ESC-Songcheck (7): „Toy“ von Netta

1978 – 1998 – 2018. Wenn es eine solche Gesetzmäßigkeit gibt, dann könnte erneute zwanzig Jahre nach dem letzten israelischen Sieg mit Dana International beim ESC erneut eine ungewöhnliche Frau auf der obersten Treppenstufe des Siegerpodests in Lissabon stehen. Als eines der letzten Länder präsentierte Israel Anfang März seinen Song der Öffentlichkeit – und schoss damit geradezu katapultartig an die Spitze sämtlicher Wettbüros. Ein Hype à la Francesco Gabbani oder ist Netta tatsächlich eine Siegerin ohne Alternative?

 

Die Interpretin

Netta Barzilai ist 25 Jahre alt und stammt aus der Nähe von Tel Aviv. Internationalität hat sie von Geburt an durch ihr Leben begleitet. Netta hat georgische Vorfahren und sogar einige Jahre ihrer Kindheit in Nigeria verbracht.

Während ihres Militärdienstes war sie Mitglied der Marineband der Armee, danach trat sie häufiger als DJane auf allen Arten von Familienfeiern auf. Im vergangenen Jahr entschied sie sich dann, eine Anmeldung bei „HaKoKhav HaBa“ zu wagen, der israelischen Version der Castingshow „Rising Star“, die seit 2015 als Kandidatenauswahl für den ESC genutzt wird.

Während der einzelnen Runden versetzte sie Publikum und Jury zunächst in Verblüffung und später in Begeisterung. Sie trat nämlich mit einer Loop-Box auf, die für erstaunliche und ungewöhnliche Klangerlebnisse sorgt – spätestens seitdem quasi Nettas Markenzeichen. Ihren Sieg im Finale der Show verdankt sie allerdings der Jury, im Televoting belegte sie „lediglich“ Platz zwei.

 

Der Song

„Toy“ muss man sowohl musikalisch als auch inhaltlich besprechen. Der Song greift nämlich die aktuelle #metoo-Debatte auf – und das durchaus mit Humor und Augenzwinkern. Der Text lebt von Wortspielereien in unterschiedlichen Sprachen – Englisch, Hebräisch und Mandarin. Und es geht, wie gesagt, um eine witzige Art und Weise des Umgangs mit dem Thema „unangemessenes bzw. feiges Verhalten von Männern gegenüber Frauen“.

Dominiert wird der von Doron Medalie und Stav Berger geschriebene Song zum einen von dem absolut energiegeladenen Refrain, der die Tanzfläche im Euroclub (und vielleicht auch anderswo) zum Kochen bringen wird. Der andere Hingucker und Hinhörer ist das Gegacker davor. Dies soll zum einen symbolisieren, dass auf Gleichberechtigung pochende  Frauen als „hysterische Hühner“ bezeichnet werden.

Aber laut Auskunft von Doron Medalie, der bereits die israelischen Beiträge 2015 („Golden Boy“) und 2016 („Made of stars“) verfasste, stellt dieses Gegackere auch die Feigheit derjenigen Männer da, die einen ganz normalen Umfang mit dem anderen Geschlecht einfach nicht hinbekommen und sich daher in ihrem Verhalten vergreifen.

Inhaltlich, aber natürlich auch musikalisch ist der Song wahnsinnig abwechslungsreich und besteht aus mehreren Ebenen. Gerade das führt in diesem Fall zu dem beim ESC so wichtigen „Instant Appeal“. Genretechnisch orientiert sich „Toy“ ein wenig an asiatischer Popmusik, verbindet dabei jedoch auch auf geschickte Weise ausgesprochen moderne Beats mit leichten orientalischen Anklängen.

Israel 2018: Netta – Toy

 

Die Präsentation

Das ist jetzt die Kategorie, in der beim israelischen Song von „sensationell“ bis „katastrophal“ alles möglich ist. Das könnte für das Team aus Tel Aviv eine richtige Gratwanderung werden.

Nach Auskunft von Netta wird man sich bei der Bühnenshow vom Songvideo inspirieren lassen. Wir können also erwarten, dass neben Netta einige Tänzerinnen und Sängerinnen mit von der Partie sein dürften, die vermutlich wie entfesselt das Bühnengeschehen gestalten werden. Vor meinem geistigen Auge sehe ich dazu Netta auf einem hohen Podest mit ihrer Loop Box stehen und den Saal zum Kochen bringen. Dass sie richtig gut performen und singen kann, hat sie bei der Vorauswahl in Israel eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Was soll Netta anziehen? Mit Blick auf das Video steht ihr meiner Meinung nach das gelb-dominierte und kimonoartige Gewand am besten. Haare hochstecken und los geht die wilde Fahrt! Und dabei möchte ich ganz viele Close-Ups von Netta und ihrer fantastischen Mimik sehen.

Auf gar keinen Fall sollte aber zu dick aufgetragen werden. Es wird schon lustig genug sein, zu sehen, wie der ganze Saal aufgeregte Flatterbewegungen macht, manch einer der älteren Zuschauer könnte sich an den Ententanz aus den Achtziger-Jahren erinnert fühlen. Es ist in diesem Fall ein großes Glück, dass es keine LED-Wand geben wird, auf der man ansonsten hätte ganze Hühnerställe abbilden können. Und zum Glück sind lebende Tiere auf der ESC-Bühne verboten – die Versuchung könnte ansonsten zu groß sein.

 

Was PRINZ-Blogger darüber denken

DJ Ohrmeister: Aaaaaaah! Bin ich eigentlich der Einzige im gesamten Universum, der dieses Ding unsäglich und nervtötend findet? Der Hühner-Moment ist zwar lustig, ansonsten ist das aber entsetzlich und der Chorus ist Müll. Trotz #metoo.

Jan: Wenn das keinen Instant-Appeal hat, dann weiß ich es auch nicht. Wenn sie das ordentlich auf die Bühne bekommt, mischt Netta ganz sicher vorn mit. Zwischenzeitlich habe ich aber festgestellt, dass „Toy“ bei mehrfachem Hören für mich auch ein gewisses Nerv-Potenzial hat. Trotzdem – beim ESC zählt der erste Eindruck, und der ist fulminant.

Peter: Der grooooooße Favorit gefällt auch mir sehr gut, weil „Toy“ eigenständig, funky, augenzwinkernd und stimulierend zugleich ist. Der Song birgt aber das Risiko, dass man ihn unbeabsichtigt überstrapaziert. Weil „Toy“ so unique ist, funktioniert meine sonst gerne praktizierte heavy rotation Schönhörerei nicht. Das ist ein cooler Hit mit gutem Groove, meine 12-Punkte-Favoriten sind aber andere. Das vorausgeschickt fände ich es genial, wenn Israel gewinnt, wir wollen immer schon nach Tel Aviv. So before I leave, let me show you…

Tjabe: Ist ganz klar eine interessante Nummer, zu der man gut abtanzen kann. Aber ich befürchte, dass es sich vielleicht bis zum Mai so abnutzt wie Italien im letzten Jahr. Zudem muss man schauen, wie das Team die Soundeffekte umsetzen kann. Wird in Lissabon sicherlich zum Fanliebling mutieren.

Jeder ESC-Titel wird im Songcheck von allen PRINZ-Bloggern nach ihrem persönlichen Gusto auf einer 11-stufigen Skala (12-10-8-7-6-5-4-3-2-1-0) bewertet, wobei 12 die höchste Wertung darstellt. Die Wertungen werden addiert. Unser persönliches subjektives Gesamtbild:

Die gelbe Markierung zeigt an, dass dieser Beitrag der Favorit des Bloggers unter allen Beiträgen ist.

 

Die Prognose der PRINZ-Blogger

Hier geht es nicht um das persönliche Gefallen, sondern um eine Prognose. Israel hat nach Einschätzung aller PRINZ-Blogger eine Qualifikationschance von 82 Prozent und landet damit auf Platz 2 in Semifinale 1. Hier geht es zur Prognose der PRINZ-Blogger für das erste Semifinale.

 

Social Media

Ja, gibt es – natürlich! Und zwar einen Account bei Facebook, einen bei Twitter und einen bei Instagram.

 

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Vorschau:  Wir müssen alle nicht alt werden, bevor es weiter geht mit dem nächsten Songcheck. Schon heute Nachmittag nämlich beschäftigt sich Salman mit dem Song aus Litauen.

 

Bereits erschienen:

Semifinale 1
(1) Albanien: „Mall“ von Eugent Bushpepa
(2) Aserbaidschan: „X My Heart“ von Aisel
(3) Belgien: „A Matter Of Time“ von Sennek
(4) Bulgarien: „Bones“ von Equinox
(5) Estland: „La Forza“ von Elina Nechayeva
(6) Island: „Our Choice“ von Ari Ólafsson