ESC Songcheck (5): „Blackbird“ von Norma John

Etwas ganz besonderes liefern die Finnen in diesem Jahr ab. Mit großem Vorsprung gewann das Duo Norma John im Januar die Vorentscheidung in Espoo mit dem tieftraurigen Song über eine singende Amsel. Nun hoffen sie auf den gleichen Erfolg in Kiew. Hier ist unser Songcheck.

Im Gegensatz zu den Vorjahren hatte das finnische Fernsehen den Vorentscheid in diesem Jahr auf einen Abend zusammengedampft. 10 Songs traten gegeneinander an und sowohl die internationalen Juroren aus 10 Nationen als auch die finnischen TV-Zuschauer waren sich einig: Norma John müssen nach Kiew! Hier geht es noch einmal zu unserem Liveblog, alle Finalisten hatten wir euch hier vorgestellt.

Das Duo besteht aus der 32-jährigen Sängerin Leena Tirronen sowie dem Pianisten Lasse Piirainen. Als Band mit fünf Mitgliedern bereits vor 9 Jahren gegründet, sind jetzt nur noch diese beiden übrig geblieben. Zwischenzeitlich ist Leena auch mal auf Solopfaden gewandelt und hat 2010 beim finnischen X-Factor teilgenommen, wo sie immerhin den dritten Platz belegte.

 

Der Song

Wenn jemals die Kategorien „schwermütig“ oder „tieftraurig“ ihre Berechtigung hatten, dann bei diesem Song. Die Verlassene kann den Gesang der Amsel vor ihrem Fenster nicht mehr ertragen, weil genau dieser Gesang sie an die schönsten Momente ihres Lebens erinnern – die gemeinsamen Stunden mit dem geliebten Mann. Der ist nun nicht mehr da – und die Protagonistin gibt sich ihrem Schmerz und ihrer Einsamkeit vollständig hin und leidet so dermaßen, dass es auch den Zuhörer mit in den Negativstrudel hineinreißt.

Der Song hat einen mehr oder weniger klassischen Aufbau. Nach zweimaliger Strophe-Refrain-Folge leitet eine Piano-Variation den finalen Klagegesang ein, der auch in dem Preview-Video geradewegs in den Tod der lebensmüden Verschmähten führt.

Die Orchestrierung ist dabei relativ simpel. Das Klavier ist das beherrschende Instrument, lediglich untermalt von sphärischen Synthesizer-Begleitklängen, die insbesondere zum Schluss hin noch einmal deutlich anschwellen. Geschrieben haben den Song Leena und Lasse gemeinsam – vermutlich nach längerem starken Lichtmangel und dem Genuss diverser schwerer roter Weine an einem ziemlich dunklen und regnerischen Herbstabend  in der finnischen Pampa…

Finnland 2017 – Norma John: Blackbird

 

Die Präsentation

Meine Empfehlung gleich vorweg: An dem Auftritt aus der Vorentscheidung bitte gar nichts ändern, sondern die gesamte Szenerie inkl. Beerdigungs-Flair 1:1 so in Kiew recyceln.

 

Bodennebel, dazu dunkelrote und dunkelblaue Farben und die wabernde Wasseroberfläche im Hintergrund, die durch das Pianosolo auch akustisch fantastisch umgesetzt wird, tun ihr Übriges. Besonderer Clou: Auch das Mikro von Leena trägt Trauer und ist mit schwarzem Spitzenstoff bezogen. Durchdacht bis ins Detail – und daran gibt es überhaupt nichts zu kritisieren. Ich hatte noch kurz überlegt, ob man Leena noch blasser schminken sollte, aber das könnte dann vielleicht doch ein wenig zu abstoßend und morbide auf den Zuschauer wirken. Jegliches Feuerwerk verbietet sich selbstverständlich von allein!

Ich denke, mit dieser gesamten Stimmung kann sich jeder gut identifizieren. Ähnliche Gefühle hat jeder von uns schon einmal bewältigen müssen und die allermeisten von uns wissen leider nur zu gut, was Trauer bedeutet. Deshalb wird das „connecten“ aus meiner Sicht hier besonders gut funktionieren – auch, weil der Gesamtentwurf in eine völlig andere Richtung geht als alles andere in diesem Jahr.

 

Was PRINZ-Blogger darüber denken

Douze Points: Ein bisschen morbide, ein bisschen modern und toll gesungen. Sticht unter den Balladen positiv hervor.

Jan: Kühl, depressiv und dennoch sehr gefühlvoll. Für mich ein klarer Anwärter auf eine Top-Platzierung im Finale.

Peter: Das ist so ein Song, den man sich schönhören muss, dann wird er von Mal zu Mal besser. Und mir gefällt der etwas strenge Typ mit weichem Kern, den Norma (re)präsentiert. Für mich rangiert der Song aufgrund seiner Eigenständigkeit und der schönen Instrumentalisierung im oberen Mittelfeld des Jahrgangs 2017.

Salman: Gesanglich mag sie zwar gut sein, aber ich finde den Song langweilig und er macht depressiv. Danach brauche ich jedesmal eine Dosis Dinah Nah oder Jenny Silver um wieder aufzuwachen…not my cup of tea!

Tjabe: Ein mystischer, düsterer Song. Von den Balladen im Wettbewerb sicherlich das auffallendste Werk, dass einen Platz in den Top Ten verdient hätte.

 

Jeder ESC-Titel wird im Songcheck von allen PRINZ-Bloggern nach ihrem persönlichen Gusto auf einer 11-stufigen Skala (12-10-8-7-6-5-4-3-2-1-0) bewertet, wobei 12 die höchste Wertung darstellt. Die Wertungen werden addiert. Unser persönliches subjektives Gesamtbild:

Die Prognose der PRINZ-Blogger

Hier geht es nicht um das persönliche Gefallen, sondern um eine Prognose. Finnland hat nach Einschätzung aller PRINZ-Blogger eine Qualifikationschance von 61 Prozent und landet damit auf Platz 8 in Semifinale 1. Hier geht es zur Prognose der PRINZ-Blogger für das erste Semifinale.

 

Was PrinzBlog-Leser darüber denken

manuel d.: Toller Song, der endlich mal wieder ein gutes Ergebnis für Finnland einfahren dürfte. Bin froh das das gewonnen hat. Zudem entlarft es doch arg die ideenlose Ballade aus UK, die es nun sehr schwer haben wird ein paar Punkte zu sammeln…

togravus: „Blackbird“ war nach den Liveauftritten die einzig ernstzunehmende Option. Ich finde das Lied ein wenig kraftlos und betulich, aber alles in allem OK.

simon: ihr seid sooo bescheuert dieses Horrorlied verstaubt und langweiligggggg

He♫ry: Die Finnen sollten den Song gerade groß inszenieren, um von ihr abzulenken. Es macht den Eindruck, als würde sie vor jeder Zeile in eine Zitrone gebissen haben. Optik zählt leider beim ESC. Die Düsternis ist ebenfalls ein heikles Thema, die will geschickt umgesetzt sein und den Kontext kann ich bei aller Geneigtheit auch nicht wirklich entdecken, wenn ich wie Otto Normalzuschauer bis zur ersten Ecke denke. Solche Balladen musst du den Menschen ins Herz schmettern, sonst hast du nur dann eine Chance, wenn sich die anderen noch unbeholfener anstellen…

roxy: Ich finde den Refrain, das Klaviersolo und ihre Stimme ganz interessant, aber ich glaube, für die Masse ist der Song doch etwas zu langatmig. Finaleinzug könnte schwierig werden. Ihr Styling sollte sie dringend überdenken.

 

Social Media

Norma John haben einen eigenen kleinen Youtube-Kanal und sind natürlich zeitgemäß auch bei Twitter, Facebook und Instagram vertreten. Und da dort bereits das meiste kommuniziert wird, kann man (jedenfalls momentan noch) auf eine eigene Homepage verzichten.

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Der nächste Songcheck kommt von Salman und beschäftigt sich mit dem georgischen Vorschlag, den Glauben nicht zu verlieren und dass alles am Ende gut wird – das passt doch als direkte Antwort auf den „Blackbird“ ganz prima!

 

Bereits erschienen:

(1) Albanien: „World“ von Lindita
(2) Aserbaidschan: „Skeletons“ von DiHaj
(3) Australien: „Don’t come easy“ von Isaiah
(4) Belgien: „City Lights“ von Blanche