ESC-Songcheck (5): „La Forza“ von Elina Nechayeva

Estland ist in diesem Jahr neben Israel der große Favorit der Wettanbieter. Was also ist es, das Elina Nechayeva und ihren Song „La Forza“ diese Position eingebracht hat – und das, obwohl Opern-Pop beim ESC eigentlich nie funktioniert. Wir werfen heute einen genaueren Blick auf den diesjährigen estnischen Beitrag und seine Chancen in Lissabon.

 

Die Interpretin

Elina Nechayeva ist 26 Jahre alt und wurde an der Estnischen Akademie für Musik und Theater zur klassischen Sopranistin ausgebildet. 2009 nahm sie noch als Schülerin an der dritten Staffel von „Eesti otsib superstaari“, also „Estland sucht den Superstar“ teil, die letztendlich Ott Lepland gewann. Außerdem gehörte Elina 2014 zu den Finalisten der Fernsehshow „Klassikatähed“, in der klassische Interpreten gegeneinander antreten.

Im vergangenen Jahr moderierte Elina die Halbfinals der estnischen Vorentscheidung „Eesti Laul“. In diesem Jahr nahm sie dann zum ersten Mal selbst am Wettbewerb teil und konnte ihn mit „La Forza“ auch auf Anhieb für sich entscheiden. Unseren Live-Blog des Finales gibt es hier zum Nachlesen.

Der Song

„La Forza“ ist ein auf italienisch geschriebener Opern-Pop-Song, der komponiert und getextet wurde von Ksenia Kuchukova, Mihkel Mattisen, Timo Vendt und Elina selbst. Der Song folgt einem recht einfachen Aufbau, denn er besteht nur aus zwei Strophen, denen sich jeweils ein Refrain anschließt. Der absolute Höhepunkt kommt ganz zum Schluss, wenn sich Elinas Stimme in wirklich beeindruckende Höhen vorwagt und auch dann noch jeder Ton sitzt.

Überhaupt lebt der Song hauptsächlich von Elinas Gesang, der sehr klassisch ist, sich aber auch für das gemeine Pop-Ohr nicht schrill oder unangenehm anhört. Charakteristisch ist darüber hinaus, dass „La Forza“ nicht ausschließlich klassisch mit Klavier oder Orchester instrumentiert ist, sondern gerade im Refrain von der Perkussion dominiert wird, was dem Lied eine moderne Note gibt.

Dem Songwriter-Team rechne ich hoch an, dass es – von den genannten Elementen abgesehen – darauf verzichtet, den Song zu sehr in die Pop- oder gar Schlager-Ecke drängen zu wollen. Er ist hauptsächlich ein Opernlied – ein sehr gefälliges zwar, aber immer noch sehr klassisch. Das unterscheidet den Song von anderen Versuchen dieser Art beim ESC; genannt sei hier nur „La Voix“ von Malena Ernman 2009. Ob das aber wirklich dafür reicht, dass „La Forza“ nicht den Gang aller Pop-Oper-Crossover beim ESC geht – erst gehypt in den Quoten, dann abgestürzt in der Show – wage ich zu bezweifeln.

Textlich beschäftigt sich das Lied damit, dass es etwas Größeres gibt, nämlich die Kraft des Schicksals, die uns im Leben leitet. Diese Botschaft hört sich auf Italienisch auch schön an, übersetzt man jedoch den Text, wird relativ schnell klar, dass es sich hierbei nicht um philosophische Ergüsse, sondern viel mehr um hohle Phrasen und kitschige Satzfetzen handelt, die man den Esten auf Englisch wohl nicht so leicht durchgehen lassen würde.

Estland 2018: Elina Nechayeva – La Forza

 

Die Präsentation

Ich gehe fest davon aus, dass Estland an der Performance aus der Vorentscheidung nur noch sehr wenig verändern wird. Elina wird vermutlich wieder ihr paillettenbesetztes Top tragen, das ab der Hüfte dann in einen ausladenden weißen Rock übergeht, so dass es aussieht, also würde sie ein sehr langes Kleid tragen, dass von der Technik nach Lust und Laune mit Farben, Formen und Mustern bespielt werden kann – ganz ähnlich wie Aliona Moon 2013 in Malmö und Laura Pinski 2016 bei „Unser Lied für Stockholm“. Das wäre dann sicherlich auch die richtige Entscheidung, denn Sandmalerinnen, Eiskunstläufer und Trickkleider waren beim ESC noch immer für ein paar Stimmen gut.

An einer Sache sollten Elina und die estnische Delegation dann aber doch arbeiten: Sängerin und Performance wirkten beim Vorentscheid stellenweise doch stark unterkühlt, so dass Elina sicherlich noch besser darin werden kann, eine Verbindung zum Publikum aufzubauen und ein wenig sympathischer zu wirken. In dieser Hinsicht sollte Estland auch aus dem vergangenen Jahr gelernt haben, als die schrecklich affektierte Darbietung von „Verona“ das Aus im Halbfinale bedeutete.

 

Was PRINZ-Blogger darüber denken

BennyBenny: Geht leider gar nicht. So etwas funktioniert nur bei ESC-Fans und weder bei Jurys noch bei Fernsehzuschauern. Estland wird auch dieses Jahr wieder sein Verona erleben.

Douze Points: Siebenunddrölfzigste Popopera-Nummer mit weißem Kleid. So etwas kann nur beim ESC funktionieren. Tut nicht weh und fällt auf, geht in zu hoher Dosis aber auch ganz schnell auf die Nerven.

Salman: Der wohl am meisten polarisierende Beitrag in diesem Jahr. Die Einen lieben ihn über alles, den Anderen gefällt er gar nicht. Stimmlich ist Elina toll und kann beweisen, dass man auch mit Operngesang beim ESC erfolgreich sein kann.

Tjabe: Großes Kino. Ein Lied, das heraussticht. Ich hoffe nur, dass man sich bei der Gestaltung des Songs noch etwas Neues einfallen lässt, denn so eine Präsentation gab es ja schon mal. Aber für die Vorentscheidung passte das schon mal ganz gut.

Jeder ESC-Titel wird im Songcheck von allen PRINZ-Bloggern nach ihrem persönlichen Gusto auf einer 11-stufigen Skala (12-10-8-7-6-5-4-3-2-1-0) bewertet, wobei 12 die höchste Wertung darstellt. Die Wertungen werden addiert. Unser persönliches subjektives Gesamtbild:

 

Die Prognose der PRINZ-Blogger

Hier geht es nicht um das persönliche Gefallen, sondern um eine Prognose. Estland hat nach Einschätzung aller PRINZ-Blogger eine Qualifikationschance von 69 Prozent und landet damit auf Platz 6 in Semifinale 1. Hier geht es zur Prognose der PRINZ-Blogger für das erste Semifinale.

 

Social Media

Elina ist eher dezent aktiv auf Facebook, dafür umso mehr auf Twitter und Instagram.

 

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Vorschau: Morgen beschäftigt sich Salman mit der DSDS-Gedächtnis-Ballade aus Island.

 

Bereits erschienen:

Semifinale 1
(1) Albanien: „Mall“ von Eugent Bushpepa
(
2) Aserbaidschan: „X My Heart“ von Aisel
(3) Belgien: „A Matter Of Time“ von Sennek
(4) Bulgarien: „Bones“ von Equinox