI

Finale:
(38) Spanien: „Do it for your lover“ von Manel Navarro
(39) Großbritannien: „Never give up on you“ von Lucie Jones
(40) Frankreich: „Requiem“ von Alma
(41) Ukraine:“Time“ von O. Torvald