ESC Songcheck (8): „Amar pelos dois“ von Salvador Sobral

Was wäre, wenn 2017 das Jahr der Portugiesen würde. Ein Platz unter den ersten 5 beim Eurovision Song Contest käme einem Sieg bei der Fußballeuropameisterschaft gleich. Unvorstellbar? Im Normalfall ja, aber ein junger Mann namens Salvador Sobral hat mit seiner Liebe für zwei einen wahren Hype ausgelöst, der hoffentlich vom Startplatz 9 im Halbfinale aus bis ins Finale in Kiew andauert.

Salvador Vilar Braamcamp Sobral, geboren am 28. Dezember 1989 mit adeligen Wurzeln, überraschte in diesem Jahr beim traditionellen Festival RTP da Canção die in- und ausländischen Zuseher. Der ehemalige Psychologiestudent, der den Hörsaal gegen die Musik eintauschte, hatte schon 2009 mit seinen souveränen Castingauftritten für Furore gesorgt. Am Ende wurde er Siebter, aber er fand seinen eigenen Weg. 2016 brachte seine erstes eigenes Album „Excuse me“ heraus.

Das portugiesische Fernsehen hatte 2017 16 Komponisten eingeladen, die ihren Beitrag samt Interpret gestalten durften. Unter ihnen Luísa Sobral, die ihr Lied „Amar pelos dois“ ihrem Bruder Salvador auf dem Leib schrieb. Und der bedankte sich mit einem faszinierenden Auftritt sowohl im Halbfinale als auch im Finale in einer eher durchwachsenen Vorentscheidung. Hier ist das zweite Halbfinale und hier das Finale im Live-Blog nachzulesen.

Weder ein Nabelbruch nebst Operation noch ein störendes In-Ear-Monitoring konnten Salvador Sobral stoppen. Ein erster Platz bei den Juries und Platz 2 beim Televoting sicherten die Fahrkarte in die Ukraine und lösten im Land eine ungekannte Begeisterung aus, die sogar zu Fake-News über eine angeblich notwendige Herztransplantation führte. Ein guter Platz in den Wettquoten und vielen Talkshoweinladungen halten Salvador Sobral jedoch nicht davon ab, seine Konzertserie in Portugal fortzusetzen.

Der Song

Ein poetisches Liebeslied gekleidet in einer zarten Melodie mit teilweise jazzigen Elementen. Man fühlt sich in ein Kneipenambiente zurückversetzt, wo sich alle Augenpaare auf den Sänger konzentrieren. Für die einen wirkt der Song wie aus den Fünfzigern, für die anderen ist es ein zeitloses Machwerk. Salvador Sobral beschreibt eine nicht erwiderte Liebe. Nachstehend der portugiesische Text nebst deutscher Übersetzung

Se um dia alguém perguntar por mim
-Wenn eines Tages jemand nach mir fragt-
Diz que vivi para te amar
-Sage, dass ich lebte um Dich zu lieben-
Antes de ti só existi
-Vor Dir habe ich nur existiert-
Cansado e sem nada p’ra dar
-Müde und nichts zu geben-

Meu bem ouve as minhas preces
-Meine Liebe, höre meine Bitten-
Peço que regresses
-Ich bitte Dich zurückzukehren-
Que me voltes a querer
-um mich wieder zu wollen/mögen-

Eu sei que não se ama sozinho
-Ich weiss, dass man sich nicht allein lieben kann-
Talvez devagarinho
-vielleicht nach und nach-
Possas voltar a aprender
-kannst du es wieder lernen-

Se o teu coração
-Wenn dein Herz-
Não quiser ceder
-nicht gewillt ist nachgeben zu können-
Não sentir paixão
-keine Leidenschaft fühlen möchte-
Não quiser sofrer
-nicht gewillt ist zu leiden-
Sem fazer planos
-keine Pläne machen möchte-
Do que virá depois
-was anschließend kommt-
O meu coração pode amar pelos dois
-kann mein Herz Liebe geben für zwei-

Luísa Sobral hat das Lied für den Bruder mit der Absicht verfasst, ihm ein schönes Lied zu schreiben, ohne auf den Erfolg zu schauen. Das Lied sollte unbedingt im Portugiesisch gehalten werden, um die Schönheit der Sprache und die Identitikation mit dem Land wiederzugeben. Geboren am 18. September 1987 führte auch Luísas Weg in die USA, wo sie studierte und ihren Abschluss machte.

Auch nahm sie an der Casting-Show „Idols“ teil. Sie konnte sich schon einen guten Namen in der portugiesischen Musikszene mit englischen und portugiesischen Liedern machen. Sie arbeitete mit namhaften Stars zusammen und nennt Rui Veloso und Sara Tavares als ihre Vorbilder. Seit der Vorentscheidung zeigt sie sich stets an der Seite ihres Bruders bei Interviews und dominiert die Gespräche. Salvador sitzt daneben und sorgt mit einzelnen Kommentaren für heitere Momente im Gesprächsverlauf.

Portugal 2017 – Salvador Sobral: Amar pelos dois

 

Die Präsentation

Eigentlich sollte man hier nur schreiben: Lasst es so wie beim Auftritt während des Festival RTP da Canção 2017. Dort konzentrierte sich die Kamera auf Salvador und seiner ganz eigenen Interpretation des Liedes. Das gesamte Auditorium des Coliseu dos Recreios schaute gebannt auf den jungen Künstler in seinem gräulichblauen Anzug. Noch intimer wirkte sein Vortrag im Halbfinale.

Auch in Kiew kann durch eine ganz auf Salvador Sobral konzentrierte Kameraführung die einfühlsame und ruhige Stimmung erreicht werden. Für diesen Beitrag würde man sich eine Inszenierung im Sinne der Common Linnets wünschen ohne Schnickschnack, welches den Zuseher vor den Fernsehschirm bannt.

Auch sollte sich Salvador Sobral nicht wie viele seiner VorgängerInnen dazu überreden lassen, eine Robe eines portugiesischen Couturiers anzuziehen. Das ging im Fall von Sara Tavares 1994 arg daneben. Aber ich denke Luísa Sobral wird das zu verhindern wissen, denn in dieser Familie ist die Mutter der beiden für die Outfits zuständig, die auch ihren Anteil zur Bühnenrobe in der Vorentscheidung beigetragen hat.

 

Was PRINZ-Blogger darüber denken

Douze Points: Ausgesprochen spezielle Stimme, aber ein faszinierendes Gesamtpaket. Polarisiert. Wenn er ins Finale kommt, wird er ganz weit oben mitspielen.

Marc: Musikalisch erreicht mich der Song gar nicht. Dafür bin ich von der Persönlichkeit Salvadors sehr fasziniert und finde, dass seine Performance dadurch einen hohen Unterhaltungswert hat.

OLiver: Anrührend, wahrhaftig und unheimlich gefühlvoll. Und dazu noch ein extrem charismatischer Sänger mit Retro-Stimmorgan. Fantastisch und beinahe zu schade für den ESC.

Peter: Ach Salvador. Das ist ein ESC Song, den gibt es einmal in fünf Jahren. Und in 2017 haben wir gleich zwei davon. Wenn Italien nicht gewinnt, dann bitte bitte das. Da steckt so viel Emotion drin, so viel Schmalz im allerallerbesten Sinne und die vokalen Skills von Salvador sind fantastisch. Wenn das ein Soundtrack wäre, gäbe es den Oscar für den besten Song. Gefühle bis zum Anschlag, schlicht großartig. Danke Portugal!

Tjabe: Eigentlich altbacken, aber auf so raffinierte Weise verfasst, dass es total innovativ rüberkommt. Das Lied hat es verdient ins Finale zu kommen.

Jeder ESC-Titel wird im Songcheck von allen PRINZ-Bloggern nach ihrem persönlichen Gusto auf einer 11-stufigen Skala (12-10-8-7-6-5-4-3-2-1-0) bewertet, wobei 12 die höchste Wertung darstellt. Die Wertungen werden addiert. Unser persönliches subjektives Gesamtbild:

Das Sonnensymbol bedeutet, dass dieser Beitrag für den jeweiligen Blogger der beste im gesamten Wettbewerb ist.

 

Die Prognose der PRINZ-Blogger

Hier geht es nicht um das persönliche Gefallen, sondern um eine Prognose. Portugal hat nach Einschätzung aller PRINZ-Blogger eine Qualifikationschance von 71 Prozent und landet damit auf Platz 7 in Semifinale 1. Hier geht es zur Prognose der PRINZ-Blogger für das erste Semifinale.

 

Was PrinzBlog-Leser darüber denken

Rainer2: Ein wunderbares Lied, das genauso auf die ESC-Bühne gehört, das ist der Markenkern der portugiesischen Musik. Ich werde dafür anrufen, wenn es im Finale ist und da gehört es nach meiner Meinung unbedingt hin. Es funktioniert in portugiesisch, und seine fragilen Bewegungen sind mir derzeit lieber als die immer gleiche Hand die zum Himmel gestreckt wird.

escfan05: Was die Leute nur an dieser langweiligen Schnulze haben? Unfassbar. Als ob nicht genügend Schnulzen dabei sind in diesem Jahr. Würde der Salvador mit dem Gestammel Deutschland vertreten, wäre das Gemeckere groß. Weil er jetzt für Portugal startet, ist es für viele ein musikalisches Meisterwerk. Einfach unverständlich. Für mich ist das der letzte Platz im Halbfinale.

Cali: Der Song ist sehr 69iger. Mein Problem ist aber nicht die Zeit, aus der der Song kommt, sondern der Song an sich. Wenig Melodie, merkwürdiger Sänger. Der Song hätte sich schon vor 50 Jahren schlecht platziert – und auch dieses Jahr.

melodifestivalenfan: Ich gratuliere Portugal zu dieser wunderbaren und mutigen Entscheidung. Seit ich dieses ungewöhnliche, berührende Liebesgeständnis von Salvador zum ersten Mal gehört habe, bin ich fasziniert. Ich bin sicher, dass Salvador auch in Europa Liebhaber für seine Kunst finden wird und ins Finale mit seiner „Liebe zu Zweit“ einziehen wird.

J.D.L.: Das ist bei mir ganz unten in der Liste! Das ist schrecklich und schrecklich veraltet.

Social Media

In den sozialen Medien ist Salvador Sobral kaum vertreten. Auf Facebook und Instagram kann man ihn bei seinen aktuellen Aktivitäten folgen und auf Bildern mit unter anderem Lena D’Agua bewundern. Einen Twitteraccount gibt es auch, aber da wurde noch nichts geschrieben. Der Künstler konzentriert sich auf seine Musik.

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Vorschau: Als nächstes geht es zu der Mutter aller Vorentscheidungen, nämlich nach Schweden und Bloggerkollege Douze Points wird den Beitrag „I Can’t Go On“ von Robin Bengtsson unter die Lupe nehmen.

 

Bereits erschienen:

(1) Albanien: „World“ von Lindita
(2) Aserbaidschan: „Skeletons“ von DiHaj
(3) Australien: „Don’t come easy“ von Isaiah
(4) Belgien: „City Lights“ von Blanche
(5) Finnland: „Blackbird“ von Norma John
(6) Georgien: „Keep the faith“ von Tamara Gachechiladze
(7) Montenegro: „Space“ von Slavko Kalezić