ESC Songcheck (9): „I can’t go on“ von Robin Bengtsson

Gute Stimme, aber arrogante Ausstrahlung und fehlende tänzerische Begabung? Kein Problem. Die Schweden kriegen noch jedes Paket hübsch verpackt. Darüber vergisst man glatt den zwar modernen, aber doch recht einfachen Song. Das reicht vielleicht nicht zum Sieg, Maßstäbe in Sachen Präsentation werden dabei aber sehr wohl gesetzt.

Die Musiker-Karriere war für Robin Bengtsson kein Selbstgänger: Nachdem er 2008 beim schwedischen Idol Dritter geworden war, standen ihm zwar viele Türen offen. Der dauerhafte Erfolg blieb jedoch aus. 2012 zog er aus dem idyllischen Svenljunga nach Stockholm. Dort nahm er wieder Kontakt zur Musikbranche auf und erreichte 2016 mit „Constellation Prize“ beim Melodifestivalen den fünften Platz.

Neben der Musik interessiert sich Bengtsson offensichtlich für Autos, dänisches Bier und Tattoos.

Ein Jahr drauf war er mit „I Can’t Go On“ wieder beim schwedischen Vorentscheid dabei. Im dritten Semi erreichte er knapp die meisten Stimmen und qualifizierte sich so direkt fürs Finale in Stockholm. Dort war er deutlicher Favorit der Jurys, so dass ihm die drittmeisten Zuschauerstimmen (nur 1,3 Prozentpunkte hinter dem ersten, Nano) reichten, um den Sieg davonzutragen.

Der bald 27-Jährige ist Vater des dreijährigen William. Das Sorgerecht teilt er sich mit seiner Ex-Freundin, so dass das Kind jede zweite Woche bei ihm ist. Mit seiner aktuellen Freundin, Jennie Salte, hat er sich im März verlobt.

 

Der Song

„I Can’t Go On“ ist ein einfach gestrickter, aber überaus effizienter, aktueller Popsong mit elektronischen Elementen und einem dynamisch-treibenden Beat. Wesentliches rhythmisches Merkmal ist ein Klatsch-Kastagnetten-Schnipsen, das später von einem Drum-Geräusch übertönt wird.

Der Aufbau bis zum ersten Refrain ist lang und von vielen Text-Wiederholungen geprägt. Die eigentlichen Strophen sind dabei mini-kurz:

I can’t go on
I can’t go on
gotta keep it together

Don’t get me wrong
don’t get me wrong
cause baby you make me better

Nach der ersten Strophe folgt eine erste Brücke, danach noch eine zweite. Die zweite, die mit „I just can’t go on no more“ beginnt, ist auch die, die nach der zweiten Strophe wiederholt wird und die Dramatik zum Refrain aufbaut. Dieser wiederum ist einfachste textliche Kost (und das gleich zweimal hintereinander):

I can’t go on
I can’t go on
when you look this freakin’ beautiful

Das „freakin'“ aus dem Refrain ersetzt das ursprüngliche „f**kin'“, von dem man sich im Melodifestivalen aber bereits zügig verabschiedet hat.

Ähnlich simpel wie der Text ist auch die Aussage: Sein „Baby“ hat ihn so geflashed, dass er gar nichts mehr machen kann, aber trotzdem alles für es tun würde.

Verfasst wurde „I Can’t Go On“ von David Kreuger, Hamed „K-One“ Pirouzpanah sowie Robin Sternberg. Die ersten beiden verantworteten unter anderem Sanna „Goddess Junior“ Nielsens ESC-Beitrag „Undo“ ; Letztgenannter stand 2013 in Malmö mit seinem eigenen „You“ auf der ESC-Bühne.

Ein Revamp von „I Can’t Go On“ ist nicht erfolgt. Warum auch? Genauso wenig dürfte sich auch an der Performance etwas ändern, so denn die räumlichen Umstände in Kiew das zulassen.

 Schweden 2017 – Robin Bengtsson: I Can’t Go On

 

Die Präsentation

Nachdem Schweden im letzten Jahr dem Motto Reduce to the max gefolgt ist, macht man in diesem Jahr eine 180-Grad-Wendung: Perfekte Show, ungewöhnliche Props, aalglatte Typen mit einer Choreo, die genauso auf den Punkt sitzt, wie die maßgeschneiderten Anzüge.

Bereits der Beginn der Nummer im Backstage-Bereich weckt die Aufmerksamkeit. Die Boyband-mäßigen Bewegungen lassen dranbleiben. Und wenn die fünf Künstler auf den Laufbändern stehen, ist man den Schweden bereits ins Netz gegangen. Über die Inszenierung vergisst man glatt, dass der Text des Liedchens recht dünn ist und Robin eigentlich nicht Tanzen kann. Besser kann man’s kaum machen – wenn man denn auf Hochpoliertes steht.

Da die internationalen Jurys im Vorentscheid das Paket gekauft haben und auch die schwedischen TV-Zuschauer davon angetan waren, wird es keine großen Änderungen für den Auftritt in Kiew geben. Und da mit Christer Björkman auch eine Schwede den ESC produziert, dürfte vermutlich selbst der Start im Backstage-Bereich realisierbar sein.

 

Was PRINZ-Blogger darüber denken

BennyBenny: Machen wir uns nichts vor, auch damit wird Schweden wieder mindestens in die Top 10 kommen. Trotzdem glaube ich, dass die Buchmacher bislang zu nett zu Robin sind und ein Platz in den Top 3 oder 4 dieses Jahr nicht drin ist.

Douze Points: Zeitgemäßer Sound, perfekte Performance, die man gern zweimal sehen will. Wenn es nur nicht alles so kalt und auch ein bisschen arrogant wirken würde.

Marc: Die einzelnen Zutaten (Song, Künstler, Show) harmonieren so gut miteinander, sodass ein hochprofessionelles Gesamtwerk dabei heraus kommt. Jede Sekunde dieser Dressman-Nummer wirkt perfekt durchgeplant und inszeniert und Kritiker werden sagen: zu steril.

Salman: Im Melodifestivalen war Robin auf jeden Fall ein würdiger Sieger. In Kiew wird aber seine Show nicht so einfach umzusetzen sein. Ich bin alleine auf den Anfang gespannt, bei dem er im Melfest die ersten 30sec ja gar nicht auf der Bühne war. Ich denke für eine passable Platzierung wird es reichen…ist ja auch okay, denn Schweden muss ja nicht immer gewinnen!

Tjabe: Wenn ein Song nur auf das Element Show aufbaut, kann es eigentlich nicht überzeugen. Schweden hatte Besseres im nationalen Finale und eine Bauchlandung täte ihnen mal ganz gut.

Jeder ESC-Titel wird im Songcheck von allen PRINZ-Bloggern nach ihrem persönlichen Gusto auf einer 11-stufigen Skala (12-10-8-7-6-5-4-3-2-1-0) bewertet, wobei 12 die höchste Wertung darstellt. Die Wertungen werden addiert. Unser persönliches subjektives Gesamtbild:

 

Die Prognose der PRINZ-Blogger

Hier geht es nicht um das persönliche Gefallen, sondern um eine Prognose. Schweden hat nach Einschätzung aller PRINZ-Blogger eine Qualifikationschance von 88 Prozent und landet damit auf Platz 1 in Semifinale 1. Hier geht es zur Prognose der PRINZ-Blogger für das erste Semifinale.

 

Was PrinzBlog-Leser darüber denken

berlin: Ich glaub, das war ne gute Wahl von Schweden. Da stimmt das Gesamtpaket, Typ, Song, Performance. Ich denke, gerade die Performance wird ihm ne Menge einbringen. Finde ich aber auch in Ordnung, so soll es sein im TV. Aber ist der Kreis aus Daumen und Zeigefinger nicht in einigen Gegenden Europas ne Beleidigung?

Frank D.: Mit Robin Bengtsson bleibt uns zumindest noch ein weiterer Männer-Dutt erspart. Aber das wirkt alles sehr glatt und durchkalkuliert, wie aus dem Setzkasten für Eurovision-Beiträge mit diversen Anleihen aus früheren Songs von Kate Ryan über Theo-„Cheesecake“ bis Kurt Calleja. Bleibt abzuwarten, ob es überhaupt regelkonform bei der EBU ist, dass ein Auftritt hinter der Bühne beginnt.

Lady Madonna: Einen schmierigeren Schmierlappen hätten die Schweden nicht wählen können. Der Song ist solala, aber der unsympathsche Typ in Banker-Optik geht meiner Meinung nach gar nicht. Bin nicht traurig, wen das im Halbfinale hängen bleibt.

MarkusK: Liedmäßig ist Robins Song nicht schlecht und ich denke, der wird auch gut in die Top10 kommen, aber ich bezweifle jetzt schon das Podium, dafür ist das zu „gewöhnlich“ und zu oft gehört.

DerMoment1608: Ich weiß nicht, für mich klingt das wie alle Mello-Beiträge in einen Topf geworfen und einmal umgerührt (da Stimme ich auch Feddersen in der Grundaussage zu, auch wenn die Formulierung bezogen auf Mello-Sieger unsinnig ist, aber auf klassische Mello-Ware trifft es schon zu). Deshalb finde ich den Song auch relativ uninteressant. Zum einem hab ich das Gefühl alle Show- und Soundelemente schon mal irgendwo gesehen oder gehört zu haben, zum anderen sind es genau die Elemente, die ich am Mello nicht mag (gibt ja durchaus auch immer etwas „andere“, individuellere Mello-Beiträge). Allerdings gestehe ich dem Song zu, dass er Energie ausstrahlt. Weshalb er dann doch nicht in der Kiste „langweilig“ landet.

 

Social Media

Robin Bengtsson verfügt zwar über keine klassische Website, ist aber auf den verschiedenen Social-Media-Kanälen aktiv, wie Facebook, Instagram und Twitter.

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Vorschau: Heute Abend schaut sich mein DJ-Kollege Ohrmeister den griechischen Beitrag genauer an. Was hat Demy für Kiew in petto?

 

Bereits erschienen:

(1) Albanien: „World“ von Lindita
(2) Aserbaidschan: „Skeletons“ von DiHaj
(3) Australien: „Don’t come easy“ von Isaiah
(4) Belgien: „City Lights“ von Blanche
(5) Finnland: „Blackbird“ von Norma John
(6) Georgien: „Keep the faith“ von Tamara Gachechiladze
(7) Montenegro: „Space“ von Slavko Kalezić
(8) Portugal: „Amar pelos dois“ von Salvador Sobral