ESC-Songcheck (42): „Standing still“ von Roman Lob

So hat alles angefangen (» Bild). Mit Lausbubencharme, Killersmile und Mikro-Tattoo auf der Brust wird Roman Lob bereits in Folge 1 von „Unser Star für Baku“ zu Everybody’s Darling und zum unangefochtenen Favoriten der Castingshow, Blitztabelle (Ihr erinnert Euch?) hin, Blitztabelle her.


Das gute daran: Mit Roman Lob gibt es nach Lena erneut einen sympathischen ESC Vertreter für Deutschland. Das weniger gute: Es brauchte acht endlos langatmige, dramaturgisch gleichförmige USFB-Folgen, bis endlich das vollzogen wurde, was sowieso alles wussten und wollten: Roman kriegt das Ticket für Aserbaidschan.
Und seitdem ist eine Menge passiert…

Denn die Berichterstattung über den ESC in Baku ist vielfältig und leidenschaftlich. Nur Roman Lob kommt kaum vor. Vielmehr konzentrieren sich die Veröffentlichungen darauf, ob es richtig ist, den ESC in einem Land auszurichten, dass als „Präsidialrepublik“ mit einem Ein-Kammer-Parlament alle totalitären Eigenarten eines autoritär geführten Landes aufweist. Das Regime in Baku kann fast erleichtert beobachten, dass mittlerweile die Kritik an dem Ausrichten der Fußball-EM in der Ukraine wenige Wochen nach dem ESC die kritische Berichterstattung über die Unterdrückung mit Oppositionellen in Aserbaidschan überlagert. Seitdem ist es ruhiger. Fußball schlägt ESC in der öffentlichen Wahrnehmung.

Exkurs: Zum aktuellen Umgang der EBU mit der Menschenrechtsdebatte in Aserbaidschan hat Stefan (Niggemeier) auf seinem Blog ein sehr lesenswertes Stück geschrieben.

Roman Lob (mein relativ-ESC-ferner Kollege gestern beim Lunch: „Wer ist das?“) dient im Feuilleton (und darüber hinaus) überwiegend als einführender Anknüpfungspunkt für politische Diskussionen über Aserbaidschan und die Kaukasusregion. Hinzu kommt, dass der deutsche Vorentscheid 2012 als TV-Event massiv an Awareness verloren hat. Keine nationale Finalshow in der ARD hatte seit Beginn der Quotenmessung eine niedrigere Einschaltquote als die am 16. Februar 2012, als sich Roman (endlich) gegen Ornella de Santis durchsetzte. By the way,  erinnert sich noch jemand an Leonie Burgmer? Oder Polly Zeiler?

Fragt sich, was soll man zu Roman Lob noch schreiben? „Nur Gutes!“ anwortete spontan und energisch Co-Blogger WM, als ich ihn beim gemeinsamen Brunch im famosen Klippkroog in Altona (beste „Eier im Glas“ in HH) danach fragte. Und ergänzte, als er meinen fragenden Blick sah: „Er hat eben keine Ecken und Kanten. Das Eckige und Kantige an ihm ist, dass er keine Ecken und Kanten hat.“

In der Tat ist der fast 22jährige Industriemechaniker immer nett zu allen und mit seinem gewinnenden Wesen erfreulich „down to earth“. Schon 2007 sammelte er erste Castingshow-Erfahrungen und eroberte bei DSDS die Top 20, ehe er mit einer Kehlkopfentzündung unfreiwillig ausscheiden musste. Ein Jahr später wollte er sich dann mit der Boyband „Germany 12 Points“ für den deutschen Vorentscheid bewerben, aber das Projekt versandete, ehe es zu dieser Bewerbung kam. Anfang 2011 gründete er dann die Band Rooftop Kingdom, gemeinsam mit Dejan Stankovic (Gitarre), Marcus Eichelhardt (Schlagzeug), Lucas Henn (Bass) und Christoph Zimmermann (Gitarre). Die Band erlangte in der Westerwald-Region schnell einige Bekanntheit und unterstützte auch seine Bewerbung als Solosänger bei USFB und wird Roman auch nach Baku begleiten (mehr dazu „Baku Backstage mit Rooftop Kingdom“ lest Ihr hier in Kürze auf diesem Blog).

Auch in Baku wird Roman Lob nicht alleine auf der Bühne stehen. Er tritt in der Crystal Hall definitiv mit Band und Backgroundvocals an, ansonsten wird die Inszenierung – der Jamie-Cullum-Komposition seines Songs entsprechend – eher zurückgenommen aufgestellt, also keine Pyrotechnik, kein Purzelbaum (wie zuletzt von Donny Montell in Amsterdam) und kein Klamottenwechsel on stage, keine Geige, keine Eiskünstläufer oder andere Gymnastikprofis und keine Dita von Teese. Mutmaßlich leider auch kein Shirtless-Intermezzo (in Baku sind – trotz 30 Grad Außentemperatur  – sogar kurze Hosen verpönt wie wir hören). Unsere Prognose: Er wird definitiv Mütze (Prio1) oder Baseballcap (Prio2) tragen, obwohl er das offengelassen hat („entscheidet sich spontan“), als er zuletzt danach gefragt wurde (Dienstagmorgen bei „Volle Kanne“ im ZDF).

Volle Kanne? In der Tat, in Deutschland hat Roman in den letzten Wochen kaum ein TV-oder Magazin-Format ausgelassen, Knuddel-Roman Is Everywhere. Dabei hat er sich aber dezidiert auf den hiesigen Markt beschränkt (bei „Eurovision In Concert“ in Amsterdam haben wir ihn schmerzlich vermisst, zumal die Nachbarländer Österreich und die Schweiz beide dabei waren). Brainpool und Universal wollen zunächst ganz klar sein Debütalbum „Changes“ hierzulande durchsetzen, was bis jetzt so lala funktioniert. Im Herbst geht er damit auf Clubtour (Termine und Tickets hier).

Vorher steht die Bewährungsprobe in Baku an. Dort will er die internationale Promotion nachholen und auf jeder Länderparty auftreten. Das hat er jedenfalls Nino de Angelo erzählt (ebenfalls in „Volle Kanne“, siehe Photo unten von Romans facebook Seite). Wir werden über Romans Baku-Partyhopping berichten, die deutsche Party (im Vorjahr in Düsseldorf nicht so der Burner) wird übrigens am 21. Mai 2012 stattfinden.

Wie wird er abschneiden? Schwer zu sagen. Ein Plus ist der große und seriöse Name Jamie Cullum hinter STANDING STILL, dieser ist europaweit populär und wird sicher in jeder nationalen TV-Anmoderation des Songs vorkommen. Der „Schmusepeter-Babybär“-Look ist ein Televoting-Bonus bei SMS-focussierten Teenagern, verstärkt dadurch, dass deutlich mehr Mädels als Jungs im Finale antreten werden. Der Mädelsüberhang gibt unserem „Oh, ist der süß“-Roman ein (partielles) Alleinstellungsmerkmal. Auch die Startnummer (20) ist glänzend. Und wenn er die unverstellte Souveranität rüberbringt, mit der er DROPS OF JUPITER oder YOU GIVE ME SOMETHING bei USFB präsentiert hat, wirkt das sehr überzeugend.

Aber packt es der Song, sich vom zu erwartenden überdurchschnittlich starken Wettbewerb abzusetzen? STANDING STILL ist keine klassische getragene Ballade, groovt aber auch nicht richtig. Letzteres gilt für QUEDATE CONMIGO auch, Spaniens Beitrag, nachdem er unmittelbar antreten muss. Und den find ich persönlich um Klassen besser. Von EUPHORIA einmal ganz zu schweigen. Und mit WHEN THE MUSIC DIES und LOVE WILL SET YOU FREE stehen jetzt schon zwei weitere Finalsongs fest, die ebenfalls vollständig auf den Solisten zugeschnitten sind und einen intensiveren Erinnerungswert haben. Will sagen: Top Ten wird schwer. Sehr schwer. Der Autor dieser Zeilen ist skeptisch, freut sich aber unbändig, wenn er vom Gegenteil überzeugt wird.

Deutschland 2012: Roman Lob – Standing still

Link zur Facebook-Seite von Roman Lob
Link zur Website von Roman Lob

Link zur „Changes“ Album Rezension von WM
Link zum PRINZ Liveblog des Finales von „Unser Star für Baku“

PRINZ-Blog-Urteil

Songqualität: 6/10
Interpretation: 7/10

1. P.S.: Ergänzung aus der Abteilung „Unnützes Wissen“: Roman hat derzeit drei Tattoos, plant aber weitere (sollte er lassen). Das Mikro-Tattoo auf seiner Brust ist bereits drei Jahre alt. Dazu passend trägt er auf der linken Wade einen Notenschlüssel und ein paar zugehörige Noten. Und auf dem linken Bein befindet sich noch ein Schwarm Schwalben. Zu den Schwalben gibt es übrigens korrespondierend von Nicole: „Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund.“

2. P.S.: Der Roman Lob (Holzfäller) Look beflügelt nicht nur die Produktion bei Magarethe Steiff, sondern hat eindeutig auch Ole, Barkeeper der jüngsten EUROVISION DANCE NITE inspiriert: